Traumyoga
Das Traumyoga (Sanskrit: svapnadarĆana; tib.: rmi lam) ist zum einen Bestandteil der âSechs Yogas von Naropaâ und damit eine aus dem buddhistischen Vajrayana stammende Praxis, zum anderen gibt es eine eigenstĂ€ndige Ăbertragung zu Traumyoga innerhalb des tibetischen Bön. Traumyoga dient dazu, wĂ€hrend des Traumschlafs einen wachen Bewusstseinszustand aufrechtzuerhalten und die FĂ€higkeit zu erwerben, die Traumgeschehnisse gezielt zu lenken (â Klartraum). Inzwischen sind Anleitungstexte zum Traumyoga auch in westliche Sprachen ĂŒbersetzt worden.
Luzides TrÀumen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein geĂŒbter Traumyoga-Praktizierender wird sich wĂ€hrend des TrĂ€umens bewusst, dass er trĂ€umt. Er erlebt die Trauminhalte bewusst und kann auf die Handlung seiner TrĂ€ume Einfluss nehmen. WĂ€hrend diesem luziden Bewusstseinszustand ist er sich ferner der "irrealen" und flĂŒchtigen Natur des Traums bewusst. Im Buddhismus gibt das Traumyoga dem Ăbenden die Möglichkeit, spirituelle Praxis wĂ€hrend (Traumschlaf)-Phasen zu ĂŒben, welche vom spirituellen Standpunkt betrachtet gewöhnlich nutzlos im Zustand der Unwissenheit verstreichen. Eine LuziditĂ€t wĂ€hrend der Tiefschlafphase ist verbunden mit dem Yoga des Klaren Lichts.
Techniken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Man lenkt das Bewusstsein wĂ€hrend der Einschlafphase auf spezielle Energiezentren (Chakren) des Körpers und visualisiert dort farbiges Licht oder mystische Silben (Sanskrit Bija). Die Einschlafphase kann zusĂ€tzlich genutzt werden fĂŒr die Anwendung weiterer tantrischer Techniken wie Mantra-Rezitation oder Visualisierung von Meditationsgottheiten. Die korrekte Praxis erfordert eine Einweihung und die sorgfĂ€ltige Anleitung durch einen Vajrayana-Meister, der innerhalb einer Ăberlieferungslinie zur Weitergabe dieser Ăbung befugt ist. Das oben erwĂ€hnte Yoga des Klaren Lichts ist hingegen mit der Dzogchen-Praxis verbunden.
Zweck und grundlegende Sichtweise im Traumyoga
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im buddhistischen Traumyoga geht es nicht um die Inhalte von TrĂ€umen im Sinne von âTraumdeutungâ, sondern um geistige Klarheit wĂ€hrend sonst unbewusster Phasen. Das Endziel ist die Erfahrung der Buddhanatur, der wahren Natur des Geistes.
Die gewöhnliche Lebenswirklichkeit betrachtet der tantrische Buddhismus als âillusionĂ€râ, einem Traum Ă€hnlich. Man kann das Erscheinen der PhĂ€nomene im Wachzustand, gemÀà dieser Sichtweise, als kollektiven Traum bezeichnen. Die PhĂ€nomene des Wachzustandes erscheinen in der Wahrnehmung Ă€hnlich wie die PhĂ€nomene im Traum, werden aber vom gewöhnlichen Betrachter irrigerweise nicht als letztlich unwirklich erkannt, sondern als aus sich selbst heraus (inhĂ€rent) bestehende PhĂ€nomene identifiziert.
Das KlartrĂ€umen dient dazu, in allen Phasen der Lebenswirklichkeit die TraumĂ€hnlichkeit, oder klassisch buddhistisch ausgedrĂŒckt, die Leerheit (Shunyata) des eigenen Selbst (der persönlichkeits-konstituierenden Faktoren, Skandhas) und aller PhĂ€nomene zu erkennen. Daher haben vertiefte Erfahrungen im nĂ€chtlichen KlartrĂ€umen Einfluss auf die Wahrnehmung der PhĂ€nomene im Wachzustand am Tag. So sind die Techniken des KlartrĂ€umens ein Teilaspekt einer umfassenden spirituellen Erleuchtungspraxis. DarĂŒber hinaus ermöglicht die LuziditĂ€t im Traum, Meditationspraktiken zu ĂŒben. Das ist nicht zuletzt deshalb vorteilhaft, weil die BeschrĂ€nkungen durch den physischen Körper wegfallen und es leichter ist, bestimmte Ergebnisse zu erhalten.
Ein weiterer Zweck ist die Vorbereitung auf den Tod. Der Grundgedanke ist, dass TrÀume den Prozessen des Sterbens und dem Geschehen im Nachtodzustand (Bardo) substanziell Àhneln. Die Erfahrung von der TraumÀhnlichkeit der PhÀnomene zu Lebenszeiten dient dazu, die mitunter erschreckenden Visionen im Sterben und im Nachtodzustand als illusionÀr zu erfahren, und so die wirkliche Natur des Geistes zu erkennen und Befreiung vom Daseinskreislauf zu erlangen.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Namkhai Norbu: Traum-Yoga â TrĂ€ume bewuĂt lenken â der tibetische Weg zu Klarheit und Selbsterkenntnis. O.W.Barth-Verlag, Bern-MĂŒnchen-Wien 1998, ISBN 3-502-62481-X (Ăbersetzung der 1. Auflage von Dream Yoga and the Practice of Natural Light)
- Namkhai Norbu: Der Zyklus von Tag und Nacht â Die praktischen Ăbungen des Ati-Yoga. Diederichs Verlag, MĂŒnchen 1998, ISBN 3-424-00964-4
- Namkhai Norbu Rinpoche: Dream Yoga and the Practice of Natural Light. Snow Lion Publications, Ithaca N.Y. 2002 (2. erw. Aufl.), ISBN 1-55939-161-8
- Tenzin Wangyal Rinpoche: Ăbung der Nacht â Tibetische Meditationen in Schlaf und Traum. Diederichs Verlag, 2001, ISBN 3720521893
- Tenzin Wangyal Rinpoche: The Tibetan Yogas of Dream and Sleep. Snow Lion Publications, Ithaca N.Y. 1998, ISBN 1-55939-101-4 (Englische Ausgabe von "Ăbung der Nacht")
- Francisco Varela: Traum, Schlaf und Tod â Grenzbereiche des BewuĂtseins, Diederichs, 1998, ISBN 3-42401-388-9
- Gyatrul Rinpoche: Ancient Wisdom: Nyingma Teachings on Dream Yoga, Meditation, and Transformation. Snow Lion Publications Ithaca N.Y. 1993
- Swami Sivananda Radha: Praxis des Traum-Yoga. Freiburg im Breisgau 1996