Management Audit
Der Begriff Management-Audit bezeichnet eine systematische EinschĂ€tzung von Kompetenzen und Leistungspotentialen von FĂŒhrungskrĂ€ften im Hinblick auf den strategischen Erfolg eines Unternehmens (gemessen am Unternehmenswert oder an der ErfĂŒllung von Erwartungen der Stakeholder).
Abgrenzung, Ziele und Bedeutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei einem Management-Audit handelt es sich nicht um ein Instrument der Eignungsdiagnostik, sondern um einen Prozess, bei dem zahlreiche Instrumente eingesetzt werden. Dieser Prozess beginnt mit der Entwicklung eines Kompetenzmodells aus der Unternehmensstrategie, fĂŒhrt weiter zur Leistungs- und Potentialbewertung der FĂŒhrungskrĂ€fte und endet mit der Ableitung strategischer und personalpolitischer MaĂnahmen.[1] Zu den hĂ€ufigsten empirischen Zielen von Management-Audits zĂ€hlen die FĂŒhrungskrĂ€fteentwicklung, die Nachfolgeplanung sowie die EinschĂ€tzung des Unternehmenswertes im Falle von Ăbernahmen und Fusionen. Hinzu kommt der Wunsch nach einer externen (neutralen) Meinung bei wichtigen personalpolitischen Entscheidungen. Weitere Einzelheiten und Quellenangaben enthĂ€lt die nebenstehende Abbildung 1.

In einer Expertenbefragung gaben rund 80 Prozent der Befragten an, dass sie mit einer zunehmenden Bedeutung von Management-Audits rechnen. Die Mehrzahl (52 Prozent) war mit den bisher durchgefĂŒhrten Audits im Allgemeinen zufrieden; rund 30 Prozent waren nur bedingt zufrieden und 18 Prozent unzufrieden. Diese relativ hohe Unzufriedenheit ist auf Probleme mit der ObjektivitĂ€t, mit dem Praxisbezug und auf fehlende operative Management- und FĂŒhrungserfahrungen von Beratern zurĂŒckzufĂŒhren. Gelegentlich wurde kritisiert, dass Beratungsunternehmen solche Projekte als reine Routine ablaufen lassen und zu wenig auf die kundenspezifische Anpassung achten, zumal dies ein wichtiger Erfolgsfaktor sei.[2]
Entwicklung und historischer Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Audit wurde in den 1940er und 1950er Jahren in den Vereinigten Staaten zunĂ€chst als Bewertungsinstrument fĂŒr Investitionen und Wertpapiere entwickelt und dann in vielen weiteren Bereichen eingesetzt. Diese reichen von Schulen ĂŒber KrankenhĂ€user bis hin zur Beurteilung weltweiter AktivitĂ€ten der Katholischen Kirche.[3] AnschlieĂend folgte die Anwendung auf Unternehmen. Eines der ersten systematischen Audits wurde vom American Institute of Management Anfang der 1960er Jahre ausgearbeitet. Nach diesem Konzept sind folgende Merkmale von Unternehmen zu analysieren und zu bewerten:[4]
- Economic Function (Wahrnehmung von Verantwortung fĂŒr die Industrie oder Gesellschaft)
- Corporate Structure (Bewertung der EffektivitÀt der Organisation)
- Health of Earnings (Ausschöpfung des wirtschaftlichen Potentials)
- Service to Stockholders (Fairness gegenĂŒber den Erwartungen der AktionĂ€re)
- Research and Development (Zukunftssicherung durch Forschung und Entwicklung)
- Directorate Analysis (Beitrag einzelner Top-Manager zum Unternehmenserfolg und Ausgleich von InteressengegensĂ€tzen zwischen Management, EigentĂŒmern und der Ăffentlichkeit)
- Fiscal Policies (Finanzielle SoliditÀt und Politik der Steuerzahlung)
- Production Efficiency (Wirtschaftlichkeit der essenziellen GeschÀftsprozesse)
- Sales Vigor (Schlagkraft von Marketing und Vertrieb)
- Executive Evaluation (QualitĂ€t der FĂŒhrungskrĂ€fte, insbesondere deren Kompetenzen, Engagement und IntegritĂ€t).
An dieser grundlegenden Struktur eines Management-Audits hat sich bis heute nicht sehr viel verÀndert. Die Weiterentwicklung konzentriert sich vielmehr auf einzelne Teilaspekte und Instrumente wie zum Beispiel Interviewtechniken, 360-Grad-Feedback, Kompetenzmodelle und Methoden der Unternehmensbewertung.
Derzeitige Einsatzmöglichkeiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Management-Audits können neben der Leistungs- und PotentialeinschÀtzung in den nachfolgenden GeschÀftssituationen wertvolle Hilfe leisten:[5]
- Strategische Neuausrichtung
- Wechsel in Top-Management
- Fusionen und UnternehmenszusammenschlĂŒsse
- Due Diligence
- Beteiligungen
- Umstrukturierungen
- Diversifikation in neue GeschÀftsfelder
In derartigen Situationen sollen Management-Audits zur besseren Personalsteuerung beitragen, die Kompetenzen an die gestiegenen Anforderungen prĂ€ziser anpassen und fĂŒr eine gröĂere Ăbereinstimmung von Kompetenzen und Anforderungen sorgen, weil die Wechselbereitschaft von Managern steigt. SchlieĂlich kommt es darauf an, SpitzenkrĂ€fte frĂŒher zu identifizieren und zu entwickeln (siehe Abbildung 2).

Typischer Ablauf eines Management-Audits in der Praxis
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach einer Studie des Steinbeis-Instituts fĂŒr Management-Innovation lĂ€sst sich der Ablauf wie folgt zusammenfassen:[6] Einem Management-Audit liegt in der Regel ein Kompetenzmodell des Unternehmens zugrunde. Es enthĂ€lt operational definierte Fach- und FĂŒhrungskompetenzen mit Verhaltensbeschreibungen, die zur Umsetzung der Unternehmensstrategie notwendig sind (Soll-Kompetenzen). Das Audit liefert dann eine EinschĂ€tzung der Ist-Kompetenzen. Aus dem Soll-Ist-Vergleich lassen sich Aussagen ĂŒber die ZukunftsfĂ€higkeit des Unternehmens und den Qualifizierungs- und Entwicklungsbedarf der FĂŒhrungskrĂ€fte ableiten.
Die Bewertung der Manager beginnt mit der Sammlung von Daten ĂŒber ihre Leistungen. Diese Informationen können zum Beispiel aus einem 360-Grad-Feedback, einer Beurteilung durch Vorgesetzte, dem Lebenslauf oder einer Fallstudie stammen. Es folgt ein Interview, bei dem in der Regel zwei Gutachter (meist externe Berater) einen Manager ĂŒber mehrere Stunden befragen. Dieses Interview unterscheidet sich von klassischen Befragungen durch eine spezielle Fragetechnik, die in den Vereinigten Staaten als Behavioural Interview weit verbreitet ist. Sie wurde ursprĂŒnglich von John C. Flanagan entwickelt und von David McClelland in den 1990er Jahren verfeinert.[7] Sie wird auch im Marketing als Critical-Incident-Technique zur Messung der Kundenzufriedenheit eingesetzt. Beim Verhaltensinterview ist es wichtig zu betonen, dass das Verhalten und die (messbaren) Erfolge (wirtschaftlichen Ergebnisse) der Manager im Vordergrund stehen, weil diese eine wesentlich höhere prognostische ValiditĂ€t haben als charakterliche Merkmale, FĂŒhrungsstile oder Persönlichkeitseigenschaften.
An dem folgenden Beispiel kann man verdeutlichen, wie diese Technik funktioniert: Wollen die Berater zum Beispiel die Kompetenz âEntscheidungs- und ProblemlösefĂ€higkeitâ beurteilen, stellen sie folgende Frage: âSchildern Sie uns ein schwieriges Problem, das Sie in jĂŒngster Zeit zu lösen hatten und wie Sie dabei vorgegangen sind.â Aus den Antworten kann man zum einen erkennen, ob der Kandidat bisher eher triviale oder anspruchsvolle Probleme zu lösen hatte, oder ob er sich sogar vor wichtigen Entscheidungen gedrĂŒckt hat. Zum anderen vergleichen die Gutachter das Verhalten des Kandidaten mit dem zuvor definierten Kompetenzmodell. Ohne diesen MaĂstab wĂ€ren die Kandidaten nĂ€mlich nicht vergleichbar. In dem Beispiel bekommt der Kandidat viele Punkte, wenn er systematisch vorgegangen ist und möglichst alle fĂŒr die Entscheidung relevanten Rahmenbedingungen sachgerecht berĂŒcksichtigt hat. Dazu gehören Aspekte wie zum Beispiel sorgfĂ€ltige AbwĂ€gung von Chancen und Risiken, Einbeziehung anderer Abteilungen, Ăbernahme der Verantwortung fĂŒr die Konsequenzen, umfassende Information der Beteiligten oder Anwendung moderner Entscheidungstechniken.
Als Leitfaden fĂŒr das GesprĂ€ch dient in der Regel das PAR-Prinzip. Die Buchstaben stehen fĂŒr Problem, Aktion und Resultat. Demnach muss aus den Antworten erkennbar sein, dass der Kandidat ein wichtiges, relevantes Problem im Unternehmen angegangen, geeignete Aktionen durchgefĂŒhrt und nach einer angemessenen Zeit messbare Resultate erzielt hat. Als Resultate zĂ€hlen letztendlich nur wirtschaftliche GröĂen wie ProduktivitĂ€t und RentabilitĂ€t als Beitrag zum Unternehmenserfolg. Hier ein Beispiel fĂŒr Antworten eines Kandidaten der eine gute Bewertung bekommen könnte:
- Problem: Ich musste mich innerhalb von drei Monaten entscheiden, ob wir die Produktionsanlage am Standort A oder B errichten sollen. Investitionsvolumen: vier Millionen Euro.
- Aktion: Dazu habe ich einen Business- und Investitionsplan einschlieĂlich SensitivitĂ€tsanalyse erstellt und der GeschĂ€ftsleitung zur Genehmigung vorgelegt.
- Resultat: Nach einem Jahr ging die Produktionsanlage in Betrieb; die Investitionssumme hat sich nach drei Jahren amortisiert.
An diesem Beispiel wird zugleich deutlich, dass die QualitĂ€t des Audits mit der ReliabilitĂ€t und ValiditĂ€t der zugrunde liegenden Modelle (Entscheidungs-, Delegations-, Konflikt- oder FĂŒhrungsmodelle) abhĂ€ngig ist. AuĂerdem ist es wichtig, dass die Berater ĂŒber ausreichende operative GeschĂ€fts- und FĂŒhrungserfahrung verfĂŒgen (und nicht nur als Berater tĂ€tig gewesen sind), sonst können sie die Antworten der Manager kaum sachgerecht einschĂ€tzen. Wie wollen die Berater ĂŒber die Leistungen eines Managers urteilen, wenn sie selber noch nie einen GeschĂ€ftsplan entwickelt und operativ umgesetzt haben oder noch nie disziplinarische FĂŒhrungsverantwortung hatten? Beispielsweise sprachen bei der Expertenbefragung einige Betroffene von âhoroskopischenâ Gutachten. Wie ist das möglich? In einem Fall legten die Berater das (populĂ€re) Modell des Situativen FĂŒhrens zugrunde, dessen ValiditĂ€t und ReliabilitĂ€t Ă€uĂerst fraglich ist. Eine derartige Art des âMessensâ ist vergleichbar mit einem MetermaĂ aus sehr dehnbarem Gummi.
Kritik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]An die Audit-Methodologien werden zunehmend anspruchsvolle Erwartungen und Anforderungen gestellt, die nicht immer erfĂŒllt werden. Aus der Kritik ergeben sich zahlreiche VerbesserungsvorschlĂ€ge. Einen Ăberblick ĂŒber die empirisch am hĂ€ufigsten genannten VerbesserungswĂŒnsche liefert die Abbildung 3. Ferner findet man in der alltĂ€glichen Diskussion folgende Kritikpunkte:

- Das (Kandidaten-)Feedback als substantieller Teil des Audits wird oft strĂ€flich vernachlĂ€ssigt: als ob es dem Berater egal sein könnte, mit den âheutigen Kandidatenâ die âmorgigen Klientenâ betreuen zu dĂŒrfen, werden Audit-Teilnehmer mit nur schwer nachvollziehbaren â oftmals stereotypen â Urteilen âim Regen stehen gelassenâ. Die Logik, dass jede Diagnostik, die Sensibilisierung fĂŒr professionelle Weiterentwicklung und persönliches Wachstum des Kandidaten auf der Grundlage von Selbstreflexion und abzuleitenden handfesten EntwicklungsmaĂnahmen mit impliziert, ist oftmals nicht mehr erkennbar. ZielfĂŒhrende Auditmethoden mĂŒssen dementsprechend dem Kandidatenfeedback in der Frage der Bedeutung, zeitlicher Bemessung und Tiefgang versuchen Rechnung zu tragen. Neueste Entwicklungen zeigen hier, dass ein Feedback â gemeinsam mit dem Vorgesetzten/Top-Management oder Top-HR-Verantwortlichen eine sehr effiziente und akzeptable Lösung bietet. Auch die Variante des âgesplittetenâ Feedbacks â einmal Berater, und nachfolgend Vorgesetzter â erscheint in diesem Zusammenhang sehr gut geeignet.
- Die meisten Audit-AnsĂ€tze stĂŒtzen sich fast ausschlieĂlich auf halbstrukturierte Interviewtechniken â ohne diese, wie es das Prinzip der Methodenvielfalt verlangt, um andere Diagnoseinstrumente zu ergĂ€nzen. Vor allem die irrige Annahme, eine kritische Masse geeigneter SpitzenkrĂ€fte bewirke unternehmerischen Erfolg, zieht methodologische Banalisierungen und Artefakte nach sich. In einseitiger Art und Weise fokussieren Prozess und Methoden auf individuelle Management Qualifikationen anstatt auch das âZusammenspielâ individueller Ressourcen unter die Lupe zu nehmen. Was auf der Strecke bleibt, ist einer der dominantesten Faktoren erfolgreichen Managements â nĂ€mlich die soziale Ebene der Kooperation und Kommunikation. Die mittlerweile wissenschaftlich gesicherte Annahme, dass die verhaltensnahe Analyse von Interaktionen und Problemlöseprozessen in Teams und Managementgremien mehr Aussagekraft besitzt als das oftmals spekulative, in jedem Falle aber introspektive BemĂŒhen eines Auditors, in die âBlack Boxâ des Kandidaten einzudringen und sich unter Ausblendung âsozialer ErwĂŒnschtheitâ und intellektueller Raffinesse der Kandidatenreaktionen und -aussagen ein vermeintlich objektives Bild des GegenĂŒbers zu machen, gehört heute eigentlich genauso zu den grundstĂ€ndigen Lehrinhalten der Organisationswissenschaften wie die Tatsache, dass âein Team von Top-Leuten noch lange kein Top-Teamâ darstellt. Eine Audit-Methodologie, welche den Gedanken der Teamanalyse nicht zumindest als optionales Instrumentarium einbindet beschneidet sich dementsprechend selbst in Aussagekraft und Reichweite der Ergebnisse. State-of-the-Art im Auditbereich ist deshalb u. a. die Verwendung komplexer Business Simulationen, an der ein Team von Kandidaten gleichzeitig teilnimmt, hier kann auch eine ganze Bandbreite von âsozial-interaktivenâ Settings abgebildet werden: von sehr âkonfrontativ und wettbewerbsorientiertâ bis hin zu rein âkooperationsorientiertâ. Mit diesen Simulation-Methoden können âVerhaltensdatenâ erzeugt werden, die mit Interviewdaten und anderen Analyseergebnissen in Bezug gesetzt werden können. Die Simulationen ermöglichen darĂŒber hinaus jedoch auch die Analyse eines âManagementteamsâ selbst.
- Als weiterer Kritikpunkt bleibt anzumerken: die oftmals zu beobachtende (einseitige) Konzentration auf Standards der 360°-Beurteilung (siehe 360°-Audit) kann âmikro-politischeâ Umtriebe, âGemauschelâ und somit letztlich die Intransparenz von Entscheidungsprozessen unterstĂŒtzen â anstatt diese auf rationale, nachvollziehbare Grundlagen zu stellen. Der vormals âunabhĂ€ngigeâ externe Berater wird dann oft zum Spielball der verschiedenen Interessengruppen bzw. zum âwillfĂ€hrigenâ Exekutor. Konsequenz ist, dass der Auditprozess oftmals zur prĂ€judizierenden Farce gerĂ€t. Die mehrfach kritisierte âLegitimationsfunktionâ (d. h. die Pseudo-Rechtfertigung unliebsamer Personal- und OrganisationsmaĂnahmen durch die Auditergebnisse) schiebt sich Schritt fĂŒr Schritt in den Vordergrund â Nutzenfunktionen, an welchen Shareholder, Geldgeber und KostentrĂ€ger genuin interessiert sind, werden zu Lasten der ValiditĂ€t und erwarteten Aussagekraft der Auditergebnisse in den Hintergrund gedrĂ€ngt. Die Nachhaltigkeit der FĂŒhrungskrĂ€fte- und Organisationsentwicklung leidet. â360° bzw. 180°-Analysenâ sollten also sehr bedachtsam eingesetzt werden. Elemente dieses Ansatzes funktionieren erfahrungsgemÀà eher bei âreifenâ, hochentwickelten Organisationen (nicht aber in Change- und Merger-Situationen etc.). Sie bedĂŒrfen der sehr engen Absprache mit dem Klienten und sollten unbedingt eine so weit wie möglich objektive und âunparteilicheâ Verfahrensweise gewĂ€hrleisten und plausibilisieren können.
Wissenschaftlicher/paradigmatischer Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hinter einigen Kritikpunkten am Audit-Ansatz verbirgt sich eine Art methodologischer Ambivalenz, welche sich aus der Historie der angewandten Management-Diagnostik begrĂŒnden lĂ€sst:
In Abgrenzung zur konventionellen Assessment-Center-Methode (AC) versteht sich das klassische Audit als primĂ€r âbusinessorientiertesâ Beratungsinstrument zur Analyse der Managementqualifikationen der oberen FĂŒhrungsebene. Vor dem Hintergrund der einschlĂ€gigen Marktkenntnisse sowie des Sach- und FachverstĂ€ndnisses exponierter Leitungspositionen in Unternehmen, welche in diesem MaĂe am ehesten die groĂen Executive Search Berater besitzen, hat sich die Audit-Methodologie als âbottom-up-Prozedereâ entwickelt; sie hat sich gewissermaĂen einem ânaturalistischenâ Ansatz verschrieben. Und geht vom jeweils relevanten Business Case selbst aus. Im Vordergrund stehen deshalb nicht primĂ€r abstrakte personalpsychologische Taxonomien sowie typische Eignungskriterien organisationswissenschaftlicher HandbĂŒcher â sondern durch spezifische, geschĂ€ftsstrategische Implikationen beeinflusste Leistungsanforderungen, eine möglichst hohe soziale Akzeptanz durch Klienten und Kandidaten sowie der augenscheinliche praktische Nutzen der Analyseergebnisse fĂŒr das Business selbst.
Auch stellten sowohl Forschung als auch Beratungspraxis nach den Modejahren des AC-Ansatzes schnell fest, dass die â oftmals mit PraxisnĂ€he geizende â Methode gerade in Mitteleuropa eigentlich nach der hierarchischen Stellung der Teilnehmer zu differenzieren ist. Je höher die hierarchische Stellung der Zielgruppe, desto anspruchsvoller, aber vor allem auch realitĂ€tsnĂ€her mĂŒsste die Methode gestaltet sein. FĂŒr die oberen Managementebenen war das konventionelle AC weder unter den Gesichtspunkten der Ergebnisreichweite noch aus der Perspektive der sozialen Akzeptanz tragbar. Kernanforderung des klassischen Audits wurden demgegenĂŒber das Seniorat und die GeschĂ€ftserfahrung des Beraters: Nicht hypothetische Fallarbeiten, Postkorb-Ăbungen und Ă€hnliche Szenarien, sondern die Auseinandersetzung mit realen geschĂ€ftsstrategischen Fragen sowie das positionsbezogene FachgesprĂ€ch auf der Grundlage gegenseitiger Kompetenzerwartungen standen und stehen im Mittelpunkt der Methodologie.
Wissenschaftlich betrachtet stellten und stellen die klassischen Audits damit eher âPrĂŒfungssituationenâ als fundierte Managementdiagnosen dar (siehe Interne Revision).
Was im Rahmen dieser, rein generisch im Zuge von Erfahrungswerten entwickelten und einseitig auf Interviews gestĂŒtzten klassischen Auditverfahren auf der Strecke bleibt, sind Systematik, ein zielfĂŒhrendes MaĂ an Strukturierung und Standardisierung der Vorbereitung, DurchfĂŒhrung und Nachbereitung sowie die notwendigen, allgemein bekannten GĂŒtekriterien personaldiagnostischer Methoden: ObjektivitĂ€t, ReliabilitĂ€t und ValiditĂ€t. WĂ€hrend das AC als ĂŒberstrukturiert und realitĂ€tsfremd kritisiert wird, kranken die klassischen Audit-Methodologien trotz ihres hohen Anspruchs an das intellektuelle wie fachliche Niveau der Kandidaten und Berater an banalsten MangelzustĂ€nden hinsichtlich der wissenschaftlichen Grundlage, der Prozesskontrolle und damit der Vergleichbarkeit der Ergebnisse (Sarges, 2005).
Weitere Entwicklung und Ausblick
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Leitgedanke neuerer Auditmethodologien ist folglich, die QualitĂ€tssicherungsstandards der AC-Methode mit dem auf FachverstĂ€ndnis beruhenden bottom-up-Ansatz des klassischen Audits zu verbinden. Die GĂŒtekriterien der Analysen mĂŒssen sich dabei an den allgemeinen Erkenntnissen der wissenschaftlich fundierten Management-Diagnostik orientieren. Die Audits mĂŒssen methodologisch supervidiert werden und grundsĂ€tzlich unter möglichst kontrollierten Bedingungen stattfinden.
Des Weiteren ist eine differenzierte Handhabung unterschiedlicher Beurteilungsmethoden vonnöten. Das Audit-Instrumentarium sollte grundsĂ€tzlich das klassische Methodeninventar der Managementdiagnostik als modularen Pool von Instrumenten umfassen, die einzelnen Methoden auf die zu diagnostizierende Zielgruppe angleichen, positionsspezifische Adaptationen vornehmen sowie die Auswahl und Zusammenstellung verschiedener Instrumente jeweils den spezifischen Fragestellungen und BedĂŒrfnissen des Klientenhauses anpassen. Insbesondere der Aspekt einer angemessenen sozialen Akzeptanz durch Klienten und Kandidaten, wie ihn das Audit gegenĂŒber dem AC-Ansatz bietet, ist hier von zentraler Bedeutung.
Eine methodische Weiterentwicklung des Management Audits ist in dem von Schuler und Frintrup (2005) vorgeschlagenen Konzept des Multimodalen Management Audits zu sehen. Es geht in seiner messtheoretischen Grundlage auf das Multimodale Interview von Prof. Schuler zurĂŒck. Grundprinzip dieses neuen Ansatzes ist die Umsetzung des Prinzips multimodaler Diagnostik durch die gleichzeitige BerĂŒcksichtigung von:
- Biografischem Ansatz: bisherige Leistungen werden erhoben und dienen als PrĂ€diktor kĂŒnftiger Leistungen
- Simulationsansatz: komplexe FĂŒhrungssituationen werden simuliert und das Verhalten der Kandidaten objektiv beobachtbar gemacht
- Eigenschaftsansatz: anforderungrelevante Eigenschaftsmerkmale wie z. B. emotionale StabilitÀt. IntegritÀt, berufliche Motivation oder auch kognitive FÀhigkeiten werden mit standardisierten Testverfahren erfasst.

Im Multimodalen Management Audit werden jedoch nicht nur diese drei Ebenen diagnostischer Information, sondern auch unterschiedliche Datenquellen miteinander kombiniert:
- Potenzialanalyse im Sinne einer anlassbezogenen Fremdbeurteilung (=Einzelassessment)
- Drittquellen im Sinne von Referenzbefragungen und Leistungsbeurteilung
- Eigenberichte als Selbstbeurteilungen z. B. im Rahmen eines leistungsbiografischen Interviews.
Damit werden mit dieser Methode alle diagnostischen Felder abgedeckt und der hÀufig rein simulative (verhaltensbeobachtende) Ansatz um biografische und eigenschaftsbasierte Beurteilungsaspekte ergÀnzt. Dies lÀsst eine höhere VarianzaufklÀrung und damit eine bessere Prognoseleistung im Sinne des beruflichen Erfolgs erwarten.
Das spezielle Problem âFace Validityâ
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wie in verschiedenen StandardaufsĂ€tzen ĂŒber die Diagnostik von SpitzenfĂŒhrungskrĂ€ften deutlich wird, besteht â gerade in Kontinentaleuropa â ein maĂgebliches Problem psychologisch-diagnostischer Verfahren darin, eine angemessene âsoziale Akzeptanzâ (face validity) sowie eine adĂ€quate âökologische ValiditĂ€tâ der Instrumente zu gewĂ€hrleisten. Im Gegensatz zum angelsĂ€chsischen wie auch skandinavischen Kulturraum ist bspw. in Ăsterreich, Deutschland oder Tschechien die Anwendung (als objektiv, reliabel und valide geprĂŒfter) psychometrischer Methoden â insbesondere fragebogenbasierter Instrumente â beratungspraktisch nicht bzw. nur schwer durchsetzbar. Klienten und Kandidaten stehen â wenn es um die Beurteilung von leitenden FĂŒhrungskrĂ€ften geht â âpsychologischenâ Verfahren skeptisch bis ablehnend gegenĂŒber. Zum einen wird angefĂŒhrt, dass psychometrische Methoden durch ihre zergliedernd-analytische Vorgehensweise lediglich Traits, Einstellungen und Verhaltensdispositionen â nicht aber FĂ€higkeiten und Leistungen vor dem Hintergrund situierter Managementhandlungen â abbilden können; zum anderen werden (wie gesagt) standardisierte AC-Methoden als nicht âzielgruppengerechtâ und ârealitĂ€tsfremdâ abgelehnt.
Wie Erfahrungswerte und neuere Ergebnisse der Angewandten Managementforschung und der Management-Diagnostik zeigen, sind qualitative, klinisch ausgerichtete und âdialogbasierteâ Diagnosemethoden hingegen als gegenstands- und realitĂ€tsadĂ€quat akzeptiert und auch geeignet; sie besitzen die geforderte soziale ValiditĂ€t im Kontext von Management Audits. Vor allem handlungsdiagnostische AnsĂ€tze kommen hier dem Praxisanspruch und der sozialen RealitĂ€t von Management Audits entgegen â sind aber trotzdem hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen GĂŒtekriterien abgesichert. Eine zentrale Anforderungsdimension qualitativer Arbeit ist hingegen die âpersonale Kompetenz der Auditorenâ. Entsprechend nimmt diese bei der Auswahl von Audit-Dienstleistern durch den Kunden die wesentliche Position ein.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- C. Aldering, B. Högemann: Human Resources Due Diligence. In: W. Berens, H. U. Brauner, J. Strauch (Hrsg.): Due Diligence bei Unternehmensakquisitionen. 4. Auflage. 2005, SchĂ€ffer-Poeschel, Stuttgart 2005, ISBN 3-7910-2338-1, S. 513â537.
- T. Gerhardt, J. Ritter: Management Appraisal â Kompetenzen von FĂŒhrungskrĂ€ften bewerten und Potenziale erkennen. Campus Verlag, 2004, ISBN 3-593-37340-8.
- A. Landgrebe, C. J. Eberhardt: Auf der Suche nach dem Perfect Fit. In: A. Kaspar, P. RĂŒbig (Hrsg.): Telekommunikation IV. Sternzeit 2010. Der Markt. Die Perspektiven. Neue Dimensionen. 1. Auflage. Linde Verlag, Wien 2006, ISBN 3-7073-0682-8.
- E. Lehrenkrauss, M. Schwarz: Vom Assessment zum âAudissmentâ â Interne Auswahlverfahren fĂŒr obere FĂŒhrungskrĂ€fte. In: Personal. Nr. 02/1996, S. 87.
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- J. Martindell: The Management Audit. In: Academy of Management Proceedings. 1962.
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- W. Pelz: Clevere GeschichtenerzÀhler. In: Personalwirtschaft. 1/2007.
- W. Pelz: Viele Audits gehen nicht auf die RealitÀt der Unternehmen ein. In: Personalmanager. Nr. 3/2007.
- W. Sarges: Weiterentwicklung der Assessment-Center-Methode. 2. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2001, ISBN 3-8017-1447-0.
- W. Sarges: WĂŒnschenswerte Trends aus Sicht der Management-Diagnostik: Wohin sollte die Audit-Praxis gehen? In: K. WĂŒbbelmann (Hrsg.): Handbuch Management Audit. 1. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2005, ISBN 3-8017-1883-2, S. 249â263. (PDF, 295 kB)
- W. Sarges: Management Diagnostik. In: F. Petermann, M. Eid (Hrsg.): Psychologische Diagnostik. Hogrefe, Göttingen 2006, S. 739â746. (PDF, 258 kB)
- F. W. Schmid: Einzel-Assessment. In: W. Sarges (Hrsg.): Management-Diagnostik. 3. Auflage. 2000, Hogrefe, Göttingen 2000, ISBN 3-8017-0740-7, S. 703â716.
- H. Schuler, A. Frintrup: Management Audit auf die multimodale Art. In: Personalmagazin. 4, 2005, S. 20â22.
- M. Schwarz, E. Lehrenkrauss: Assessment-Center-Varianten fĂŒr das mittlere und obere Management,. In: W. Sarges (Hrsg.): Weiterentwicklung der Assessment-Center-Methode. 2. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2001, ISBN 3-8017-1447-0, S. 255â264.
- K. WĂŒbbelmann: Management Audit. Unternehmenskontext, Teams und Managerleistung systematisch analysieren. 1. Auflage. Betriebswirtschaftlicher Verlag Gabler, Wiesbaden 2001, ISBN 3-409-11795-4.
- K. WĂŒbbelmann (Hrsg.): Handbuch Management Audit. 1. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2005, ISBN 3-8017-1883-2.
- K. WĂŒbbelmann: Herausforderung Management Audit. Erfolgsleitfaden fĂŒr Teilnehmer. 1. Auflage. Gabler, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-8349-0744-8.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â T. Gerhardt, J. Ritter: Management Appraisal. Frankfurt am Main 2004.
- â W. Pelz: Clevere GeschichtenerzĂ€hler. In: Personalwirtschaft. 1/2007.
- â J. Martindell: The Management Audit. In: Academy of Management Proceedings. 1962, S. 164.
- â J. Martindell: The Management Audit. In: Academy of Management Proceedings. 1962, S. 265 ff.
- â K. Leciejewski: Das Management-Audit als neues FĂŒhrungsinstrument. In: J. Samland (Hrsg.): Das Management-Audit. Frankfurt am Main 2001, S. 23 ff.
- â W. Pelz: Viele Audits gehen nicht auf die RealitĂ€t der Unternehmen ein. In: Personalmanager. Nr. 3/2007.
- â D. McClelland: Identifying Competencies with Behavioral-Event Interviews. In: Psychological Science. Vol. 9 (1998), No. 5