Louis Rivet
Louis Rivet (* 3. Januar 1883 in Montalieu-Vercieu; â 12. Dezember 1958 in Paris) war vor und wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs ein französischer Nachrichtendienstler und Offizier, zuletzt im Rang eines GĂ©nĂ©ral de brigade (Brigadegeneral). Er trug als Chef des DeuxiĂšme Bureau, also der zweiten Abteilung des Generalstabs des französischen militĂ€rischen Nachrichtendienstes, wesentlich zur AufklĂ€rung der Rotor-SchlĂŒsselmaschine Enigma bei, mit der die deutsche Reichswehr und spĂ€ter die Wehrmacht ihre FunksprĂŒche verschlĂŒsselte.[1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Geboren im DĂ©partement IsĂšre als Sohn eines Zimmermanns, arbeitete der junge Louis zunĂ€chst drei Jahre lang im Handwerksbetrieb seines Vaters, bevor er sich mit 19 Jahren entschloss, zum MilitĂ€r zu gehen. Im Jahr 1902 wurde er als Rekrut ins 140. französische Infanterieregiment aufgenommen und drei Jahre spĂ€ter (1905) zum Sergent (Unteroffizier) befördert. In der Zeit von 1908 bis 1909 besuchte er die damalige Offizierschule in Saint-Maixent, die er als Sous-lieutenant (Leutnant) abschloss. Unmittelbar darauf, am 1. Oktober 1909, wurde er zum 30. Infanterieregiment versetzt und dort 1911 zum Lieutenant (Oberleutnant) befördert. Ende MĂ€rz 1913 kam er zum 2e rĂ©giment de tirailleurs algĂ©riens (dem 2. Regiment der algerischen SchĂŒtzen), wo er am 28. Juli 1914 den Ausbruch des Ersten Weltkriegs miterlebte. Am 24. August 1914 wurde er in Florennes, beim Versuch die angreifenden deutschen StreitkrĂ€fte abzuwehren, schwer verwundet und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Erst unmittelbar vor Kriegsende, kam er im Oktober 1918 wieder frei.
Zu Beginn der Zwischenkriegszeit, im Jahr 1919, trat er, nun im Rang eines Capitaine (Hauptmann), dem DeuxiĂšme Bureau (deutsch âZweites BĂŒroâ) bei. Hierbei handelte es sich um die im Jahr 1871 als zweite Abteilung des französischen Generalstabs gegrĂŒndete Nachrichtenabteilung. Im Gegensatz zum Premier Bureau (deutsch âErstes BĂŒroâ), das fĂŒr die eigenen und verbĂŒndete Truppen zustĂ€ndig war, klĂ€rte das DeuxiĂšme Bureau die StreitkrĂ€fte der militĂ€rischen Gegner auf. Chef war zu der Zeit Colonel (Oberst) Fournier. Dieser schickte ihn 1920, wĂ€hrend der alliierten Rheinlandbesetzung, als Verbindungsoffizier zur französischen Rheinarmee (ArmĂ©e française du Rhin) nach Mainz. In den Jahren 1921 bis 1924 knĂŒpfte er in Warschau erste wichtige Kontakte zum polnischen Geheimdienst, wodurch ein Grundstein zur spĂ€teren Entzifferung der Enigma gelegt wurde. AnschlieĂend wechselte er nach Deutschland, wo er seine SpionagetĂ€tigkeiten unter dem Deckmantel einer âSuchmission nach Vermisstenâ fortsetzte, bevor er 1926 nach Frankreich zurĂŒckgerufen wurde.
Nachdem er im Jahr 1929 zum Commandant (Major) befördert worden war, wurde ihm Anfang 1935 ein Kommando beim 35. Infanterieregiment zugeteilt. Im Dezember desselben Jahres wurde er zum Lieutenant-colonel (Oberstleutnant) befördert und zum Generalstab versetzt. Auf Vorschlag von General Weygand (1867â1965) wurde er dort Chef des DeuxiĂšme Bureau.
Kurze Zeit spĂ€ter ĂŒberstĂŒrzten sich die Ereignisse. Auf Initiative der polnischen VerbĂŒndeten, kam es Ende Juli 1939 zu einem entscheidend wichtigen Geheimtreffen im Kabaty-Wald von Pyry (nahe Warschau). Gastgeber waren Oberst Stefan Mayer (1895â1981) und Oberstleutnant Gwido Langer (1894â1948) vom Biuro SzyfrĂłw (deutsch âChiffrenbĂŒroâ) des polnischen Geheimdienstes, zusammen mit den Kryptoanalytikern Major Maksymilian CiÄĆŒki (1898â1951), Marian Rejewski (1905â1980), Jerzy RĂłĆŒycki (1909â1942) und Henryk Zygalski (1908â1978). GĂ€ste waren ihre britischen Alliierten aus Bletchley Park in Person von Commander Alastair Denniston (1881â1961), Dillwyn Knox (1884â1943) und Commander Humphrey Sandwith (* 1894).[3] Von französischer Seite waren es Commandant Gustave Bertrand (1896â1976) sowie Capitaine Henri BraqueniĂ© (1896â1975).[4] Bertrand war Chef der Sektion D DĂ©cryptement et Interceptions des von Rivet geleiteten DeuxiĂšme Bureau und BraqueniĂ© dort einer der Kryptoanalytiker. WĂ€hrend des zweitĂ€gigen Treffens offenbarten die Polen ihren ĂŒberraschten VerbĂŒndeten sĂ€mtliche Methodiken und GerĂ€tschaften, mit denen es ihnen bereits seit 1932 erfolgreich gelungen war, den Enigma-verschlĂŒsselten deutschen Nachrichtenverkehr zu entziffern. Dazu gehörten auch Nachbauten der Enigma (Bild).
Gut einen Monat spĂ€ter fand der deutsche Ăberfall auf Polen statt und die Polen mussten aus ihrer Heimat fliehen. Am 26. Dezember 1939 wurde Rivet zum Colonel (Oberst) befördert. Im Juni 1940 musste er, nach der Niederlage Frankreichs, ebenfalls fliehen. Das DeuxiĂšme Bureau wurde offiziell aufgelöst, tatsĂ€chlich aber in die unbesetzte SĂŒdzone (Zone libre) des Vichy-Regimes verlegt. Diese musste im November 1942 aufgegeben werden, als die Wehrmacht Unternehmen Anton durchfĂŒhrte und ganz Frankreich besetzte. Rivet floh mit seinem Personal nach Algier.
Im April 1944 wurde der von seinen Untergebenen liebevoll âPetit Louisâ (deutsch âKleiner Ludwigâ) genannte Offizier zum Brigadegeneral befördert. FĂŒr seine Verdienste erhielt er den amerikanischen Orden Legion of Merit und ging im selben Jahr in den Ruhestand.[5][6][7]
General Louis Rivet starb in Paris im Alter von 75 Jahren.
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mit Olivier Forcade und Sébastien Laurent: Carnets du chef des services secrets 1936/1944. Nouveau Monde Editions, 2010, ISBN 2-847-36403-X.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Dermot Turing: X, YÂ &Â ZÂ â The Real Story of how Enigma was Broken. The History Press, Stroud 2018, ISBN 978-0-75098782-0.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- PortrÀtfoto
- PortrÀtfoto mit KÀppi eines Général de brigade
- Biographie du Général Louis Rivet bei Amicale des Anciens des Services Spéciaux de la Défense Nationale (französisch)
- Rivet Louis bei memoires de guerre (französisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Dermot Turing: X, YÂ &Â ZÂ â The Real Story of how Enigma was Broken. The History Press, 2018, ISBN 978-0-75098782-0.
- â Dermot Turing: X, Y & Z â The Real Story of how Enigma was Broken. The History Press, 2018, S. 205, ISBN 978-0-75098782-0.
- â Nationalarchiv: Name Sandwith, Humphrey Robert Date of Birth: 19 June 1894 Rank: Captain ... (englisch), abgerufen am 7. MĂ€rz 2019.
- â David Kahn: Seizing the Enigma â The Race to Break the German U-Boat Codes, 1939â1943. Naval Institute Press, Annapolis, MD, USA, 2012, S. 92. ISBN 978-1-59114-807-4.
- â Biographie du GĂ©nĂ©ral Louis Rivet bei Amicale des Anciens des Services SpĂ©ciaux de la DĂ©fense Nationale (französisch), abgerufen am 7. MĂ€rz 2019.
- â Louis Rivet, Olivier Forcade und SĂ©bastien Laurent: Carnets du chef des services secrets 1936/1944. Nouveau Monde Editions, 2010, ISBN 2-847-36403-X.
- â Dermot Turing: X, YÂ &Â ZÂ â The Real Story of how Enigma was Broken. The History Press, 2018, ISBN 978-0-75098782-0.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Rivet, Louis |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer General und Geheimdienstler |
| GEBURTSDATUM | 3. Januar 1883 |
| GEBURTSORT | Montalieu-Vercieu |
| STERBEDATUM | 12. Dezember 1958 |
| STERBEORT | Paris |
- Person mit Bezug zur Enigma-Maschine
- Nachrichtendienstliche Person (Frankreich)
- Person im Ersten Weltkrieg (Frankreich)
- Person im Zweiten Weltkrieg (Frankreich)
- Nachrichtendienstliche Person im Zweiten Weltkrieg
- TrÀger des Ordens Legion of Merit
- Brigadegeneral (Frankreich)
- Franzose
- Geboren 1883
- Gestorben 1958
- Mann