Zum Inhalt springen

Manfred Kittel

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Manfred Kittel (2013)

Manfred Kittel (* 2. Februar 1962 in Großhaslach, Mittelfranken) ist ein deutscher Historiker. Er war von 2009 bis 2014 GrĂŒndungsdirektor der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin und von 2018 bis 2023 als außerplanmĂ€ĂŸiger Professor Lehrbeauftragter am Lehrstuhl fĂŒr EuropĂ€ische Geschichte an der UniversitĂ€t Regensburg.[1]

Leben und wissenschaftliches Werk

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studium, Promotion und Habilitation

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kittel studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Romanistik. Danach war er u. a. als (Fernseh-)Journalist tĂ€tig. 1992 wurde er bei Horst Möller an der UniversitĂ€t Erlangen zum Dr. phil. promoviert und anschließend wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut fĂŒr Zeitgeschichte (IfZ) in MĂŒnchen. Von 1997 bis 2009 war er dort auch als Redakteur der Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte tĂ€tig. Seit 1995 lehrte bis 2023[1] er an der UniversitĂ€t Regensburg, wo er sich 1999 habilitierte und 2005 zum außerplanmĂ€ĂŸigen Professor fĂŒr Neuere und Neueste Geschichte ernannt wurde.

Kittels Dissertation[2] befasste sich mit der von Ralph Giordano zugespitzten These, die Deutschen hĂ€tten durch ihre VersĂ€umnisse bei der NS-VergangenheitsbewĂ€ltigung nach 1945 eine zweite Schuld – nach der ersten wĂ€hrend des „Dritten Reiches“ – auf sich geladen. Laut Kittel war die NS-Erblast dagegen von Anfang an ein zentrales Thema in der politischen Kultur der Bundesrepublik. WĂ€hrend Willi Jasper Kittel in der Zeit daraufhin entgegnete, VergangenheitsbewĂ€ltigung zur „christdemokratischen Chefsache“ zu machen,[3] war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und anderen Medien von einer „differenzierten, vielschichtigen“ Darstellung „ohne Beschönigung, aber auch ohne Schuldkomplex“ die Rede.[4]

Kittels Habilitationsschrift[5] widmete sich einer Fragestellung im Kontext der deutschen Sonderwegsdiskussion: „Weshalb hat das frĂŒh zur Republik gewordene Frankreich in der Staats- und Wirtschaftskrise der 1930er Jahre mehrheitlich fĂŒr eine linksorientierte ‚Volksfront‘ votiert und den Weg demokratischer KrisenbewĂ€ltigung beschritten, wĂ€hrend die Deutschen in der – erst spĂ€t, nach dem verlorenen Weltkrieg gegrĂŒndeten – Weimarer Republik kaum noch das ersehnte Reich erkannten und massenhaft die nationalsozialistische Revolution gegen die Demokratie unterstĂŒtzten?“ Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage fĂŒhrte der Verfasser, wie Heinrich August Winkler kommentierte,[6] mittels einer Fallstudie zu Westmittelfranken und der CorrĂšze einen „rundum ĂŒberzeugenden Beweis fĂŒr den Nutzen international vergleichender Regionalstudien“. Kittel veröffentlichte eine Reihe weiterer Monographien, die thematisch vom „evangelischen Bayern“ in der Weimarer Republik ĂŒber einen deutsch-japanischen Vergleich der VergangenheitsbewĂ€ltigung nach 1945 und ein Buch ĂŒber den „Marsch durch die Institutionen“ in Frankfurt am Main nach 1968 bis zu Studien ĂŒber die Vertriebenenintegration in der Bundesrepublik reichen.

Politisches Engagement

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn hatte sich Kittel auch politisch betĂ€tigt. 1984 wurde er als jĂŒngster Kandidat in den Gemeinderat seines mittelfrĂ€nkischen Heimatortes Neuendettelsau gewĂ€hlt. Vorher war er durch sein Engagement fĂŒr ökologische Themen und mehr BĂŒrgerbeteiligung bekannt geworden.[7][8] DarĂŒber hinaus widmete er sich der Deutschland- und Ostpolitik. Einen Arbeitskreis zu diesen Themen leitete er zuletzt auch in der Jungen Union Bayern, deren stellvertretender Landesvorsitzender er Anfang der 1990er Jahre war. Im Mittelpunkt seiner AktivitĂ€ten stand dabei der Einsatz fĂŒr die Menschenrechte in der DDR, aber auch in anderen Ostblockstaaten wie etwa – nach der VerhĂ€ngung des Kriegszustandes Ende 1981 – in Polen, sowie das Festhalten am Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes. Der von Kittel geleitete Arbeitskreis zĂ€hlte einige Wochen vor dem Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989 zu den ersten gesellschaftlichen Stimmen, die an die Bundesregierung appellierten, „sich offen zur friedlichen Überwindung des Status quo (zu) bekennen“ und einen Planungsstab fĂŒr die Wiedervereinigung einzusetzen.[9][10][11][12]

Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juli 2009 wurde Kittel vom Stiftungsrat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung zum Direktor der im Vorjahr nach langen Diskussionen im Bundestag beschlossenen Einrichtung berufen.[13] In Kittels Amtszeit wurde die Stiftung personell und organisatorisch aufgebaut und unter seiner Leitung eine Konzeption fĂŒr die kĂŒnftige Dauerausstellung der Stiftung im Berliner Deutschlandhaus erarbeitet. Diese wurde 2012 verabschiedet.

Im Dezember 2014 ersuchte Kittel um eine andere Verwendung am Deutschen Historischen Museum, der Mutterstiftung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, und nahm dort Forschungen zum Thema „Die deutschen Ostvertriebenen und die Politik des Lastenausgleichs in der Bundesrepublik“ auf.[14] Vorausgegangen war eine Auseinandersetzung um die aus Griechenland ĂŒbernommene Wechselausstellung „Twice a stranger“ zu den Vertreibungen im 20. Jahrhundert. Dabei warfen Mitglieder des Beraterkreises dem Direktor vor, den Beirat durch mangelnde Einbindung brĂŒskiert zu haben.[15] Kittel betonte demgegenĂŒber, mit der PrĂ€sentation des im Ausland bereits mehrfach erfolgreich gelaufenen Projekts gerade auch wiederholten Anregungen aus dem Beirat gefolgt zu sein. Zum Hintergrund des Vorgangs gehörte laut FAZ, dass Kittel einem Teil des Beirats nicht zuletzt wegen seines Buches Vertreibung der Vertriebenen? (2007)[16] als zu vertriebenenfreundlich galt; er arbeite offensichtlich darauf hin, so die Kritiker, dass Flucht und Vertreibung der Deutschen nicht nur „einen“, sondern „den“ Schwerpunkt der geplanten Dauerausstellung im Deutschlandhaus bilden sollten.[17]

Im Juni 2015 wurde Kittel in WĂŒrdigung seiner Verdienste um die wissenschaftliche Aufarbeitung der Vertreibungen in Europa mit dem Menschenrechtspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft ausgezeichnet.[18]

Im Juni 2026 erhielt Kittel den Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen fĂŒr den Bereich Wissenschaft.[19]

Mitgliedschaften und HerausgebertÀtigkeit

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kittel ist unter anderem:

Schriften (Auswahl)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Die Legende von der „zweiten Schuld“. VergangenheitsbewĂ€ltigung in der Ära Adenauer, Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-550-07188-4 (Zugleich: Dissertation, UniversitĂ€t Erlangen-NĂŒrnberg unter dem Titel: VergangenheitsbewĂ€ltigung in der Ära Adenauer).
  • Provinz zwischen Reich und Republik. Politische MentalitĂ€ten in Deutschland und Frankreich 1918–1933/36. Oldenbourg, MĂŒnchen 2000, ISBN 3-486-56501-X (Zugleich: Habilitationsschrift, UniversitĂ€t Regensburg, 1999).
  • „Weimar“ im evangelischen Bayern. Politische MentalitĂ€t und Parteiwesen 1918–1933 (= Bayerische Landeszentrale fĂŒr politische Bildungsarbeit, A 109), MĂŒnchen 2001.
  • Nach NĂŒrnberg und Tokio. „VergangenheitsbewĂ€ltigung“ in Japan und Westdeutschland 1945 bis 1968. Oldenbourg, MĂŒnchen 2004, ISBN 3-486-57573-2 (2014 in chinesischer Übersetzung in Shanghai erschienen).
  • Vertreibung der Vertriebenen? Der historische deutsche Osten in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik (1961–1982). Oldenbourg, MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-486-58087-7.
  • Bayerns „fĂŒnfter Stamm“. Schlesier, Ostpreußen und viele andere Vertriebenengruppen im integrationspolitischen Vergleich mit den Sudetendeutschen, MĂŒnchen 2010, ISBN 978-3-927977-26-6.
  • Marsch durch die Institutionen? Politik und Kultur in Frankfurt am Main nach 1968. Oldenbourg, MĂŒnchen 2011, ISBN 978-3-486-70402-0.
  • Die zwei Gesichter der Zerstörung. Raphael Lemkins UN-Genozidkonvention und die Vertreibung der Deutschen (= Forschungen zur Geschichte ethnischer Vertreibung (FGV). Band 1), Duncker & Humblot, Berlin 2023, ISBN 978-3-428-18905-2.

Herausgeberschaften

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • mit Horst Möller: Demokratie in Deutschland und Frankreich 1918–1933/40. BeitrĂ€ge zu einem historischen Vergleich, MĂŒnchen 2001.
  • mit Jörg-Dieter Gauger: Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten in der Erinnerungskultur, Sankt Augustin 2005.
  • mit Horst Möller, JiƙjĂ­ PeĆĄek und Oldrich TĆŻma: Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europĂ€ischer Vergleich, MĂŒnchen 2006, ISBN 3-486-58002-7; tschechische Ausgabe unter dem Titel: NěmeckĂ© menĆĄiny v prĂĄvnich normĂĄch 1938–1948. Československo ve srovnĂĄni s vbybranĂœmi evropskĂœmi zeměmy, BrĂŒnn/Prag 2006.
  • mit Horst Möller, JiƙjĂ­ PeĆĄek und Oldrich TĆŻma: Deutschsprachige Minderheiten in Europa 1945. Bilanzen eines deutsch-tschechischen Projektes, MĂŒnchen 2007.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 Ehemalige Mitarbeitende. Apl. Prof. Dr. Manfred Kittel. In: uni-regensburg.de. Abgerufen am 29. Juli 2026.
  2. ↑ Manfred Kittel: Die Legende von der „zweiten Schuld“: VergangenheitsbewĂ€ltigung in der Ära Adenauer, Ullstein, Berlin/Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-550-07188-4 (Zugleich: Dissertation, UniversitĂ€t Erlangen-NĂŒrnberg unter dem Titel: VergangenheitsbewĂ€ltigung in der Ära Adenauer).
  3. ↑ Endlich wieder normal? In: Die Zeit, 1. Oktober 1993.
  4. ↑ Der Buchtip. In: Impulse, Nr. 4/1993, S. 41.
  5. ↑ Manfred Kittel: Provinz zwischen Reich und Republik. Politische MentalitĂ€ten in Deutschland und Frankreich 1918–1933/36. Oldenbourg, MĂŒnchen 2000, ISBN 3-486-56501-X (Zugleich: Habilitationsschrift an der UniversitĂ€t Regensburg 1999).
  6. ↑ Siehe dazu: Manfred Kittel, Habilitationsschrift, RĂŒckenklappe.
  7. ↑ Manfred Kittel: „Kein schöner Land?“ In: Martin VorlĂ€nder (Hrsg.): Sehnsuchtsort Heimat, edition chrismon, Leipzig 2018, S. 118–138.
  8. ↑ Von Platz 19 an die Spitze geprescht. In: FrĂ€nkische Landeszeitung, 20. MĂ€rz 1984.
  9. ↑ Wiedervereinigung jetzt planen. In: Bayernkurier, 14. Oktober 1989.
  10. ↑ Menschenrechtstag der JU. In: FrĂ€nkische Landeszeitung, 28. November 1981.
  11. ↑ JU beteiligt sich an Polenhilfe. In: FrĂ€nkische Landeszeitung, 6. MĂ€rz 1982.
  12. ↑ Deutsche Einheit ist aktuell. In: FrĂ€nkische Landeszeitung, 19. Juni 1987.
  13. ↑ Thomas Lackmann: Willkommen im Deutschlandhaus. In: Der Tagesspiegel, 16. Juli 2009.
  14. ↑ Manfred Kittel: Prof. Dr. Manfred Kittel: „Nachhut des Wirtschaftswunders“? Die deutschen Ostvertriebenen und die Politik des Lastenausgleichs in der Bundesrepublik. In: Kulturportal West Ost. Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, 7. November 2016, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 19. April 2017; abgerufen am 11. Dezember 2022 (englisch).
  15. ↑ Bernhard Schulz: Direktor der Stiftung Vertreibung geht. In: Der Tagesspiegel, 16. Dezember 2014, online.
  16. ↑ Manfred Kittel: Vertreibung der Vertriebenen? Der historische deutsche Osten in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik (1961–1982). Oldenbourg, MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-486-58087-7.
  17. ↑ Reinhard MĂŒller: Eine neue Vertreibung? Im Streit ĂŒber die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung geht es um eine Weichenstellung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Dezember 2014.
  18. ↑ Prof. Dr. Manfred Kittel wird mit dem Menschenrechtspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft ausgezeichnet (Memento vom 9. August 2018 im Internet Archive) (Bundesministerium des Innern).
  19. ↑ Prof. Kittel erhielt am 6. 6. 2026 den Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen. In: ostpreussen.net. 8. Juni 2026, abgerufen am 29. Juli 2026.
  20. ↑ Siehe dazu: Manfred Kittel: Die Vertreibung von ‚Altdeutschen‘ und ‚deutschfreundlichen‘ ElsĂ€ssern aus ihrer Heimat nach dem Ersten Weltkrieg. In: EJM, Nr. 1-2, 2018, S. 84–102.
  21. ↑ Haus des Deutschen Ostens.
  22. ↑ Preußische Historische Kommission (Memento des Originals vom 9. August 2018 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.