Ewigkeitskosten

Ewigkeitskosten, Ewigkeitslasten oder Ewigkeitsaufgaben sind Folgekosten und Belastungen, die zum Beispiel nach Beendigung des Bergbaus an bestimmten Orten entstehen oder bleiben und zumindest fĂŒr lĂ€ngere Zeit anfallen werden. Der Begriff wurde im Zusammenhang mit der endgĂŒltigen Stilllegung des deutschen Steinkohlenbergbaus geprĂ€gt; man kann ihn auch fĂŒr die Folgekosten anderer Bergbauzweige (beispielsweise des Uranbergbaus in Sachsen und ThĂŒringen) und anderer Industriezweige anwenden. Ewigkeitslasten kennzeichnen einen Industriezweig (neben einem unwiederbringlichen Verbrauch der Ressourcen) als nicht nachhaltig.
Bergbaufolgelandschaft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bergbaulandschaften, darunter sind sowohl die direkt als auch die indirekt von der bergbaulichen TĂ€tigkeit beeinflussten RĂ€ume zu verstehen, durchlaufen vom Zeitpunkt der vorbergbaulichen Landschaft bis zu einem âstabilen Endzustandâ mehrere Phasen.[1] Vor allem die Sanierung der Bergbaufolgelandschaften nimmt sehr lange ZeitrĂ€ume und sehr hohe finanzielle Mittel in Anspruch. Die dafĂŒr anfallenden gesellschaftlichen Kosten werden als Ewigkeitslasten bezeichnet.[2][3][4]
Ewigkeitslasten im deutschen Steinkohlenbergbau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zu den Ewigkeitslasten des Steinkohlebergbaus gehören die Grubenwasserhaltung, die PoldermaĂnahmen und die Grundwasserreinigung. Hierzu gehört insbesondere das Pumpen von Wasser in die aufgrund der Bergsenkung höher liegende Vorflut (zum Beispiel bei dem Fluss Boye).
Im deutschen Steinkohlenbergbau wurde die ErdoberflÀche bis zu 40 Meter abgesenkt.[5]
Kosten und Finanzierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Laut einem 2006 erstellten Gutachten der WirtschaftsprĂŒfungsgesellschaft KPMG im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums belaufen sich die Ewigkeitskosten des deutschen Steinkohlebergbaus auf mindestens 12,5 bis 13,1 Milliarden Euro.[6] Die Grubenwasserhaltung verursacht mit 5 Milliarden Euro die höchsten Kosten, Risiken fĂŒr das Trinkwasser sind nicht eingerechnet. Dem gegenĂŒber stehen RĂŒckstellungen der RAG von nur 6 Milliarden Euro.
Die Ăbernahme der Ewigkeitskosten des deutschen Steinkohlenbergbaus ist durch das Steinkohlefinanzierungsgesetz vom Dezember 2007 geregelt. Im Vorfeld wurde auf Wunsch der RAG Aktiengesellschaft und im Einvernehmen mit dem Bund, den BundeslĂ€ndern NRW und Saarland sowie der IG BCE die RAG-Stiftung gegrĂŒndet. Zweck und Aufgabe der RAG-Stiftung ist es unter anderem, ein Stiftungsvermögen zu verwalten, das seit 2019 zur Finanzierung der Ewigkeitskosten (DauerbergschĂ€den, Grubenwasserhaltung und Grundwasserreinigung) verwendet wird.
Entsprechend dem Gutachten der WirtschaftsprĂŒfungsgesellschaft KPMG[6] sollte der Kapitalstock der Stiftung bis Ende 2018 ein Niveau von mindestens 8 Milliarden Euro erreichen. Dazu wurde im Jahr 2007 zwischen der RAG-Stiftung und der RAG Aktiengesellschaft ein Beherrschungs- und ErgebnisabfĂŒhrungsvertrag geschlossen. AuĂerdem erwarb die RAG-Stiftung die Evonik Industries von der RAG Aktiengesellschaft. Im Mai 2024 betrug das Stiftungsvermögen rund 18 Milliarden Euro.[7] Im Jahr 2023 waren 266 Millionen Euro fĂŒr âEwigkeitsaufgabenâ aufgewendet worden, 19 Millionen Euro mehr als 2022.
Ewigkeitslasten des Ruhrreviers
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Steinkohlenbergbau des Ruhrgebiets wurde die ErdoberflĂ€che bis zu 25 Meter[5] abgesenkt. Die Innenstadt Essens liegt beispielsweise 16 Meter tiefer. Ohne stĂ€ndiges Pumpen des Grundwassers wĂ€ren weite Teile des Ruhrgebiets eine Seenlandschaft. Fast ein FĂŒnftel der Region (in den Grenzen des Regionalverbands Ruhr mit 4.435 kmÂČ FlĂ€che) stĂŒnde unter Wasser.[8]
Allein in Duisburg-Walsum werden 20 Millionen Kubikmeter jÀhrlich abgepumpt. Die Entwicklung geht dahin, zentrale Pumpanlagen wie in Walsum zu errichten.[9] Derzeit wird an zehn Stellen im Ruhrgebiet Grubenwasser an die OberflÀche gepumpt, an zwei weiteren wird derzeit gearbeitet, eine dreizehnte Stelle lag mit Stand von 2016 trocken. Insgesamt werden im Ruhrgebiet rund 80 Millionen Kubikmeter jÀhrlich an die OberflÀche gepumpt.[10]
Die Planungen der RAG Aktiengesellschaft sahen vor, dass mit dem Ende der Kohlesubventionen und dem Ende des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet 2018 das Abpumpen des Grundwassers eingestellt wird, wodurch jĂ€hrliche Kosten von etwa 200 Millionen Euro entfallen. Dadurch drohen sich WĂ€sser mit starker Salzbelastung und anderen Schadstoffen wie etwa PCB mit dem Grundwasser zu mischen. Die neuen Planungen der RAG (Stand 2019) sehen eine Wasserhaltung mit sechs Standorten vor. Der erste Schritt im Genehmigungsverfahren ist die UmweltvertrĂ€glichkeitsprĂŒfung.[11]
Auf Grund bergrechtlicher Genehmigungen (die umweltrechtliche Genehmigungen entbehrlich machten) wurden in den 1990er Jahren in vier Zechen (darunter die Zeche Consolidation, Zeche Haus Aden und Zeche Walsum, testweise auch Zeche Zollverein in Essen und Zeche Ewald/Zeche Hugo in Gelsenkirchen) im Ruhrgebiet mehr als 700.000 Tonnen hochgiftiger FilterstĂ€ube aus MĂŒllverbrennungsanlagen entsorgt. Nach der Einstellung der kĂŒnstlichen Senkung des Grundwasserspiegels durch Abpumpen droht eine Belastung des Grundwassers, befĂŒrchtet zum Beispiel Harald Friedrich. Die diesbezĂŒglichen Diskussionen waren Mitte 2013 noch nicht abgeschlossen.[12][13]
Ewigkeitslasten im Saarrevier
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]2012 schloss im Saarland die letzte Zeche.
Ein Beispiel fĂŒr die Gebiete im Saarrevier, die wegen Absenkung aufgrund des Bergbaus tiefer liegen als die EntwĂ€sserungssysteme, ist Reisbach in Saarwellingen.
Die RAG AG plant im Saarrevier, die Grubenwasserhaltung langfristig einzustellen. Der Grubenwasserspiegel soll in mehreren Phasen ansteigen; bis zum Jahr 2035 sollen die Bergwerke im Saarland komplett geflutet sein.[14] Der Erblastenvertrag aus dem Jahr 2007 schlieĂt das nicht aus.[15]
GegenĂŒber den geplanten Kosten 16,5 Millionen Euro fĂŒr die Hebung von 18 Millionen Kubikmetern Grubenwasser aus den geschlossenen Saar-Zechen pro Jahr liegen die Kosten 2019 bei rund 50 Millionen Euro.[16]
Ewigkeitslasten im deutschen Braunkohletagebau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Braunkohleabbau vorzugsweise im Tagebau fĂŒhrt zu erheblichen LandschaftsverĂ€nderungen, etwa am Niederrhein oder im Lausitzer Braunkohlerevier. Auch der Tiefbau fĂŒhrt, meist ĂŒber Bergsenkungen, zu erheblichen LandschaftsverĂ€nderungen.
Diesen Ewigkeitsfolgen soll beispielsweise im Braunkohlenbergbau durch Gestaltung einer Bergbaufolgelandschaft entgegengewirkt werden. Dabei wird zum Beispiel die natĂŒrliche Terrassenlandschaft aus den Uferterrassen des Rheins durch eine Kunstlandschaft ersetzt.
An den kĂŒnstlichen Seen entstehen zuweilen Rutschungen.
Ewigkeitslasten im deutschen Uranbergbau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zwischen 1950 und 1990 förderte die Wismut in Sachsen und ThĂŒringen Uran sowohl im Tage- als auch hauptsĂ€chlich im Untertagebau. Das sich in diesen Bergbauanlagen sammelnde Wasser muss ausgepumpt und gereinigt werden.[17]
Ewigkeitslasten der Kernenergie in Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Bundesamt fĂŒr Strahlenschutz fordert, hoch radioaktive AbfĂ€lle ĂŒber eine Million Jahre sicher von der Umwelt abzuschlieĂen.[18] Ein tiefengeologisches Endlager fĂŒr AtommĂŒll nach deutschem Recht wĂŒrde die AbfĂ€lle âpassiv und wartungsfreiâ entsorgen[19] â ein geologisch geeigneter und politisch durchsetzbarer Standort ist allerdings noch nicht gefunden (Endlagersuche). Daher wird deutscher AtommĂŒll in oberirdischen Zwischenlagern gelagert, was mit erheblichen Kosten verbunden ist.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Quarks: GefÀhrliches Erbe - wie wir die Folgen des Bergbaus bewÀltigen auf YouTube, 11. November 2018, abgerufen am 16. September 2026 (Erstausstrahlung am 6. November 2018).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Sabine Tischew: Renaturierung nach dem Braunkohleabbau. Springer-Verlag, 2013, S. 25â26.
- â Gesellschaftliche Kosten der Braunkohle (S. 6 f.) Greenpeace, abgerufen am 25. MĂ€rz 2019
- â Finanzielle Vorsorge im Braunkohlebereich (S. 48 f.) Forum Ăkologisch-Soziale Marktwirtschaft, abgerufen am 25. MĂ€rz 2019
- â Eine Frage der Kohle Die Welt vom 30. September 2016, abgerufen am 25. MĂ€rz 2019
- 1 2 Land unter â Leben auf Pump(en). In: Webseite der Sendung [w] wie wissen. Das Erste, 18. Juni 2014, abgerufen am 10. Februar 2018.
- 1 2 KPMG-Studie: Ewigkeitskosten der Kohle betragen 13 Milliarden Euro - UnwĂ€gbare Risiken fĂŒr Trinkwasser. In: PresseBox-Webseite. Pressemitteilung Wirtschaftswoche, 14. Dezember 2006, abgerufen am 10. Februar 2018.
- â NTV: Vermögen der RAG-Stiftung steigt auf 18 Milliarden Euro, 11. Juni 2024
- â Thomas Mader: Warum das Ruhrgebiet ohne Pumpen eine Seenplatte wĂ€re.
- â Quarks: Wie wir die Folgen des Bergbaus bewĂ€ltigen.
- â Roland Knauer: Eine Frage der Kohle. In: welt.de. 30. September 2016, abgerufen am 27. Januar 2024.
- â Tobias Heubach: Der Weg in die Ewigkeit. Auftakt fĂŒr die abschlieĂenden Genehmigungsverfahren zum Grubenwasserkonzept NRW. In: Steinkohle. Das Mitarbeitermagazin der RAG Aktiengesellschaft, Jg. 2019, Heft 3, S. 8â9, hier S. 8.
- â Johannes Nitschmann: Tickende Zeitbomben in stillgelegten Zechen. In: Die Welt. 28. Juli 2013, abgerufen am 10. Februar 2018.
- â Timo Kessler, Elke Mugova, Henning Jasnowski-Peters, Thomas Rinder, Marion Stemke, Christian Wolkersdorfer, Sylke Hilberg, Christian Melchers, Wilhelm Struckmeier, Georg Wieber, Maria-Th. Schafmeister: Grundwasser in ehemaligen deutschen Steinkohlenrevieren â ein wissenschaftlicher Blickwinkel auf Grubenflutungen. In: Grundwasser. Band 25, Nr. 4, Dezember 2020, ISSN 1430-483X, S. 259â272, doi:10.1007/s00767-020-00460-0 (springer.com [abgerufen am 10. Juli 2023]).
- â Janosch Neumann: Bergrecht, Wasserrecht. Nicht ewige Ewigkeitslasten: Bundesregierung beantwortet Rechtsfragen zum geplanten Grubenwasseranstieg im Saarrevier. In: umweltrecht.legal. Heinemann & Partner RechtsanwĂ€lte Partnergesellschaft mbB, 20. Juli 2018, archiviert vom am 18. November 2018; abgerufen am 15. Januar 2021.
- â Johannes Schleuning: Grubenwasser: RAG sieht keine Pflicht zum âewigen Pumpenâ. In: saarbruecker-zeitung.de. 25. Januar 2018, abgerufen am 5. MĂ€rz 2024.
- â Alexander Preker: Saarland: Streit ĂŒber Flutungen der alten Steinkohle-Bergwerke spitzt sich zu. In: Spiegel Online. 9. Februar 2019, abgerufen am 12. April 2020.
- â Archivierte Kopie ( des vom 18. November 2018 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
- â Klaus Brunsmeier, Michael MĂŒller: Die Ewigkeitslasten des Atomzeitalters â Meinung. In: fr.de. 4. Juli 2016, abgerufen am 12. April 2020.
- â § 19 EndlSiAnfV - Einzelnorm. Abgerufen am 17. Februar 2022.