Zum Inhalt springen

Seilgarten

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Waldseilgarten

Ein Seilgarten (in der Schweiz auch Seilpark) besteht aus mehreren Masten oder BĂ€umen, die durch verschiedene Elemente (SeilbrĂŒcken, Balken etc.) verbunden sind.

Befinden sich die Seile in einer Höhe, die eine Sicherung des Teilnehmers nötig macht, spricht man von einem Hochseilgarten. In NiedrigseilgĂ€rten werden die Seile in Absprunghöhe (in der Regel unter einem Meter) angebracht. Sind die Elemente zwischen BĂ€umen installiert, nennt man dies Waldseilgarten oder Kletterwald. In einigen FĂ€llen werden SeilgĂ€rten als Klettergarten bezeichnet. Allerdings kommt es bei SeilgĂ€rten weniger auf Klettertechnik an, als vielmehr auf Schwindelfreiheit und Überwindung der eigenen Ängste.

SeilgÀrten können stationÀr als feste Installation, mobil (transportabel) oder temporÀr (kurzzeitige Seilaufbauten) errichtet werden. Mobile und temporÀre Seilaufbauten werden hÀufig in der Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung im Rahmen von Outdoor-Trainings eingesetzt.

Historischer Hintergrund

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Round-Plattform

Der erste Seilgarten wurde 1875 in Frankreich errichtet und diente vor allem der physischen Herausforderung der Teilnehmer. WÀhrend des Zweiten Weltkrieges wurden SeilgÀrten als Hindernisparcours zum Training der körperlichen Fitness vom britischen MilitÀr eingesetzt.

1941 setzte der deutsche ReformpĂ€dagoge Kurt Hahn SeilgĂ€rten als erlebnispĂ€dagogisches Element in den von ihm gegrĂŒndeten Outward-Bound-Schulen ein.

Mitte der 1960er Jahre setzten sich SeilgÀrten als zentrales Element von Outdoorseminaren in den USA durch. Darauf aufbauend entstanden auch in Deutschland zahlreiche erlebnispÀdagogische SeilgÀrten.

Mitte der 2000er Jahre setzten sich vor allem touristisch geprÀgte Seilgartenkonzepte wie KletterwÀlder und Abenteuerparks durch.

Formen von SeilgÀrten

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Hochseilgarten in Mastbauweise
Indoor-Park in einem Einkaufszentrum

Man kann SeilgÀrten nach folgenden Kriterien unterscheiden:

  • Standzeit der Anlage: permanent/temporĂ€r
  • Beweglichkeit der Anlage: stationĂ€r/mobil
  • Höhe der Elemente: hoch/niedrig
  • Höhe der Lebenslinie: mittlere Höhe/außer Reichweite
  • Tragwerksystem: Masten/GebĂ€ude/BĂ€ume
  • Nutzungskonzept: pĂ€dagogische Orientierung/touristische Orientierung

Des Weiteren lassen sich SeilgÀrten hinsichtlich der verwendeten Sicherungssysteme und der Anlagenbeanspruchung unterscheiden. Der Bau der Anlage hÀngt im Wesentlichen von den Nutzungskonzepten ab.

In WaldseilgĂ€rten wird vor allem auf eine baumschonende Installation geachtet. In den meisten FĂ€llen werden die Plattformen nach dem Reibungsprinzip an den Baum gepresst. Bei der Befestigung der Übungselemente können BaumschutzmĂ€ntel aus Holz oder Gummi verwendet werden, die ein Reiben der Seile an der Borke verhindern. Die Gefahr des Einwachsens von Plattformen und Seilen in den Baum kann durch regelmĂ€ĂŸige PositionsĂ€nderung gemindert werden.

Nutzungskonzepte

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

PÀdagogisch orientierte SeilgÀrten

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Höhenlehrpfad als waldpÀdagogisches Element

Den klassischen SeilgÀrten liegt im Wesentlichen eine erlebnispÀdagogische Konzeption zugrunde. Der Fokus liegt dabei oftmals auf Teamtraining und/oder Persönlichkeitsentwicklung. Dabei werden vor allem Kompetenzen wie KommunikationsfÀhigkeit und positives Sozialverhalten sichtbar gemacht und gefördert. SeilgÀrten mit pÀdagogischer Ausrichtung werden auch als Teamseilgarten bezeichnet.

PĂ€dagogisch orientierte SeilgĂ€rten bedienen sich neben ausgesuchten hohen Elementen (siehe auch Übungen in SeilgĂ€rten) vor allem auch Niedrigseilelementen, die als Problemlöseaufgaben konzipiert werden und neben der Kommunikationskompetenz auch die Problemlösungskompetenz fördern.

Im individuellen Maßstab sind SeilgĂ€rten besonders dafĂŒr geeignet, das Selbstvertrauen zu stĂ€rken und persönliche Ängste abzubauen. SeilgĂ€rten dieser Form werden im Wesentlichen in der Arbeit mit Jugendlichen als auch in der Erwachsenenbildung („Managementtrainings“) eingesetzt. Wichtige Erfolgsfaktoren sind die Fokussierung auf das Vorhandensein von erlebnispĂ€dagogisch geschultem Personal sowie eine Konzeption, die den Transfer des Erlebten in den Alltag sicherstellt.

Neben dem erlebnispÀdagogischen Ansatz können insbesondere WaldseilgÀrten als waldpÀdagogisches Element eingesetzt werden. So werden teilweise WaldseilgÀrten mit Waldlehr- und Walderlebnispfaden auf dem Boden angeboten. In ersten AnsÀtzen werden WaldseilgÀrten bereits als eigenstÀndiges waldpÀdagogisches Element eingesetzt.

Touristisch orientierte SeilgÀrten

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Touristisch genutzter Waldseilgarten
Indoor-Park auf einem Kreuzfahrtschiff

In den letzten Jahren wurden vor allem touristisch orientierte Konzeptionen wie KletterwĂ€lder oder Abenteuerparks in Deutschland realisiert. Dabei handelt es sich um grĂ¶ĂŸere WaldseilgĂ€rten, bei denen eine Vielzahl von kĂŒnstlichen Hindernissen (Übungen) aus Seilen, Netzen und Holzelementen in unterschiedlichen Höhen in BĂ€umen installiert sind.

Durch eine sinnvolle Anordnung mehrerer solcher Hindernisse entstehen Parcours, bei deren Durchquerung viele Grundbewegungsformen wie Steigen, Hangeln, Balancieren, Halten, Rutschen und Gleiten gefordert werden. Als Grundmaterialien dienen Stahlseile, Holz in verschiedenen Variationen, Netze und Seile, die zu verschiedenen Bewegungsaufgaben kombiniert werden. Gut durchdachte KletterwĂ€lder bestehen aus mindestens drei Routen mit jeweils 7–20 Übungen. Üblich sind mittlerweile jedoch KletterwĂ€lder mit 70 und mehr Elementen.

Touristisch orientierte SeilgĂ€rten sind meist fĂŒr ein grĂ¶ĂŸeres Besuchervolumen ausgelegt. Sie verfolgen in der Regel keine spezielle pĂ€dagogische Konzeption, sondern sehen die individuelle, körperliche und auch psychische Herausforderung als Freizeitgestaltung im Vordergrund. Zur Benutzung eines Kletterwaldes ist weder spezielle körperliche Fitness noch spezifische Erfahrung erforderlich. In neuerer Zeit werden SeilgĂ€rten auch als Attraktion auf Kreuzfahrtschiffen angeboten.

Die Sicherung der Besucher erfolgt in der Regel eigenverantwortlich durch Selbstsicherungssysteme (siehe Sicherungssysteme). Vor der Begehung werden die Teilnehmer in speziellen Übungsparcours in die Benutzung der SicherheitsausrĂŒstung eingefĂŒhrt und durchlaufen danach eigenverantwortlich die einzelnen Parcours.

Übungen in SeilgĂ€rten

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
TeamĂŒbung im Waldhochseilgarten

Als Übungen kommen unter anderem zum Einsatz:

  • SeilbrĂŒcken und HĂ€ngebrĂŒcken aus Holz und Seilen mit und ohne FĂŒhrung
  • SprĂŒnge ĂŒber einen tiefen Abgrund
  • Schwingen am Seil zu einem bestimmten Ziel; Entwickeln von Hilfen fĂŒr die schwĂ€cheren Teilnehmer
  • Hangeln durch Netze mehrere Meter ĂŒber dem Boden
  • gegenseitiges AbstĂŒtzen beim gemeinsamen Gang ĂŒber freischwebende Balken oder Seile (z. B. High V oder High Y), wobei verschiedene Hilfsmittel zur VerfĂŒgung stehen können (zweites Seil oder Schlappseil, von oben herabhĂ€ngende Seilenden, 
)
  • gegenseitige UnterstĂŒtzung beim Erklettern von Hindernissen (z. B. Giant Ladder, Kings X)
  • Seilbahn im Fanggurt ĂŒber einen Abgrund (Flying Fox); ist die Fahrt nicht allein durch das GefĂ€lle möglich, so mĂŒssen die Partner mit vorgegebenem Material phantasievoll Hilfsmöglichkeiten entwickeln
  • „freies“ Emporklettern an einem frei stehenden Baumstamm (Pampers Pole)

DarĂŒber hinaus gibt es beliebige Kombinationen verschiedener SprĂŒnge und anderer „Mutproben“.

Sicherungssysteme

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Selbstsicherung (Karabiner)
Durchlaufendes Sicherungssystem fĂŒr Kidsparcours ab 4 Jahren

Die SicherheitsausrĂŒstung eines Teilnehmers besteht grundsĂ€tzlich aus einem Klettergurt. Es werden sowohl HĂŒftgurte, Komplettgurte als auch Kombinationen aus HĂŒft- und Brustgurten verwendet. In zahlreichen SeilgĂ€rten werden auch Handschuhe und Helme getragen.

Bei den Sicherungssystemen werden folgende Typen unterschieden (nach EN 15567):

  • Toprope-Sicherung
  • Selbstsicherung (Karabiner)
  • Permanentes Sicherungssystem (z. B. Smart Belay)
  • Durchlaufendes Sicherungssystem

Bei der Toprope-Sicherung wird der Teilnehmer durch mindestens einen weiteren Teilnehmer gesichert. Dieses System wird ĂŒblicherweise bei erlebnispĂ€dagogischen Seminaren verwendet und bedingt die Beaufsichtigung durch mindestens einen ausgebildeten Trainer. Das gegenseitige Sichern unter Aufsicht schult das Verantwortungsbewusstsein und bildet somit ein eigenes erlebnispĂ€dagogisches Element.

Am hĂ€ufigsten werden klassische Selbstsicherungssysteme verwendet, bei denen der Teilnehmer sich eigenstĂ€ndig auf den Plattformen in die nĂ€chste Übung einhĂ€ngt. Selbstsicherungssysteme bestehen grundsĂ€tzlich aus zwei Karabinern (optional auch ein Karabiner und eine Seilrolle), die nacheinander umgehĂ€ngt werden und auf diese Weise die Sicherung der Teilnehmer gewĂ€hrleisten. Bei falscher Handhabung kann es zum AushĂ€ngen beider Karabiner und damit zu einer kompletten Entsicherung kommen. Diese Situation kann ein lebensgefĂ€hrliches Risiko bedeuten. In diesem Zusammenhang sind einige (auch tödliche) UnfĂ€lle bekannt geworden.

Seit dem Jahr 2010 werden auf Selbstsicherungsparcours zunehmend neuartige Permanent-Selbstsicherungssysteme verwendet, die auch als „kommunizierende Karabinersysteme“ bezeichnet werden. Es handelt sich um die Weiterentwicklung der Karabiner-Selbstsicherungs-Sets, bei denen wĂ€hrend des Kletterns ein Karabiner nur dann aus der Sicherungslinie ausgehĂ€ngt werden kann, wenn der andere dort eingehĂ€ngt bleibt. Diese Systeme können die Gefahr des unbeabsichtigten AushĂ€ngens beider Karabiner reduzieren oder sogar vollstĂ€ndig vermeiden, ohne das freie Klettern an beliebigen Elementen, Überholmöglichkeiten und das Selbstsichern als Teil des Klettererlebnisses einzuschrĂ€nken.

Durchlaufende Sicherungssysteme gewĂ€hrleisten die permanente Sicherung der Teilnehmer. Sie weisen gegenĂŒber den Karabinersystemen allerdings verschiedene EinschrĂ€nkungen beim Klettern auf. Durchlaufende Sicherungssysteme bestehen aus einer ĂŒber mehrere Kletterelemente hinweggehenden Sicherungslinie (Drahtseil/Schiene), in die sich der Teilnehmer am Startpunkt mittels eines Hakens oder einer speziellen Seilrolle eines Parcours einmalig einhĂ€ngt oder eingehĂ€ngt wird. Das unbeabsichtigte AushĂ€ngen wird, wie auch das selbststĂ€ndige UmhĂ€ngen, bis zum Ende des jeweiligen Parcours vermieden. Bei diesen Systemen können bestimmte Kletterelemente (TarzansprĂŒnge, FallsprĂŒnge etc.) nicht integriert werden, ohne das Konzept der durchlaufenden Sicherung zu verlassen. Überholen der Teilnehmer oder ein Wechsel des Parcours sind nur an Stellen mit Weichen möglich.

Über das Sicherheitsniveau der kommunizierenden Karabinersystemen und der durchlaufenden Sicherungssysteme liegen noch keine vergleichenden Studien vor. In der Werbung werden unterschiedliche Vor- und Nachteile beider Systeme herausgehoben, ohne belegen zu können, welches System sicherer ist. So kann es theoretisch bei allen Systemen zu bewussten Manipulationen der Benutzer kommen. Bei Systemen mit Seilrollen kann es leichter zu „AuffahrunfĂ€llen“ kommen. Bei durchlaufenden Systemen können bei Evakuierungen der Kletteranlagen entscheidende Verzögerungen auftreten. Bei kommunizierenden Karabinersystemen ist nicht mit allen Systemen sichergestellt, dass die Kletterer sich an den richtigen Seilen einhĂ€ngen. Durchlaufende Systeme verleiten den Seilgartenbetreiber leicht dazu, die direkte persönliche Aufsicht im Parcours zu vernachlĂ€ssigen, obwohl diese Systeme nicht als unfallfrei gelten.

In NiedrigseilgĂ€rten erĂŒbrigt sich die Seilsicherung. Jedoch darf auch hier die Gefahr eines unkontrollierten Sturzes oder der Strangulation nicht unterschĂ€tzt werden. Die Sicherung erfolgt daher durch einen oder mehrere Partner, die sich bereithalten, den Fallenden zu stĂŒtzen („spotten“).

Sicherungsvorschriften fĂŒr den Betrieb eines Hochseilgartens

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
„Achtung!“

Bau und Betrieb von HochseilgĂ€rten werden durch die EN 15567 1-2 geregelt. Beaufsichtigte NiedrigseilgĂ€rten unterliegen ebenfalls der EN 15567. Sind sie frei zugĂ€nglich, gelten sie rechtlich als Spielplatz bzw. Spiellandschaft und mĂŒssen die Regelungen der EN 1176 (Spielplatznorm) erfĂŒllen.

DarĂŒber hinaus besteht die freiwillige Möglichkeit, topropegesicherte HochseilgĂ€rten nach dem Zero-Accident-Prinzip zu betreiben.

Waldseilgarten in Bali
  • Jochen Wendrich: SeilgĂ€rten : Nutzung und Bau von Niedrig- und HochseilgĂ€rten. Hrsg.: Landesunfallkasse NRW, Gemeindeunfallversicherungsverband Westphalen-Lippe, Rheinischer Gemeindeunfallversicherungsverband. 2006 (schulsport-nrw.de [PDF; abgerufen am 23. September 2008]).
  • Seilparks in der Schweiz (PDF; 2,0 MB)
Commons: Seilgarten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien