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Kieselrot

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Als Kieselrot oder Kieselrotasche bezeichnet man eine rote Schlacke, die bei einem wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs angewandten Röstreduktionsverfahren zur Kupfergewinnung anfiel. In Deutschland wurde sie in den 1950er und 1960er Jahren ausgeliefert und vor allem als Belag fĂŒr Aschenbahnen und AschenplĂ€tze verwendet. Weiterhin wurden Gemeinden in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und DĂ€nemark beliefert.[1] Die Dioxin-Belastung von Kieselrot wurde erst 1991 entdeckt. In der Folge wurden zahlreiche Spiel- und SportplĂ€tze gesperrt und saniert. Kieselrot enthĂ€lt ein typisches Dioxinmuster, in dem hochchlorierte Dibenzofurane dominieren. Daneben enthĂ€lt es weitere hochchlorierte Verbindungen wie Hexachlorbenzol und polychlorierte Biphenyle.

Seit Ende der 1930er Jahre wurden in der KupferhĂŒtte im sauerlĂ€ndischen Marsberg (Westfalen) von einem Nachfolgeunternehmen der Stadtberger HĂŒtte AG Kupferschiefer-Vorkommen mit einem Kupfergehalt von nur 1,3–1,5 % abgebaut. Um möglichst viel Kupfer aus dem niedrigkonzentrierten Erz zu erhalten, verwendete man das Röstreduktionsverfahren: Dabei bildeten sich lösliche Kupfersalze, die aus dem erkalteten Roherz ausgelaugt werden konnten. Die zurĂŒckbleibende Schlacke wurde auf Halden deponiert.[2] Durch das Zusammenkommen von Kohlenstoff, Schwefel und Chlor bei einer vergleichsweise niedrigen Rösttemperatur entstanden im Röstgut erhebliche Verunreinigungen mit stark giftigen hochchlorierten Organochlorverbindungen wie Dioxin (s. Schadstoffentstehung und -belastung).

Im Sommer 1938, kurz nach Aufnahme der Produktion der KupferhĂŒtte im sauerlĂ€ndischen Marsberg, kam es im Raum Marsberg zu einem grĂ¶ĂŸeren Viehsterben. Der Betriebsleiter der HĂŒtte ging von einem Schaden von 600.000 bis 800.000 Reichsmark aus. 1939 warnte der Betriebsleiter der KupferhĂŒtte die Leitung der damaligen Hermann-Göring-Werke vor einer Verseuchung der Umwelt.[3]

Von 1955 bis wenigstens 1967 baute die Marsberger Tiefbaufirma Möllmann & Pohle 400.000 – 800.000 Tonnen der Schlacke wieder ab. Sie wurde unter der Bezeichnung Marsberger Kieselrot sowohl als Belag fĂŒr Sport- und SpielplĂ€tze als auch fĂŒr den Straßen- und Wegebau verkauft. Man verwendete das Material vor allem in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Bremen.[4] Nach Angaben des Spiegel (19/1991) sollen mindestens 800.000 Tonnen Dioxin-Schlacke vermarktet worden sein.[5]

Erst 1991 fielen bei Bodenuntersuchungen in der NĂ€he von Sport- und SpielplĂ€tzen, deren Belag aus Kieselrot bestand, extrem hohe Dioxingehalte auf. Schnell wurde die Schlacke der sauerlĂ€ndischen KupferhĂŒtte als Verursacher ermittelt.

Obwohl man trotz der hohen Bodenbelastung bei Blutuntersuchungen von insgesamt 98 Personen „lediglich bei einem Teil der Kinder geringfĂŒgig erhöhte Belastungen“ feststellte, welche „nach derzeitigem Kenntnisstand nicht als GesundheitsgefĂ€hrdung einzustufen“ seien, weil nur ein „geringer Transfer zum Menschen“ bestehe, empfahl man, diese PlĂ€tze aus VorsorgegrĂŒnden zu sperren und „vordringlich zu sanieren“.[6]

WĂ€hrend Nordrhein-Westfalen, Bremen und Hamburg nach ersten Ergebnissen einer Untersuchung an Einwohnern von Marsberg dioxinverseuchte SportplĂ€tze 1991 wieder freigaben, hielten LĂ€nder wie Bayern, Niedersachsen, Hessen und Baden-WĂŒrttemberg ihre Sportanlagen weiter geschlossen.[7]

Untersuchungen belegen, dass von den belasteten FlĂ€chen dioxinbelastete StĂ€ube in die nĂ€here Umgebung verweht wurden. Es wird davon ausgegangen, dass sie ĂŒber Jahre hinweg als Emissionsquellen fĂŒr Dioxine wirkten.[8]

Einzelne Beispiele

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In Bochum könnten „GemĂ€ĂŸ einem Erlass der Landesregierung vom 13.07.1991 (
) alle FlĂ€chen ohne gesundheitliche SchĂ€digungen genutzt“ werden. Kieselrot könne jedoch „Auswirkungen auf die Umwelt“ haben. Dennoch ließ die Stadt Bochum nach und nach alle PlĂ€tze von der Schlacke befreien. Die Sanierung war aber bis 2014 nicht abgeschlossen.[9]

Laut einer Veröffentlichung des Chemischen Untersuchungsamts NĂŒrnberg aus dem Jahr 1991 reiche selbst eine Sperrung nicht aus: „Um die Sicherheit der Anwohner der betroffenen Sportanlagen zu gewĂ€hrleisten“ heißt es dort, „reicht die Sperrung der Anlage nicht aus“. „Um eine Verwehung des belasteten Materials zu verhindern“, sei es notwendig, „die SportplĂ€tze oder -bahnen mit Folie so abzudichten, dass kein Staub mehr ausgetragen werden kann“. „Langfristig“ bleibe aber nur ein kompletter Austausch des belasteten Bodens, der „als SondermĂŒll zu gelten“ habe.[10]

Nachdem die ZusammenhĂ€nge geklĂ€rt waren, wurden in Deutschland etwa 1400 Sport- und KinderspielplĂ€tze gesperrt. Ein Teil der SportplĂ€tze wurde einige Zeit spĂ€ter wieder fĂŒr den Gebrauch freigegeben. Sie sind heute zum grĂ¶ĂŸten Teil saniert,[11] worunter man beispielsweise gemĂ€ĂŸ Erlass des Landesumweltministeriums NRW in den neunziger Jahren als „langfristige Sicherung auch das Belassen auf der FlĂ€che und die Aufbringung einer Sperrschicht“ verstand. Diese relativ kostengĂŒnstige Methode der Sanierung birgt jedoch Mehrkosten, weil die Entsorgung mit weiteren Baukosten entweder spĂ€ter anfĂ€llt[12] oder im Fall der StĂ€dte Bottrop und Schwerte auch das Risiko des erneuten Vordringens an die OberflĂ€che in sich birgt.

Die Stadt Bottrop sei 2013 „sehr ĂŒberrascht“ gewesen, dass die vom Land empfohlene Methode offenkundig nicht sicher sei. Demnach ergaben Kontrollen erneut „sehr hohe Dioxinwerte an der OberflĂ€che“, da die Deckschicht durch Aufweichung und GlĂ€tten des Platzes zerstört worden sei.[13] Dass unter dem Spielplatz in Schwerte-Ost eine Kieselrotaschenschicht liegt, war der Stadtverwaltung schon seit 1992 bekannt. Auch dort war das Material nach Erlass des Landesumweltministeriums damals mit Boden abgedeckt worden. 2015 war man gemĂ€ĂŸ einer Mitteilung der Unteren Bodenschutzbehörde des Kreises Unna noch zu der EinschĂ€tzung gekommen, „die vorhandene Abdeckung reiche aus“. 2017 ergab eine Sanierungsuntersuchung in OberflĂ€chenmischproben erneut Belastungen durch Kieselrot: UrsĂ€chlich wurde festgestellt, dass es zu „einer witterungsbedingten Abnutzung und Abtragung der Deckschicht“ gekommen sei. Die Verwaltung sperrte den Spielplatz. Durch das mitsamt der Deckschicht erhöhte Entsorgungsaufkommen liegt die Sanierung der Anlage und des Bolzplatzes am Lindenweg „mittlerweile im siebenstelligen Bereich“. Die Stadt Schwerte hat FörderantrĂ€ge gestellt.[14]

Schadstoffentstehung und -belastung

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Die im sauerlĂ€ndischen Marsberg verarbeiteten Kupferschiefer-Vorkommen mit einem Kupfergehalt von nur 1,3–1,5 % enthielten neben anderen Verunreinigungen bis zu 10 % Bitumen. Um möglichst viel Kupfer aus dem niedrigkonzentrierten Erz zu erhalten, verwendete man das Röstreduktionsverfahren: dem Kupferschiefer wurden bis zu 8 % Kochsalz und 2 % Pyrit beigemischt, dann wurde das Gemisch bei Temperaturen von 450 bis 600 °C geröstet. Dabei bildeten sich lösliche Kupfersalze, die aus dem erkalteten Roherz ausgelaugt werden konnten. Die zurĂŒckbleibende Schlacke wurde auf Halden deponiert.[2] Durch das Zusammenkommen von Kohlenstoff, Schwefel und Chlor bei einer vergleichsweise niedrigen Rösttemperatur entstanden durch De-novo-Synthese im Röstgut erhebliche Verunreinigungen mit hochchlorierten Organochlorverbindungen.[15] In der Schlacke wurden Chlorbenzole, Chlorphenole, polychlorierte Biphenyle und polychlorierte Naphthaline nachgewiesen. Daneben waren auch schwefelhaltige Verbindungen wie chlorierte Benzothiophene enthalten.

Die grĂ¶ĂŸte Bedeutung unter den Schadstoffen in der Schlacke haben die polychlorierten Dibenzodioxine und Dibenzofurane. Charakteristisch fĂŒr das Dioxinmuster von Kieselrot ist der besonders hohe Anteil der hochchlorierten Dibenzofuran-Kongenere. Als Gesamtgehalte an Dioxinen wurden 10.000–100.000 ng I-TEQ/kg Trockenmasse bestimmt.[2]

Gehalte an polychlorierten Dioxinen (PCDD) und Furanen (PCDF) von Kieselrot in ”g/kg[2]
Cl1DD – Cl3DD k. A. Cl1DF – Cl3DF k. A.
Cl4DD 9 Cl4DF 100
Cl5DD 23 Cl5DF 244
Cl6DD 32 Cl6DF 615
Cl7DD k. A. Cl7DF 1675
Cl8DD 530 Cl8DF 3140
Gesamt-PCDD 730 Gesamt-PCDF 6311

Gesundheitliche Folgen

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Bei SchĂŒrfwunden kann es zu sogenannten „SchmutztĂ€towierungen“ kommen, wenn Partikel bei StĂŒrzen tiefer in die Haut eindringen und insofern ohne Operation dauerhaft in der Haut verbleiben und ihr schĂ€digendes, z. B. wundheilungsstörendes oder karzinogenes, Potential dort entfalten können.[16]

Einzelnachweise

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  1. ↑ Exportschlager Kieselrot. In: Der Spiegel, Heft 18/1991, 29. April 1991, abgerufen am 30. Oktober 2018.
  2. 1 2 3 4 Karlheinz Ballschmiter, Reiner Bacher: Dioxine. Verlag Chemie (VCH), Weinheim 1996, ISBN 3-527-28768-X.
  3. ↑ Viele Bitterfelds (Memento vom 14. Oktober 2022 im Internet Archive). In: Der Spiegel, Heft 17/1991, 22. April 1991, abgerufen am 3. Juni 2018.
  4. ↑ Schul-AG Kieselrot aus Kassel: Abschnitt 3.4: Die Verbreitung von „Kieselrot“ (Memento vom 22. April 2005 im Internet Archive).
  5. ↑ Gifte – Kreislauf des Todes. In: Der Spiegel, Heft 19/1991, 6. Mai 1991, abgerufen am 2. Juni 2018.
  6. ↑ J. Wittsiepe, U. Ewers, F. Selenka: PCDD/F-Belastung nach Exposition gegenĂŒber Kieselrot (Memento vom 13. Juni 2007 im Internet Archive). In DECHEMA (Hrsg.): Kriterien zur Beurteilung organischer Bodenkontaminationen: Dioxine und Phthalate. Frankfurt 1995, S. 409–430.
  7. ↑ Lösung: Richtwerte hochsetzen. TAZ, 15. November 1991.
  8. ↑ Bundesministerium fĂŒr Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: 3. Bericht der Bund-/LĂ€nder-Arbeitsgruppe Dioxine, etwa 2001, Abschnitt 12.2.2 Kieselrot, S. 106 bzw. 116 (PDF-Anzeige).
  9. ↑ Jonas ErlenkĂ€mper: Stadt saniert Dioxin-belasteten Platz von Blau-Weiß Weitmar. waz.de, 17. August 2014.
  10. ↑ Ergebnisse aus Untersuchungsprogrammen des Chemischen Untersuchungsamtes: Dioxin-Belastung auf NĂŒrnberger SportplĂ€tzen durch „Kieselrot“-BelĂ€ge. umweltdaten.nuernberg.de, Juni 1991, abgerufen am 3. Juni 2018.
  11. ↑ Mögliche Gesundheitsbelastungen durch Kieselrot jetzt ausgeschlossen (Memento vom 5. Februar 2010 im Internet Archive). Pressemeldung des Landessportbundes Hessen, 12. Februar 2004.
  12. ↑ Martina KĂŒtterer: Baustelle Lugauf-Sportplatz: Leichtathletikbereich dioxinfrei. (Memento vom 12. Juni 2018 im Internet Archive) In: Ludwigsburger Kreiszeitung, 21. August 2015.
  13. ↑ Norbert JĂ€necke: Bagger sollen mit Dioxin verseuchte Asche von FußballplĂ€tzen in Bottrop entfernen. WAZ.de, 26. Januar 2013.
  14. ↑ Ingo Rous: Kieselrot in Schwerte-Ost: Wie lange dauert denn die Sperrung noch? ruhrtal-journal.de, 28. Februar 2018.
  15. ↑ Auftreten von Dioxinen (PCDD/PCDF) bei der Metallerzeugung und Metallbearbeitung (Memento vom 12. Juni 2018 im Internet Archive). BG-Information, S. 13, 2.0: Entstehung von PCDD und PCDF.
  16. ↑ „SchmutztĂ€towierung“ In: Altmeyers EnzyklopĂ€die: Dermatologie, abgerufen am 3. Juni 2018.