Zum Inhalt springen

Glockenfriedhof

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
AusfĂŒhrungsbestimmungen fĂŒr die Beschlagnahme von Glocken, Saarlouis den 17. MĂ€rz 1917, gez. Levacher

Glockenfriedhof ist die gebrĂ€uchliche Bezeichnung eines Platzes fĂŒr Glocken, auf dem im Ersten und Zweiten Weltkrieg Kirchenglocken, Rathausglocken u. À. im Zuge von sogenannten Glockenablieferungen gesammelt wurden. Glocken waren wegen ihrer Bronze kriegswichtiges Material und wurden wĂ€hrend des Ersten und Zweiten Weltkrieges zuerst freiwillig abgegeben, dann zwangsweise eingezogen. In Deutschland waren sie Teil der sogenannten Metallspende des deutschen Volkes.

Von den SammelplĂ€tzen aus gelangten die Glocken zur industriellen Weiterverarbeitung. Der grĂ¶ĂŸte Teil der eingezogenen Glocken ging so verloren. Ein kleinerer Teil blieb nach Kriegsende ĂŒbrig und wurde in einer Jahre dauernden Identifizierungsaktion so weit wie möglich den jeweiligen Heimatgemeinden zurĂŒckgegeben.

Erster Weltkrieg

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Glockenfriedhof im Innsbrucker Stadtteil Wilten im Ersten Weltkrieg, um 1917

Freiwillige Glocken-Aktion

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 1915 startete eine Aktion zur freiwilligen Abgabe von Kirchenglocken, nur Glocken aus dem 19. und 20. Jahrhundert standen zur Einschmelzung frei.[1] Diese waren bis Mai 1917 verbraucht.

1. Glocken-Aktion 1916/17

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Norm fĂŒr die erste Zwangsabgabe galt, dass zwei Drittel des Gesamtgewichts der Glocken eines jeden Pfarrbezirks abgenommen werden mussten. Der Erlös sollte als Glockenfonds angelegt werden und zur Neubeschaffung gleichwertiger Glocken nach dem Ersten Weltkrieg dienen. Die Abgabe der Glocken wurde damit als „Ausleihe“ an das Vaterland in schwerer Zeit gedeutet. Nach Wiederkehr geordneter VerhĂ€ltnisse sollte es jeder Pfarrgemeinde möglich sein, die GelĂ€ute zu erneuern oder sogar zu vergrĂ¶ĂŸern. Vereinbart war auch, dass die Glocken nicht vom Turm herabgeworfen werden dĂŒrfen und in ganzem Zustand abzuliefern sind.[2]

Die erste „Glockenaktion“ wurde vom 27. September 1916 bis 25. Mai 1917 durchgefĂŒhrt.[2] Auf den SammelplĂ€tzen wurden die Glocken gewogen und dokumentiert.

2. Glocken-Aktion 1917/18

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaum waren die letzten Glocken aus der ersten Glockenaktion abgenommen, verlautbarte das Reichsgesetzblatt Nr. 227 die Inanspruchnahme aller Glocken, welche einen Durchmesser von mehr als 25 cm hatten.[2] Ausgenommen waren Glocken von besonderem kĂŒnstlerischen oder historischen Wert. Von den im 17. und 18. Jahrhundert gegossenen Glocken sollten nur jene mit besonderem figuralen oder ornamentalen Schmuck oder mit geschichtlich bedeutungsvollen Inschriften erhalten bleiben. Von den Glocken aus dem 19. Jahrhundert sollten nur einzelne exemplarische Objekte verschont werden.[2]

Auf dringendes Ersuchen der bischöflichen Ordinariate bewilligte das Kriegsministerium am 11. Juni 1917, dass bei jeder Kirche wenigstens die jeweils kleinste Glocke verbleibe.[2] Die zweite Glockenaktion wurde vom 20. November 1917 bis 12. April 1918 durchgefĂŒhrt. Der Erlös musste in die VII. und VIII. Kriegsanleihe angelegt werden.[2]

Die Glocken wurden in Glockenausweisen kategorisiert, um wertvolle Glocken so unter Schutz stellen zu können, wobei lediglich Glocken aus der Zeit vor 1600 geschĂŒtzt blieben. GeschĂŒtzte Glocken wurden zudem mit roter Farbe gekennzeichnet, um irrtĂŒmliche Abnahmen zu vermeiden. Glocken aus „Kupfer oder Kupferlegierungen (Bronze, Messing, Rotguß usw.)“ wurden in vier Kategorien eingeteilt:[3]

1. Kategorie: Glocken, die aus Kupfer oder Kupferlegierungen bestehen, mit einem Ă€ußeren Durchmesser kleiner 25 cm werden nicht fĂŒr Kriegszwecke in Anspruch genommen.
2. Kategorie: Glocken fĂŒr Signalzwecke bei Eisenbahnen und auf Schiffen werden nicht fĂŒr Kriegszwecke in Anspruch genommen.
3. Kategorie: Glocken mit besonderem kĂŒnstlerischem oder historischem Wert, fĂŒr dessen Feststellung die Organe des Staatsdenkmalamtes berufen sind, werden nicht fĂŒr Kriegszwecke in Anspruch genommen. Im Zweifelsfalle entscheidet das Ministerium fĂŒr Kultus und Unterricht. Die Entscheidung wird dem zustĂ€ndigen MilitĂ€rkommando mitgeteilt.
4. Kategorie: Glocken, die nicht zu Kirchen und Kapellen gehören, sind vom Besitzer dem örtlich zustĂ€ndigen MilitĂ€rkommando mit genauer Angabe der Adresse bis spĂ€testens 6. Juni 1917 bekannt zu geben und dĂŒrfen vom Besitzer nicht verĂ€ußert oder verarbeitet werden. Vier Wochen nach Verlautbarung dieser Verordnung vom 22. Mai 1917 kann der Besitzer die Glocken an das zustĂ€ndige MilitĂ€rkommando verĂ€ußern oder das MilitĂ€rkommando ist berechtigt, die in Anspruch genommenen Glocken einzuziehen oder erforderlichenfalls abzunehmen.[4]

In Oberösterreich wurden bei der ersten Glockenaktion 1.137 Glocken mit einem Gewicht von knapp 553 Tonnen und in der zweiten Glockenaktion 561 Glocken mit ĂŒber 182 Tonnen abgeliefert, in Summe also 1.698 Glocken mit 735 Tonnen Metall.[2] Die gewichtsmĂ€ĂŸig grĂ¶ĂŸten Ablieferer waren Stift Mondsee (4.364 kg), Stift SchlĂ€gl (3.030 kg), der alte Dom in Linz (2.937 kg) und die Stadtpfarrkirche Steyr (2.906 kg).[5] GĂ€nzlich verschont blieben in Oberösterreich die Glocken im Stift St. Florian, im Neuen Dom in Linz und in der Stadtpfarrkirche SchĂ€rding.[5] Wertvolle alte Glocken blieben auch in der Pfarrkirche Mauthausen und in der Stadtpfarrkirche Freistadt erhalten. Bereits 1917 war die Glockengießerei St. Florian gegrĂŒndet worden, um den Bedarf an neuen Glocken nach Kriegsende decken zu können.

Deutsches Reich

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Deutschen Kaiserreich wurden Glocken (und zwar nur solche aus Bronze) konfisziert, teilweise auch freiwillig abgeliefert, und auf Glockenfriedhöfen zwischengelagert. Dabei wurden die Glocken in drei Gruppen eingeteilt:[6]

  • Gruppe A: Glocken, fĂŒr die eine ZurĂŒckstellung oder Befreiung gemĂ€ĂŸ Gruppen B oder C nicht infrage kam.
  • Gruppe B
  1. Glocken mit nur mĂ€ĂŸigem wissenschaftlichen, geschichtlichen oder kĂŒnstlerischen Wert bzw. wenn fĂŒr in Gruppe C einzustufende Glocken noch keine endgĂŒltige Beurteilung vorlag (Kennwort „Kunstwert“).
  2. Glocken, die als GelĂ€ut erforderlich waren, ohne dass die BefreiungsgrĂŒnde 1) oder 3) geltend gemacht werden konnten (zu melden mit dem Kennwort „LĂ€uteglocke“). In diesem Fall wurde nur die leichteste Bronzeglocke vorlĂ€ufig zurĂŒckgestellt.
  3. Glocken, fĂŒr die eine EntschĂ€digung unter den reinen Einbaukosten von Ersatzglocken (ohne die Kosten fĂŒr die Ersatzglocke selbst) gezahlt worden wĂ€re (Kennwort „hohe Einbaukosten“).
  • Gruppe C: Glocken mit besonderem wissenschaftlichen, geschichtlichen oder kĂŒnstlerischen Wert (sofern vom zustĂ€ndigen SachverstĂ€ndigen bescheinigt). Vor dem Vorliegen des Gutachtens waren die Glocken in Gruppe B einzustufen.

FĂŒr abzuliefernde Glocken wurde eine EntschĂ€digung („Übernahmepreis“) gezahlt, und zwar

  • fĂŒr Glocken ĂŒber 665 kg 2 Mark pro kg zuzĂŒglich 1.000 Mark GrundgebĂŒhr
  • fĂŒr Glocken unter 665 kg 3,50 Mark pro kg (ohne zusĂ€tzliche GrundgebĂŒhr).

SchĂ€tzungen gehen davon aus, dass im Ersten Weltkrieg rund 65.000 Glocken eingeschmolzen wurden. Die Glocken von vor 1860 (Gruppe B und C) wurden verschont.[7] Eine Publikation von 1954 spricht von 21.000 Tonnen Glocken, die abgegeben werden mussten – das entspricht einer Anzahl von etwa 60.000 bis 70.000 Glocken (so soll der Verlust in ThĂŒringen 3.000 bis 4.000 Glocken betragen haben).[8]

Zur Förderung der Erinnerungskultur rief 1917 die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Volkskunde dazu auf, „GlockensprĂŒche, Glockensagen und GlockenbrĂ€uche“ zu sammeln, was jedoch nur im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin in grĂ¶ĂŸerem Umfang erfolgte. Ansonsten begnĂŒgten sich die Einsender hĂ€ufig mit der Beschreibung der Glocken und ihrer Abnahme. Nach Kriegsende befanden sich 365 der Einschmelzung entgangene, aber auch nicht inventarisierte Glocken bei der Berliner Metall-Mobilmachungsstelle. Daher wurde eine Liste mit detaillierten Beschreibungen zur Identifizierung der Glocken gedruckt, was zumindest in 250 FĂ€llen auch gelang.[9]

Zweiter Weltkrieg

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Hamburger Glockenfriedhof im Freihafen
Hamburger Glockenfriedhof 1947

Umstellung der Rohstoffzufuhr

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reichsstelle fĂŒr Metalle in Berlin, eine ausfĂŒhrende Stelle des Reichswirtschaftsministeriums, steuerte die Zuteilung der Rohstoffe und die Verwendung der Produkte. In der Norddeutschen Affinerie wurden nach Kriegsbeginn die ausfallenden Erz- und Rohmetalllieferungen aus Übersee durch Lieferungen aus Norwegen, Finnland, Jugoslawien und der TĂŒrkei ersetzt. Ferner lieferte die Reichsstelle fĂŒr Metalle ab 1940 Metalle aus der Metallspende des deutschen Volkes, requirierte Kirchenglocken aus Deutschland und den besetzten Gebieten, BronzedenkmĂ€ler und Altmetall an die HĂŒttenwerke weiter.[10][11]

Requirierung der Glocken

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die NS-Verwaltung klassifizierte die Glocken in die Typen A, B, C und D. Die Typen C und D reprĂ€sentierten historisch wertvolle Glocken. WĂ€hrend A und B sofort hergegeben werden mussten, war Typ C in „Warteposition“, wohingegen Typ D geschĂŒtzt war. FĂŒr den „Endsieg“ ließ manch ein BĂŒrgermeister auch die historisch wertvolle Glocke (Typ D) vom Turm nehmen.[12] Pro Kirche wurde nur eine LĂ€uteglocke zugestanden, meistens die leichteste. Glocken aus dem 16. und 17. Jahrhundert und aus dem Mittelalter wurden nicht grundsĂ€tzlich verschont.[7] Stahlglocken wurden nicht eingezogen.[13]

In den Niederlanden wurden im Zeitraum von Ende 1942 bis Anfang 1943 Glocken konfisziert, aus den KirchtĂŒrmen abgeseilt, in Zwischenlagern gesammelt und dann per Schiff nach Deutschland abtransportiert.[14]

Einschmelzung der Glocken

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

SchĂ€tzungen gehen davon aus, dass im Zweiten Weltkrieg rund 45.000 Glocken in Deutschland dem von der NS-FĂŒhrung befohlenen Glocken-Sterben zum Opfer fielen. Allein im Gebiet der Evangelisch-Lutherischen Kirche in ThĂŒringen waren es 2.584 Glocken.[15] DarĂŒber hinaus wurden noch weitere 35.000 Glocken aus den besetzten Gebieten eingeschmolzen.

Die Glocken gingen hauptsĂ€chlich an die HĂŒttenwerke Norddeutsche Affinerie und Zinnwerke Wilhelmsburg, beide in Hamburg.[16] In der Norddeutschen Affinerie wurden ab 1941 Kirchenglocken der A-, B-, C-Kategorie vorwiegend mit Eisenbahnwaggons angeliefert. A-Glocken wurden sofort verarbeitet, B- und C-Glocken zurĂŒckgestellt. Der festgestellte Wert musste sofort an die Reichsstelle fĂŒr Metalle bezahlt werden. ZunĂ€chst wurde ein vorhandener Konverter, ab Juli 1942 wurden zwei Konverter in der nordwestlichen Anbauhalle der KupferraffineriehĂŒtte eingesetzt.[11]

Glockenfriedhöfe

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Nach ihrer Abnahme von den TĂŒrmen wurden die Glocken gesammelt und durch die Kreishandwerkerschaften in Schiffsladungen und GĂŒterzĂŒgen den HĂŒttenwerken zugefĂŒhrt. Wegen der gĂŒnstigen und damals noch ungestörten Verkehrsverbindungen erhielten die beiden HĂŒttenwerke in Hamburg den weitaus grĂ¶ĂŸten Teil aller Glocken. Die anderen deutschen KupferhĂŒtten in Oranienburg, Hettstedt, Ilsenburg, Kall und LĂŒnen wurden an der Verschrottung in geringerem Maße beteiligt.“

– W. Finke: Die Tragödie der deutschen Kirchenglocken, 1957[7]

Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel (auch Glockenlager genannt) handelte es sich um ein großes GelĂ€nde, das ehemalige Holzlager am Reiherstieg, in der NĂ€he des Hamburger Hafens, das zur Zwischenlagerung von Kirchenglocken aus dem gesamten Deutschen Reich und den damals besetzten Gebieten diente. Die Glocken wurden wegen Platzmangels pyramidenförmig gestapelt und wurden dadurch und durch die Bombardierung beschĂ€digt.

Zwischen 1939 und 1945 wurden zahlreiche, zum Teil auch berĂŒhmte Glocken und BronzedenkmĂ€ler bei der Norddeutschen Affinerie eingeschmolzen und gingen damit fĂŒr immer verloren. Insgesamt wurden etwa 90.000 Glocken nach Hamburg geschafft, von denen etwa 75.000 eingeschmolzen wurden.

Alleine auf dem Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel warteten bei Kriegsende noch weit ĂŒber 10.000 Glocken auf den Schmelzofen.[17][18]

Glockenfriedhof am Kaiserkai in Hamburg

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Fotograf Heinrich Hamann fotografierte nach Kriegsende die Zerstörungen im Hamburger Hafen durch den Zweiten Weltkrieg. Diese Bilder sind im Archiv des Internationalen Maritimen Museums aufbewahrt (ĂŒbernommen aus dem Hamburger Archiv Fuchs). Ein Bild zeigt den Kaiserkai als Glockenlager zwischen Sandtorhafen und Schuppen 10.

Weitere Glockenfriedhöfe

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glockenfriedhöfe gab es insbesondere in der NĂ€he von HĂŒttenwerken. Bei Kriegsende lagerten Glocken neben dem Standort in Veddel an folgenden SammelplĂ€tzen:[19][7]

RĂŒckfĂŒhrung erhaltener Glocken

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der deutschlandweiten Beschlagnahme der Glocken kamen auf den Lagerhöfen der SchmelzhĂŒtten und auf den Glockenfriedhöfen Zehntausende von Glocken zusammen. Dort wurden sie aus Platzmangel doppelt oder mehrfach ĂŒbereinander gestapelt. Die Folgen zeigten sich bei vielen nach Kriegsende zurĂŒckgefĂŒhrten Glocken nach lĂ€ngerem LĂ€uten: sie zersprangen, weil sie (fĂŒr das Auge nicht sichtbare) Haarrisse hatten.[21]

Die jeweils nach Kriegsende in den Glockenfriedhöfen verbliebenen, d. h. noch nicht eingeschmolzenen, Glocken wurden nach Möglichkeit zurĂŒckgefĂŒhrt, was aber aufgrund mangelnder Zuordnung nicht immer möglich war.

Friedrich Wilhelm Schilling (1914–1971) war nach dem Zweiten Weltkrieg als Kustos des Glockensammellagers Hamburg und wie sein Onkel Franz August Schilling in Apolda bei der RĂŒckfĂŒhrung der Glocken tĂ€tig. Er sorgte fĂŒr die RĂŒckfĂŒhrung von mehr als 13.000 Glocken, die im Hamburger Freihafen lagerten und vom Einschmelzen verschont geblieben waren.

Nach aufwĂ€ndigen, teilweise Jahre dauernden Identifizierungsmaßnahmen von Vertretern der Kirche und des Denkmalschutzes im GlockenbĂŒro, dem spĂ€teren Ausschuss fĂŒr die RĂŒckfĂŒhrung der Glocken (ARG), wurden die meisten dieser Glocken wieder an ihre Heimatgemeinden zurĂŒckgegeben. Bei Glocken aus den ehemaligen deutschen, nun aber polnischen bzw. sowjetischen Ostgebieten war die RĂŒckfĂŒhrung wegen der politischen VerhĂ€ltnisse nicht möglich. Außerdem wurden die Kirchengemeinden in der Sowjetunion und in Polen enteignet und im Falle von Polen richteten sich römisch-katholische Gemeinden in den KirchengebĂ€uden ein. Deshalb gab es nur selten eine Zustimmung zur RĂŒckfĂŒhrung und die Glocken wurden an westdeutsche Kirchengemeinden ĂŒbergeben; man nannte sie Leihglocke oder Patenglocke.

Bei der RĂŒckfĂŒhrung der Glocken nach Belgien und Polen kam es zu DiebstĂ€hlen von Glocken (was wegen des hohen Kupferpreises lukrativ war). Manche wurden auch im Hamburger Hafen gestohlen und manche auf dem Glockenfriedhof der HĂŒttenwerke Kayser in LĂŒnen.[7]

Dokumentation der Glocken

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt ein Glockenarchiv des Ausschusses fĂŒr die RĂŒckfĂŒhrung der Glocken (ARG), das im Germanischen Nationalmuseum in NĂŒrnberg aufbewahrt wird.[22] Die Glocken in Deutschland, soweit möglich auch die abgegangenen, sind in einem Glockenatlas registriert und fotografiert.[23][24][25] Akten des Ausschusses zur RĂŒckfĂŒhrung von Kirchenglocken befinden sich im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin.[26]

  • Simon Klampfl: Die „Patriotische Kriegsmetallsammlung“ (1915) des Österreichischen Museums fĂŒr angewandte Kunst. Diplomarbeit. UniversitĂ€t fĂŒr angewandte Kunst, Wien 2008.
  • Fortunat Schubert-Soldern: XVIII. Metallbeschlagnahmung in Österreich. In: Paul Clemen (Hrsg.): Kunstschutz im Kriege. Berichte ĂŒber den Zustand der KunstdenkmĂ€ler auf verschiedenen KriegsschauplĂ€tzen, 2 BĂ€nde, Leipzig 1919 (Band 2), S. 215–221.
  • Florian Oberchristl: Glockenkunde der Diözese Linz. Verlag R. Pirngruber, Linz 1941, 784 Seiten.
  • Rainer Vogel: Die militĂ€rische Requisition der Glocken in den Dekanaten Freudenthal / BruntĂĄl o. BruntĂĄl, JĂ€gerndorf / Krnov o. BruntĂĄl und Troppau / Opava o. Opava im Jahr 1917 in Österreich – Schlesien und Schlesien. MĂŒnchen 2009, Digitalisat.
Commons: Glockenfriedhof Hamburg – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Fortunat Schubert-Soldern: XVIII. Metallbeschlagnahmung in Österreich. In: Paul Clemen (Hrsg.): Kunstschutz im Kriege. Leipzig 1919, S. 219f.
  2. 1 2 3 4 5 6 7 Oberchristl 1941, S. 14.
  3. ↑ 227. Verordnung des Ministeriums fĂŒr Landesverteidigung im Einvernehmen mit den beteiligten Ministerien und im EinverstĂ€ndnisse mit dem Kriegsministerium vom 22. Mai 1917, betreffend die Inanspruchnahme von Glocken fĂŒr Kriegszwecke. In: Reichsgesetzblatt fĂŒr die im Reichsrate vertretenen Königreiche und LĂ€nder, Jahrgang 1917, S. 586, Digitalisat .
  4. ↑ Gesetzesgrundlage fĂŒr die militĂ€rische Requisition in der k. k. Monarchie. Zitiert nach Rainer Vogel: Die militĂ€rische Requisition der Glocken in den Dekanaten Freudenthal / BruntĂĄl o. BruntĂĄl, JĂ€gerndorf / Krnov o. BruntĂĄl und Troppau / Opava o. Opava im Jahr 1917 in Österreich - Schlesien und Schlesien. MĂŒnchen 2009, S. 4f und Fußnoten.
  5. 1 2 Oberchristl 1941, S. 719.
  6. ↑ Kreisausschuß Saarlouis (Hrsg.): AusfĂŒhrungsbestimmungen zu der Bekanntmachung vom 1. MĂ€rz 1917 betreffend Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung sowie freiw. Ablieferung von Glocken aus Bronze. Saarlouis 17. MĂ€rz 1917.
  7. 1 2 3 4 5 W. Finke: Die Tragödie der deutschen Kirchenglocken. In: Schlesische Bergwacht. SB57/N32/S570, 1957.
  8. ↑ Fritz Schilling (Superintendent in Sonneberg-Oberlind) / Evangelisch-Lutherische Kirche in ThĂŒringen, Landeskirchenrat (Hrsg.): Unsere Glocken - ThĂŒringer Glockenbuch. Gabe der ThĂŒringer Kirche an das ThĂŒringer Volk. Gewidmet dem „ThĂŒringer Glockengießermeister Dipl.-Ing. Franz Schilling in Apolda in Dankbarkeit fĂŒr seine Arbeit zum Besten unserer Gemeinden“. Jena 1954, S. 45.
  9. ↑ Franziska Dunkel: „KlĂ€nge des Mangels.“ In: Fastnacht der Hölle. Der Erste Weltkrieg und die Sinne. Haus der Geschichte Baden-WĂŒrttemberg, Stuttgart 2014, S. 136–139.
  10. ↑ Glockenfriedhof, (Quelle HWE). In: Franklin Kopitzsch, Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon. 2., durchgesehene Auflage. Zeiseverlag, Hamburg 2000, ISBN 3-9805687-9-2, S. 178.
  11. 1 2 Die Norddeutsche Affinerie wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs. In: Norddeutsche Affinerie (Hrsg.): 100 Jahre Norddeutsche Affinerie. Hamburg im April 1966, S. 73–76.
  12. ↑ Johann Werfring: Die triste Zeit der Glockenfriedhöfe. In: „Wiener Zeitung“ vom 6. Juni 2012, Beilage „ProgrammPunkte“, S. 7. Abgerufen am 12. Juni 2012.
  13. ↑ Siehe St. Gertrud (Hamburg-Uhlenhorst)#Turm, Uhr und Glocken
  14. ↑ Bilder vom Glockenraub in den Niederlanden auf der Internetseite von NIOD (Memento des Originals vom 31. Januar 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  15. ↑ Fritz Schilling / Evangelisch-Lutherische Kirche in ThĂŒringen, Landeskirchenrat (Hrsg.): Unsere Glocken - ThĂŒringer Glockenbuch. Gabe der ThĂŒringer Kirche an das ThĂŒringer Volk. Jena 1954, S. 45.
  16. ↑ Glockenfriedhof. (Quelle HWE). In: Franklin Kopitzsch, Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon. 2., durchgesehene Auflage. Zeiseverlag, Hamburg 2000, ISBN 3-9805687-9-2, S. 178.
  17. ↑ Kanonenfutter. Warum Kriegszeiten auch fĂŒr Glocken schlechte Zeiten waren (Memento des Originals vom 26. MĂ€rz 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (Artikel auf philippuskirche.de). Abgerufen am 12. Juni 2012.
  18. ↑ Noch einmal davongekommen. Heimkehr aus dem Glockenfriedhof In: „Der Spiegel“ 15/1947. Abgerufen am 12. Juni 2012.
  19. ↑ Franz-Josef Krause: Pfingsten werden sie gelĂ€utet (Memento vom 26. Juni 2013 im Webarchiv archive.today). In: Hamburger Wochenblatt FuhlsbĂŒttel vom 25. Mai 2012.
  20. ↑ Friedel Stratjel und Dieter Friedl: Heimatbuch der Marktgemeinde Bernhardsthal unter Einbeziehung der Schwesterngemeinden Reinthal und Katzelsdorf sowie der Nachbargemeinde Rabensburg (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Oktober 2026. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prĂŒfe den Link gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.) (= Internetversion des gedruckten Heimatbuches der Marktgemeinde Bernhardsthal von Robert Franz Zelesnik aus dem Jahr 1976), Bernhardsthal 2009–12, S. 82 (PDF; 3,6 MB).
  21. ↑ Franz Peter Schilling: Erfurter Glocken – Die Glocken des Domes, der Severikirche und des Petersklosters zu Erfurt (zugleich Doppelheft 72–73 der Reihe Das christliche Denkmal). Berlin 1968, S. 56.
  22. ↑ Glockenfriedhof. (Quelle HWE). In: Franklin Kopitzsch, Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon. 2., durchgesehene Auflage. Zeiseverlag, Hamburg 2000, ISBN 3-9805687-9-2, S. 178.
  23. ↑ Die zerstörten Glocken In: Museumsverein Meersburg (Hrsg.): Meersburger Spuren. Verlag Robert Gessler, Friedrichshafen, 2007. ISBN 978-3-86136-124-4, S. 105–108.
  24. ↑ Deutscher Glockenatlas. [Bearb. von Sigrid Thurm]. Begr. von GĂŒnther Grundmann. Fortgef. von Franz Dambeck. Hrsg. von Bernhard Bischoff u. Tilmann Breuer. Verlag Deutscher Kunstverlag, MĂŒnchen/Berlin.
  25. ↑ Deutsche BistĂŒmer, Beratungsausschuss fĂŒr das Deutsche Glockenwesen 2008: Empfehlungen zur Inventarisation von Glocken
  26. ↑ Bestand 52. LkAH N 048. Nachlass Christhard Mahrenholz. In: Arcinsys Niedersachsen. Abgerufen am 21. Dezember 2017.