Volker Gerhardt

Volker Gerhardt (* 21. Juli 1944 in Guben/Brandenburg) ist ein deutscher Philosoph.
Gerhardt war von 1992 bis 2012 Professor fĂŒr Philosophie an der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin, wo er weiter als Seniorprofessor lehrt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ethik, der Politischen Philosophie, der Ăsthetik, der Metaphysik und der Theologie. Seine historischen Arbeiten sind auf den Vergleich des modernen Denkens mit der Antike gerichtet und haben vornehmlich zu Arbeiten ĂŒber Platon, Immanuel Kant und Friedrich Nietzsche, aber auch zu Studien ĂŒber Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Karl Jaspers, Eric Voegelin, Hannah Arendt, Carl Schmitt und manche andere gefĂŒhrt. Seine systematischen Untersuchungen richten sich auf den Zusammenhang von lebendiger Natur und produktiver Kultur in den epistemischen, moralischen, politischen und Ă€sthetischen Leistungen des Menschen.
Werdegang
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Volker Gerhardt wuchs nach der Flucht mit seiner Mutter aus Guben als Halbwaise in Hagen/Westfalen auf. Er legte 1965 auf dem Gymnasium Hohenlimburg das Abitur ab und studierte Philosophie, Soziologie, Psychologie und Rechtswissenschaft in Frankfurt und MĂŒnster; 1974 promovierte er in MĂŒnster zum Dr. phil., worauf 1984 die Habilitation folgte. 1968/69 war er Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS). Auch war er ab 1971 stellvertretender Vorsitzender der âHochschulvereinigung fĂŒr das Fernstudiumâ und wirkte 1975 an der GrĂŒndung der FernuniversitĂ€t Hagen mit.
1975 begann er als Assistent von Friedrich Kaulbach an der UniversitĂ€t MĂŒnster/Westfalen. Als weitere Lehrer nennt er Helmut Schelsky und Gerold Prauss. 1985 wurde er Professor fĂŒr Philosophie in MĂŒnster, 1986 nahm er eine Gastprofessur an der UniversitĂ€t ZĂŒrich wahr. Von 1988 bis 1992 leitete er das Institut fĂŒr Philosophie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. 1992 erhielt er den Ruf auf die GrĂŒndungsprofessur fĂŒr Praktische Philosophie in Halle, folgte im Oktober 1992 jedoch dem Ruf auf den Lehrstuhl fĂŒr Praktische Philosophie (Schwerpunkt: Rechts- und Sozialphilosophie) an der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin. Nach der deutschen Wiedervereinigung war er der erste Direktor des neugegrĂŒndeten Instituts fĂŒr Philosophie, wo er bis zur Emeritierung 2014 lehrte. Nach einer Unterbrechung von einem Jahr lehrt er seit dem Wintersemester 2015/16 als Seniorprofessor an der Humboldt-UniversitĂ€t. Von ihr verabschiedete er sich am 23. Oktober 2024 mit einer Vorlesung ĂŒber âDie Soziomorphie des Bewusstseinsâ.
Gerhardt, der als junger Mann aus der Kirche ausgetreten war, ist seit 2000 wieder Mitglied der evangelischen Kirche.
Ehrungen, Mitgliedschaften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1998 wurde er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, war 2001 bis 2007 deren VizeprĂ€sident mit der ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die Forschungsvorhaben und ĂŒbernahm 2001 die Leitung der zentralen Wissenschaftskommission der deutschen Akademien mit der ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die Koordination sĂ€mtlicher Forschungsvorhaben; 2005 und 2009 wurde er wiedergewĂ€hlt. Von 2001 bis 2023 war er Vorsitzender der Nietzsche-Kommission der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, fĂŒr die er die Kritische Gesamtausgabe der Werke Friedrich Nietzsches (KGW) bis zum Abschluss der IX, Abtlg. betreute. 2001 begann die von ihm initiierte Neuedition der Akademie-Ausgabe der Werke Kants, die 2026 zum Abschluss kommen soll, Er war Vorsitzender der Kant-Kommission und Projektleiter; seit 2018 teilt er sich die Verantwortung mit Marcus Willaschek. Er war Mitglied in Beratungskommissionen der Bayerischen und der Heidelberger Akademie sowie der Leopoldina. Von 1998 und 2012 war er Mitglied des Senats der Deutschen Nationalstiftung.
Von 2001 bis 2007 war er als Mitglied im Nationalen Ethikrat tÀtig und von 2008 bis 2012 in dessen Nachfolgeeinrichtung, dem Deutschen Ethikrat.
Zwischen 1997 und 2002 war er Vorsitzender der Kommission fĂŒr die Förderinitiative Bioethik der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit 2002 ist er fĂŒr das Philosophische Jahrbuch als Herausgeber tĂ€tig. Von 2004 bis 2007 war er Mitglied der Preiskommission der Alexander von Humboldt-Stiftung; 2005 leitete er die Kernkommission Ethik bei der Senatsverwaltung fĂŒr Bildung, Jugend und Sport des Landes Berlin und zeichnete verantwortlich fĂŒr die Rahmenrichtlinien fĂŒr den Ethikunterricht an den Berliner Schulen.
Im Oktober 2006 wurde er in den Hochschulbeirat der Evangelischen Kirche in Deutschland berufen, wurde zugleich Mitglied der Kammer fĂŒr Theologie und war fĂŒr fĂŒnf Jahre Mitglied des Hochschulrates der Philipps-UniversitĂ€t Marburg.
2007 wurde er zum Honorarprofessor der UniversitÀt von Wuhan in Hubei, Volksrepublik China, ernannt. 2008 wurde ihm der Titel eines Ehrendoktors der UniversitÀt Debrecen (Dr. phil. h. c.) verliehen. 2017 erhielt er den Ehrendoktor der Theologischen FakultÀt der UniversitÀt Leipzig (Dr. theol. h. c.). 2022 erhielt Gerhardt den Karl-Jaspers-Preis der UniversitÀt Heidelberg.
Von 2005 bis 2009 ĂŒbernahm er die Leitung des zusammen mit Detlev Ganten und Julian Nida-RĂŒmelin durchgefĂŒhrten Humanprojekts, das nach den Folgen des âHumangenomprojektsâ fĂŒr das SelbstverstĂ€ndnis des Menschen fragt. Angeschlossen war das von der Bundesregierung geförderte Nachwuchsprogramm ĂŒber Funktionen des Bewusstseins. Die Initiative wird in freier Kooperation unter dem Dach der BBAW und weiterhin unter der Verantwortung von D. Ganten, V. Gerhardt, Jan-Chr. Heilinger und J. Nida-RĂŒmelin (koordiniert durch Jan-Chr. Heilinger) fortgefĂŒhrt. Die Ergebnisse sind in der inzwischen auf zweiundzwanzig BĂ€nde angewachsenen Reihe der 'Reihe Humanprojekt' dokumentiert.
Seit 2010 ist Volker Gerhardt Mitglied der Grundwertekommission der SPD; in den Jahren 2011 und 2012 war er Vorsitzender des Konzils der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin, der er nach seiner Emeritierung im Herbst 2012 weiterhin als Seniorprofessor angehört. Die im Juli 2014 gehaltene Abschiedsvorlesung âZur Theorie der HumanitĂ€tâ hat den mit der Selbstbestimmung (1999), der IndividualitĂ€t (2000) ĂŒber Vernunft und Leben (2002), Partizipation (2007), Ăffentlichkeit (2012) und Sinn des Sinns (2014) systematisch beschrittenen Weg bilanziert und dessen Abschluss umrissen. Das vorlĂ€ufige Ergebnis liegt in der Studie HumanitĂ€t. Ăber den Geist der Menschheit (2019) vor. Deren historische und systematische Verbindungen zur Politik werden in Individuum und Menschheit. Eine Philosophie der Demokratie (2023) aufgewiesen. Zum Kant-JubilĂ€umsjahr 2024 erschien in 2. Auflage die Neubearbeitung von Immanuel Kants Entwurf 'Zum ewigen Frieden'. Eine Theorie der Politik (2023).
Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ăberblick
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wer den philosophischen Ansatz Gerhardts unter einen Titel bringen will, könnte von einem rationalen Existenzialismus sprechen, der sich ausdrĂŒcklich nicht als modern versteht, sondern sich ebenso gut von Sokrates wie von Seneca, Michel de Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Kant, Hegel oder Nietzsche her begrĂŒnden lieĂe.
Seine politische Philosophie hat er selbst in einem Sammelband unter den Titel des existenziellen Liberalismus gestellt. Die zugehörige Methode ist die des exemplarischen Denkens, die zu einer exemplarischen Ethik fĂŒhrt, in der jeder selbst ein Beispiel fĂŒr die Menschheit in seiner Person zu geben hat.
In seiner Kritik an der ModernitĂ€tsversessenheit des neuzeitlichen Denkens warnt er vor der geschichtsphilosophischen Verblendung der zeitgenössischen Philosophie, der nichts wichtiger geworden ist, als in ein neues Zeitalter einzutreten, weil sie die Geschichte fĂŒr die ungelösten Probleme der Gegenwart verantwortlich macht. DemgegenĂŒber beharrt Gerhardt auf dem sachlichen Gewicht der klassischen Fragen des Erkennens und Handelns, stellt die Bedeutung von Natur und Leben fĂŒr das SelbstverstĂ€ndnis des Geistes heraus, hĂ€lt die Frage nach dem göttlichen Grund von Welt und Selbst fĂŒr unverzichtbar und fĂŒhrt in seinen Arbeiten vor, dass gerade unter den Bedingungen globaler Individualisierung systematisches Denken zu den vorrangigen Aufgaben einer Philosophie gehört, die sich als Wissenschaft versteht.
In seinem jĂŒngsten Werk bezeichnet er seinen Ansatz als einen weder reduktionistisch verfahrenden noch dualistisch endenden humanitĂ€ren Naturalismus, der die logisch zwingende Verbindung von IndividualitĂ€t und UniversalitĂ€t zum Ausgangspunkt eines empirisch ansetzenden existenziellen Rationalismus nimmt.
FrĂŒhe Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die ersten philosophischen Arbeiten Gerhardts zwischen 1974 und 1981 befassen sich mit der kritischen Philosophie Immanuel Kants und fragen nach dem Zusammenhang von individuellen Motiven, gesellschaftlichen Antrieben und vernĂŒnftigen AnsprĂŒchen. Nach der Dissertation ĂŒber Vernunft und Interesse folgten ein (mit Friedrich Kaulbach verfasster) Forschungsbericht zur Kant-Rezeption sowie eine Untersuchung ĂŒber Recht und Herrschaft, in der es bereits um die Beziehung zwischen Macht und Wirklichkeit geht.
Mit dem Problem der Macht rĂŒckte Friedrich Nietzsche ins Blickfeld, dem Gerhardt zahlreiche AufsĂ€tze (gesammelt in Pathos und Distanz) und zwei Monographien widmete. In der 1984 vorgelegten (1995 publizierten) Studie Vom Willen zur Macht wird das Machtproblem als die zentrale Frage Nietzsches ausgewiesen, die eng mit dessen Wertlehre sowie mit den erstmals von Nietzsche gestellten Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Sinn der Kultur, der Moral und der Wahrheit zusammenhĂ€nge. In der 1992 publizierten und mehrfach wieder aufgelegten Gesamtdarstellung wird Nietzsches Denken aus dem Zusammenhang seiner Abwehr der Ăberlieferung gedeutet, der er dennoch in allen seinen philosophischen Oppositionen zugehöre. Das gilt insbesondere fĂŒr seine Beziehung zu Kant, Platon und Sokrates. In einem RĂŒckblick zum 100. Todestag im Jahr 2000 deutet Gerhardt Nietzsches Denken als eine tragische Philosophie der Existenz, die der VerfĂŒhrung durch den SelbstĂŒberbietungsprozess der Moderne nicht entgeht. Folglich steht der âexaltierte Renaissancismusâ Nietzsches unter den Titelbegriffen Sensation und Existenz.[1] Die darin enthaltene Kritik hat Gerhardt spĂ€ter in seiner Auseinandersetzung mit Nietzsches Philosophie des Leibes vertieft: So wichtig es sei, vom Leib auszugehen, so entscheidend sei die Einsicht in die ĂŒber den einzelnen Leib hinausgehende Organisation der Vernunft. Sie sei nicht, wie Nietzsche nahelegt, an das âGĂ€ngelbandâ des einzelnen Leibes gebunden, sondern ermögliche eine soziale Verbindung durch wechselseitige Mitteilung und Bewertung aus einem Individuen umfassenden, letztlich öffentlich angelegten Bewusstsein. Einen Schritt weiter geht die Kritik, wenn er Nietzsche vorhĂ€lt, seine ohnehin auf einem MissverstĂ€ndnis beruhende Wahrheitskritik verlange in Konsequenz des dogmatisch behaupteten Amoralismus die Suspension der Wahrheit gegenĂŒber sich selbst. Damit stelle Nietzsche die AuthentizitĂ€t seines eigenen Denkens in Frage.[2]
Politische Theorie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben den historischen Analysen, die zunehmend auch das Werk Platons einbezogen, wurden die in der MĂŒnsteraner Antrittsvorlesung ĂŒber Metaphysik und Politik (1985) angekĂŒndigte sowie in der Berliner Antrittsrede ĂŒber Politik und Leben (1993) im Umriss angedeuteten Untersuchungen zur Grundlegung der Politik vorangetrieben. 1995 erschien die Interpretation von Kants Schrift Zum ewigen Frieden, die den Nachweis fĂŒhrt, dass Kant nicht nur eine Rechts- und Staatslehre im engeren Sinn, sondern eine auch auf pragmatische, geschichts- und kulturtheoretische Fragen ausgreifende Konzeption der Politik entworfen hat. Politik muss nach Kant als eine âausĂŒbende Rechtslehreâ angesehen werden, die zwar auf moralische und rechtliche Prinzipien gegrĂŒndet ist, aber in der konkreten Umsetzung wesentlich auf die situativ einsetzende Urteilskraft angewiesen bleibt. Dabei kann sich die Politik der wissenschaftlichen, ökonomischen und technischen Dynamik des menschlichen Handelns nicht entziehen und muss ihre Geschicklichkeit in der Bereitschaft zu Reformen erweisen.
Darauf grĂŒndet Gerhardt seine Theorie der Politik, die 2007 unter dem programmatischen Titel Partizipation. Das Prinzip der Politik erschien und durch die 2009 unter dem Titel Existenzieller Liberalismus stehende Aufsatzsammlung erlĂ€utert wurde. Auf dem Weg dahin werden vier Schritte der historisch-systematischen PrĂŒfung absolviert, die Grundlagen klĂ€ren und das humanitĂ€re Ziel des Politischen vergewissern sollen:
Selbstbewusstsein und IndividualitÀt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der erste Schritt erfolgte in der Selbstbestimmung. Das Prinzip der IndividualitĂ€t (1999). Das in zehn Kapiteln unter den Ăberschriften: Selbsterkenntnis, SelbstĂ€ndigkeit, Selbstherrschaft, Selbstorganisation, Selbstbewusstsein, Selbststeigerung, Selbstverantwortung, Selbstbegriff, Selbstgesetzgebung und Selbstverwirklichung gegliederte Werk bietet eine Grundlegung der Ethik auf dem Fundament eines sich selbst organisierenden Lebens. Es entwickelt die Grundprinzipien einer auf die eigene Einsicht gestĂŒtzten menschlichen LebensfĂŒhrung im Zusammenhang einer Natur, als deren werdender Teil sich der Mensch â als kulturelles Wesen â begreift. Ausgangs- und Zielpunkt des humanen Handelns ist die Selbsterfahrung des Menschen als Individuum, das sich unter den vorgefundenen und zugleich von ihm verĂ€nderten Bedingungen der Natur selbst zu steuern hat. Erkennen und Wissen sind die unverzichtbaren und gleichwohl niemals zureichenden Mittel einer individuellen Selbstbestimmung, die in allen ihren Phasen auf die Gegenwart und Mitwirkung verstĂ€ndiger Individuen angewiesen bleibt. Selbstbestimmung setzt die Autonomie des sich als vernĂŒnftig begreifenden Individuums voraus, kann aber auf Anleitung und Hilfe durch Andere nicht verzichten. Das erforderliche Vertrauen in die eigenen KrĂ€fte ist mit dem Bewusstsein der Begrenzung der eigenen FĂ€higkeiten verknĂŒpft. Deshalb sind der âSelbstverwirklichung des Menschenâ nicht nur Ă€uĂere, sondern auch innere Schranken gesetzt. Das Ă€ndert aber nichts daran, dass der Einzelne aus eigener Einsicht nach seinen eigenen GrĂŒnden handelt. Wenn er dies auch nicht in allen Lagen tut, so fordert er es dennoch in der Arbeit an sich selbst und kann es anderen nicht verweigern, ohne in Widerspruch zu sich selbst zu geraten.
IndividualitÀt und Welt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der zweite Schritt wurde in der 2000 erschienenen IndividualitĂ€t. Das Element der Welt vollzogen. Wenn die Ethik auf die Autonomie der Person gegrĂŒndet ist und die Politik auf die Erhaltung und Entfaltung eines jeden BĂŒrgers sich auszurichten hat, ist zu klĂ€ren, was die in beiden FĂ€llen zugrunde liegende IndividualitĂ€t bedeutet. Vor allem ist sie die Kondition der Selbstwahrnehmung eines jeden Menschen. Gerade gegenĂŒber seinesgleichen hat er sich, selbst wenn er nur ein allen gemeinsames BedĂŒrfnis zum Ausdruck bringen will, als ein bestimmtes Lebewesen kenntlich zu machen, das mit seiner Lebensgeschichte und in seiner Lage einzigartig ist. Raum und Zeit kommen der gesellschaftlichen Auszeichnung der Einmaligkeit einer jeden menschlichen Existenz entgegen, denn an diesem Ort zu dieser Zeit kann es immer nur ein einziges Lebewesen geben. Die individualisierende Funktion von Raum und Zeit ist aber nicht auf die menschliche Existenz beschrĂ€nkt. FĂŒr den (sich als Individuum begreifenden) Menschen hat jeder Gegenstand und jedes Ereignis den Charakter der Einmaligkeit, der eng mit der VergĂ€nglichkeit aller Erscheinungen verknĂŒpft ist. Deshalb muss er die Welt als ganze als das Insgesamt von individuellen Vorkommnissen zu begreifen, das selbst nicht anders als individuell verstanden werden kann. Anders aber als eine Welt aus Atomen ist die aus diskreten Individuen bestehende individuelle Welt von der Selbstwahrnehmung des Menschen als Individuum nicht zu lösen. Die These von der IndividualitĂ€t als âElement der Weltâ darf demnach nicht als Aussage ĂŒber einen physikalischen Sachverhalt verstanden werden, sondern ist der Versuch, den wechselseitigen Zusammenhang aller vom Menschen begriffenen Vorkommnisse mit seinem Selbstbegriff zu verknĂŒpfen. Sie ist Ausdruck einer funktionalen Metaphysik der menschlichen Welt, in welcher der Mensch allein schon aus GrĂŒnden der Sicherung der Formen seines Erkennens und Handelns genötigt ist, seine gesellschaftlich und politisch stets gefĂ€hrdete IndividualitĂ€t zu wahren.
Mensch und Menschheit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Den ursprĂŒnglich nicht geplanten dritten Schritt machten die Diskussionsbedingungen um die Jahrhundertwende erforderlich, weil der Paradigmenwechsel zu den Lebenswissenschaften und die Fortschritte der Biotechnologie die Zweifel am Begriff der Menschheit verstĂ€rkten. In Der Mensch wird geboren. Kleine Apologie der HumanitĂ€t (2001) wird aufgewiesen, dass der Begriff der Menschheit sowohl fĂŒr das theoretische wie auch fĂŒr das praktische Selbst- und WeltverhĂ€ltnis des Menschen unverzichtbar ist. Die Menschen sind nicht allein durch ihre sie genetisch verbindende Naturausstattung, sondern auch durch das, was sie daraus durch ihre technischen und kulturellen Leistungen fĂŒr ihre erdumspannende Lebensicherung machen, eine im gemeinsamen Wissen und Handeln verbundene Spezies. Der in selbst geschaffenen Kulturen lebende Homo sapiens kann sich nur durch die Erfindung und Herstellung technischer Lebensmittel, zu denen auch die rechtlich gefassten Institutionen gehören, erhalten. Damit ist das fĂŒr die Politik unverzichtbare moralische und rechtliche SelbstverstĂ€ndnis des Menschen als eine kulturelle Grundbedingung ausgewiesen, ohne die es nicht möglich wĂ€re, die Menschenrechte fĂŒr alle Individuen zu rechtfertigen. Dieser Beweisgang wird in der Sammlung Die angeborene WĂŒrde des Menschen (2004) ergĂ€nzt und im zehnten Buch der Partizipation auf die These von der Unverzichtbarkeit der Ideen von HumanitĂ€t, ObjektivitĂ€t und Wahrheit ausgeweitet. Bleibt nur zu erwĂ€hnen, dass sowohl die Kleine Apologie wie auch die Aufsatzsammlung ĂŒber die WĂŒrde des Menschen einen GroĂteil der Arbeiten versammelt, die der Autor zu den damals aktuellen Fragen der Bioethik veröffentlicht hat. Sein Urteil ĂŒber den Beginn oder das Ende des menschlichen Lebens, ĂŒber Stammzellforschung, Abtreibung, Gentechnologie und Sterbehilfe steht in einem begrifflich ausgewiesenen Zusammenhang mit dem SelbstverstĂ€ndnis des Menschen.
IndividualitÀt und Vernunft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der vierte Schritt erschien geboten, weil die Zweifel anhielten, ob das Konzept individueller Selbstbestimmung noch tragfĂ€hig sei. IndividualitĂ€t und Autonomie stehen bis heute unter dem Verdacht, spĂ€te Konzeptionen einer lĂ€ngst dem Verfall unterliegenden Moderne zu sein. Dem trat die 2002 publizierte Gesamtdarstellung von Leben und Werk Immanuel Kants entgegen. Ihr liegt daran, den aus der Tradition aufgenommenen und von Kant selbst auf Sokrates und Platon bezogenen Ausgangspunkt allen Denkens beim Ich des tĂ€tigen Menschen als den zentralen Fokus der kopernikanischen Wende darzustellen. Schon der vorkritische Kant vertraut in seiner Abgrenzung von Descartes und Leibniz auf das selbstbewusste Ich der eigenen Einsicht. Wenn er das âSelbstdenkenâ zum einzigen Verfahren und ausschlieĂlichen Ziel der Philosophie erklĂ€rt, folgt er nicht nur Rousseau und Montaigne, sondern verbleibt in der reformatorischen, humanistischen und stoischen Tradition der âBestimmung des Menschenâ durch die eigene Vernunft. Die, wie Kant sagt, âhumanitaet der Wissenschaftâ grĂŒndet sich auf die âLeutseeligkeitâ, in deren Offenheit Einsichten mitgeteilt werden können. Dazu gehört Kritik an dem, was Menschen fĂŒr Menschen leisten. Sie kann immer nur von einzelnen Menschen geĂ€uĂert werden. Kant nennt die Kritik das âzweyte Auge der Selbsterkenntnis der Menschlichen Vernunftâ,[3] das Wissenschaft und Kultur zu allen Zeiten benötigen. Wenn man einen Unterschied zwischen Antike und Moderne festhalten will, dann liegt er in der Vertiefung und VerschĂ€rfung alteuropĂ€ischer und altorientalischer AnsĂ€tze zur Individualisierung des Menschen, nicht aber in einem Verzicht auf angeblich substantialistische Positionen der Metaphysik. Kant zeigt vielmehr, dass auch die Metaphysik eine Funktion fĂŒr die menschliche Einsicht erfĂŒllt und insofern selbst keine Substanzen, sondern Funktionen beschreibt. Die mit Nietzsche zum Gemeinplatz gewordene Metaphysikkritik geht somit, zumindest was Kant angeht, ins Leere.
Die Pointe der unter dem Titel Vernunft und Leben stehenden Kant-Interpretation Gerhardts liegt darin, dass die Selbstbestimmung des Individuums, das sich in Erkennen und Handeln auf seine eigene Einsicht beruft, sowohl als Leistung des sich selbst organisierenden Lebens als auch als Akt einer sich selbstkritisch prĂŒfenden Vernunft begriffen werden muss. So ist die Selbstbestimmung, auch wenn in ihr der Selbstzweck des sich autonom verstehenden Menschen liegt, nicht nur ein Ausdruck der Selbstorganisation des Lebens, sondern zugleich ein Moment einer sich disziplinierenden Menschheit, die sich im Prozess der von ihr selbst verantworteten Zivilisierung zur Kultur entwickelt. Um deutlich zu machen, dass auch der kultivierte Mensch ein Lebewesen bleibt, nennt Gerhardt den um MoralitĂ€t bemĂŒhten Menschen ein âTier, das sich ein Beispiel gibtâ.[4] Die Formel ergĂ€nzt seine Ăbersetzung des animal rationale als âTier, das seine eigenen GrĂŒnde hatâ[5] und gibt zu erkennen, dass Kant, nach dem Vorbild Rousseaus und im Einklang mit Ă€ltesten ethischen Lehren, wie sie von Konfuzius und Sokrates ĂŒberliefert sind, auf dem Weg zu einer exemplarischen Ethik ist.[6]
Partizipation als Prinzip der Politik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die skizzierten Ăberlegungen mĂŒndeten in die 2007 vorgelegte Theorie der Partizipation, die der Autor als âPrinzip der Politikâ begreift. Es beruht auf dem Prinzip der Selbstbestimmung einzelner Individuen, die sich zu einer ihr Leben erhaltenden und entfaltenden Organisation nach dem Prinzip wechselseitiger âMitbestimmungâ zusammenschlieĂen. âPartizipationâ ist der lateinische Ausdruck fĂŒr die Mitbestimmung in einem von allen aktiv Beteiligten gewollten sozialen Ganzen. Das Wort ist die seit dem Mittelalter gebrĂ€uchliche Ăbersetzung des tĆ metechein kriseĆs kai archÄs des Aristoteles, der damit (im Anschluss an Platon) den BĂŒrger (politÄs) als denjenigen definiert, der âam Gericht und in den Versammlungen mitwirktâ.[7] Diese Ă€lteste Beschreibung der politischen Rechte des Menschen kann als unverĂ€ndert gĂŒltig angesehen werden, weil sie schon in der Antike auf die Freiheit der BĂŒrger gegrĂŒndet ist. Heute hat sie durch das mit der Freiheit verbundene Gleichheitspostulat, durch den Anspruch auf individuellen Lebensschutz sowie durch die konstitutionell verbrieften Grundrechte ein besonderes Gewicht.
Die historische KontinuitĂ€t, die sich nicht auf die republikanische Verfassung Roms und demokratische Polis Athen beschrĂ€nkt, sondern die bereits rechtlich verfassten Reiche des Alten Orients einbezieht, ist ein wesentliches Moment einer politischen Theorie, die auch die Naturgeschichte des Menschen einzuholen versucht. Dabei spielen die kulturellen, speziell die technischen Leistungen des Menschen eine fundierende Rolle, denn selbst die das Politische tragende Institution des Rechts ist technischer Natur. Dies steht der Offenheit des Rechts fĂŒr die ethischen AnsprĂŒche nicht entgegen, lĂ€sst aber leichter verstehen, warum die Politik so starken pragmatischen Erwartungen unterworfen ist.
Wesentliches Element der Theorie der Partizipation ist die These von der ParallelitĂ€t von Person und Institution, die sich wechselseitig herausfordern und im Gang der Evolution der Politik die tragenden Errungenschaften der ReprĂ€sentation, der Konstitutionalisierung des Rechts, der Gewaltenteilung, der Zulassung der Opposition und des Menschenrechts auf der einen als auch die Autonomisierung des Individuums auf der anderen Seite hervor treiben. SchlieĂlich geht noch die Internationalisierung des Rechts, die wesentlich fĂŒr die globale Friedensordnung ist, aus der Dialektik von politischer Institution und moralischer Person hervor. So sind die Selbstbestimmung als âPrinzip der IndividualitĂ€tâ und die partizipative Mitbestimmung als âPrinzip der Politikâ nicht nur systematisch, sondern auch historisch miteinander verknĂŒpft.
In den Vertragskonstruktionen des modernen Kontraktualismus sieht Gerhardt nur ein didaktisches Hilfsmittel, um die bereits im ohnehin auf Gegenseitigkeit angelegten Recht enthaltene Gerechtigkeitserwartung verstĂ€ndlich zu machen. Deshalb kann es ihm auch genĂŒgen, die Politik als einen âKampf um das Rechtâ zu definieren, der freilich ohne die aktive Beteiligung der Betroffenen nicht zu fĂŒhren ist. Gerechtigkeit kann zwar in Modellkonstruktionen dargestellt und in Diskursen argumentativ vertreten werden, muss jedoch in politischen Auseinandersetzungen von den Benachteiligten erstritten werden. Partizipation gilt also auch fĂŒr die Ausweitung und Sicherung politischer Rechte. Sie erweist sich damit als der Grund, das Mittel und das Ziel der Politik.
Der Prozess der Partizipation setzt das Selbstbewusstsein der beteiligten Individuen voraus, die im Prozess der rechtlich geregelten Mitbestimmung die fĂŒr jede Politik unverzichtbare Ăffentlichkeit formalisieren. In den seit 2007 erschienenen Arbeiten hat Gerhardt dem Eindruck widersprochen, das Prinzip der Ăffentlichkeit sei auf die bĂŒrgerliche Gesellschaft der Moderne beschrĂ€nkt. Es ermöglicht vielmehr bereits die Gleichzeitigkeit der Entstehung der KĂŒnste, der Wissenschaften und der Demokratie im Athen des 5. vorchristlichen Jahrhunderts und kann bis in die Zeit der Entstehung des Rechts und der Schrift zurĂŒckverfolgt werden. Wenn zugleich gezeigt werden kann, dass auch die Individualisierung des Menschen in den frĂŒhen Reichen am Nil und am Euphrat erkennbar zunimmt, gibt es frĂŒhe historische Belege fĂŒr die systematische Verbindung zwischen individuellem Selbstbewusstsein und gesellschaftlicher Ăffentlichkeit.
Ăffentlichkeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die 2012 erschienene Studie ĂŒber Ăffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins spricht von der âQuadratur der Politikâ durch die Prinzipien der Partizipation, der ReprĂ€sentation, der Konstitution und der PublizitĂ€t. Dabei kommt dem vierten Prinzip, der Ăffentlichkeit, eine besondere Stellung zu, weil sie Person und Institution umfasst und somit das Individuum mit der politischen Organisation von innen her verbindet.
Das Werk zeigt zunĂ€chst, dass Ăffentlichkeit keineswegs erst mit dem Buchdruck und dem Zeitungswesen entstand; es bedurfte auch nicht erst der neuzeitlichen Debatten ĂŒber die bĂŒrgerliche Beteiligung an der staatlichen Macht, um ihr einen politischen Charakter zu verleihen. Ăffentlichkeit gehört vielmehr zur ursprĂŒnglichen Organisationsform zivilisatorischer Hochkulturen, ist gleich ursprĂŒnglich mit der Erfindung von Schrift und Recht und hat ihre erste BlĂŒte im Griechenland der klassischen Zeit. Hier begĂŒnstigt sie nicht nur die Autonomisierung der Politik, sondern ist zugleich die entscheidende Bedingung fĂŒr die mit der Politik entstehenden KĂŒnste und Wissenschaften. In dieser tragenden Funktion wurde die Ăffentlichkeit von der politischen Theorie der Moderne zwar nicht durchgĂ€ngig anerkannt, aber doch von vielen Theoretikern in der Nachfolge von Erasmus von Rotterdam, John Milton und Kant bis hin zu John Dewey, Karl R. Popper, Hannah Arendt und John Rawls grundlegend erörtert. In dieser Entwicklungslinie erkennt man auch, worin der von der jĂŒngeren Soziologie gesuchte âSinn der Ăffentlichkeitâ liegt: in der Ermöglichung eines gemeinsamen politischen Willens auf der Basis freier MeinungsĂ€uĂerung der beteiligten Individuen.
Dass sich dabei die Ăffentlichkeit fortlaufend wandelt, versteht sich von selbst; auch der von JĂŒrgen Habermas 1962 diagnostizierte âStrukturwandel der Ăffentlichkeitâ gehört dazu, obgleich sich die daran geknĂŒpften marxistischen Erwartungen nicht erfĂŒllt hĂ€tten. Offenkundig aber ist, dass die elektronischen Medien derzeit einen fundamentalen Wandel der Ăffentlichkeit mit sich bringen. Mit den systematischen Ăberlegungen des Buches wird auch ein VerstĂ€ndnis dieses Wandels möglich, denn sie begreifen bereits das Bewusstsein des Individuums als die ursprĂŒngliche Form von Ăffentlichkeit. Person und Institution sind zwei Seiten eines sich seit Jahrhunderten entfaltenden und immer dichter werdenden zivilisatorischen Zusammenhangs. Bewusstsein ist eine sachhaltige Form der Mitteilung, Verstand und Vernunft mĂŒssen als Instanzen des gesellschaftlichen Verkehrs und der Geist als einsichtiges GerĂŒst sozialer Körperschaften begriffen werden.
Diese Neubestimmung des menschlichen Bewusstseins erfolgt im Rahmen einer grundlegenden Revision der Beziehung zwischen Natur, Technik und Kultur, zu denen der Autor zahlreiche auch separat erschienene Studien vorgelegt hat.[8]
Rationale Theologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In einer in vielen AnlĂ€ufen in Angriff genommenen Untersuchung holte Volker Gerhardt das Gottesproblem ins Zentrum des Philosophierens zurĂŒck. Er versucht zu zeigen, dass Wissen und Glauben keine GegensĂ€tze sind, sondern sich wechselseitig fordern. Er legt dar, warum das Göttliche bereits in den AnfĂ€ngen des antiken Philosophierens keineswegs bloĂ aus kosmischen, sondern auch aus logischen, epistemischen und Ă€sthetischen GrĂŒnden als unverzichtbar angesehen worden ist. Weiter macht er den Sinn als den sowohl organisch wie auch sozial, psychisch, semantisch und intellektuell fundierten TrĂ€ger des Ganzen aus, das der Mensch benötigt, um ĂŒberhaupt in identifizierbarer Weise fĂŒhlen und denken und sich einen bleibenden Wert zuschreiben zu können. Auf diese Weise gelingt es, dem Begriff des Göttlichen auch unter modernen Bedingungen eine gleichermaĂen intellektuelle wie affektive Funktion zuzuschreiben. Auf sie kann der Mensch nicht verzichten, wenn er ein durch Selbst- und Weltvertrauen abgesichertes VerhĂ€ltnis zu sich und seinesgleichen haben will.
Auf diese Weise wird die Kritik an einer anthropomorphen Konzeption Gottes ins Positive gewendet: Gott ist die ursprĂŒnglich auf die Person des Menschen bezogene Instanz, in der die Welt ihre praktische Einheit gewinnt und vor der ein Mensch seiner personalen Einheit ein den Augenblick ĂŒberdauerndes Gewicht geben kann. Bei Gott ist es wie beim Problem der Freiheit, deren Existenz niemand beweisen kann, die aber doch jeder in Anspruch nehmen muss. So wie die Freiheit den Sinn der Rede vom menschlichen Handeln trĂ€gt, so fundiert der Grenzbegriff des Göttlichen den Sinn der Rede ĂŒber das Dasein und die Welt. Also kann man Gott als âGrundâ, als âSinnhorizontâ des Ganzen â und damit als âSinn des Sinnsâ definieren.[9]
In der 2016 erschienenen Abhandlung unter dem Titel Glauben und Wissen. Ein notwendiger Zusammenhang wurden aus dem VerstĂ€ndnis des Glaubens als âEinstellung zum Wissenâ Schlussfolgerungen fĂŒr das VerhĂ€ltnis des Glaubens zur Wissenschaft, zur Moral, zur HumanitĂ€t und zur Kultur gezogen, die unabhĂ€ngig vom religiösen Glauben wirksam sind, mit und in ihm jedoch existenziell vertieft und auf das Ganze des Daseins ausgeweitet werden können.
HumanitÀt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im FrĂŒhjahr 2019 erschien das Buch HumanitĂ€t. Ăber den Geist der Menschheit.[10] Darin wird der Versuch einer gleichermaĂen anthropologisch wie kulturhistorisch ansetzenden Selbstbeschreibung des Menschen in philosophischer Absicht unternommen. Ziel der Studie ist es, den Menschen ohne Abwertung anderer Lebewesen in seinen ihn auszeichnenden Leistungen zu charakterisieren. Ausgangspunkt ist eine Definition der menschlichen Kultur als einer âForm der Naturâ, die es erlaubt, den Menschen in seinen singulĂ€ren technischen, kĂŒnstlerischen und intellektuellen Leistungen als Teil der Natur zu verstehen. Unter ausdrĂŒcklicher Aufnahme klassischer Selbstbezeichnungen wird der Mensch als âhomo quaerensâ, somit als âfragendesâ Lebewesen beschrieben, das âProblemeâ hat. Ăber sie kann es ein VerstĂ€ndnis seiner Welt entwickeln, die es als Individuum wie als Gattung â gleichsam objektiv â herausfordern. Als âanimal sociale sive rationaleâ hat der Mensch die FĂ€higkeit, sich selbst zu normieren und damit nach GrĂŒnden zu handeln, die sowohl gesellschaftlich wie auch sachlich zu rechtfertigen sind. Unter dem Titel âhomo sapiens est homo faberâ wird gezeigt, dass handwerklich-technische FĂ€higkeiten des Menschen nicht von seinen geistigen und kĂŒnstlerischen Leistungen zu trennen sind. Im Kapitel âhomo ludens, homo negans et homo creatorâ wird die singulĂ€re Verbindung von Spiel und Verneinung herausgearbeitet, die das Regelbewusstsein des Menschen befördert und ihn, so paradox es auch klingt, zu seiner einzigartigen technischen und kĂŒnstlerischen KreativitĂ€t stimuliert. SchlieĂlich wird unter dem Titel âhomo publicusâ dargestellt, dass der Mensch in Sprechen und Handeln eine Ăffentlichkeit ausbildet, in der sich der Geist nach Art einer Institution entwickeln kann und den Menschen befĂ€higt, zur kulturell und politisch wirksamen GröĂe zu werden. Am Ende werden diese spezifischen Leistungen â unter Berufung auf Wilhelm von Humboldt â in ihrer Verbindung zur HumanitĂ€t herausgestellt, die als der sinnlich verfasste âGeist der Menschheitâ verstanden werden kann.
Ăffentliches Wirken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In seinen BeitrĂ€gen zum Humanprojekt hat Gerhardt zu zeigen versucht, dass sich die Leistungen des individuellen Bewusstseins nur nach Analogie mit den VorgĂ€ngen im öffentlichen Raum verstehen lassen. Bewusstsein ist âsoziomorphâ verfasst, es hat die Struktur der Mitteilung zwischen verschiedenen Individuen, die sich im gemeinsamen Bezug auf Sachverhalte verstĂ€ndigen. Folglich ist der Ursprung der gesellschaftlichen Ăffentlichkeit bereits im Bewusstsein des Individuums zu suchen, das seinerseits die Herausforderung durch eine Ăffentlichkeit benötigt, um sich in Mitteilung und Erkenntnis Ă€uĂern zu können.[11]
Nach diesem VerstĂ€ndnis hat Volker Gerhardt auch seine eigene öffentliche Wirksamkeit angelegt. Schon beim Aufbau eines Fernstudiums in der Bundesrepublik, dann bei der NeugrĂŒndung der Philosophie an der Humboldt-UniversitĂ€t und schlieĂlich in der zwölf Jahre lang wahrgenommenen Koordination der geisteswissenschaftlichen Akademievorhaben war es ihm wichtig, ĂŒber der Organisation von Lehre, Studium und Forschung die eigene wissenschaftliche Arbeit nicht zu vernachlĂ€ssigen.
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Vernunft und Interesse. Vorbereitung auf eine Interpretation Kants (Phil. Diss. MĂŒnster 1974), MĂŒnster 1976.
- Immanuel Kant. ErtrÀge der Forschung (gemeinsam mit Friedrich Kaulbach), Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1979; 2. Aufl. 1989, ISBN 3-534-07253-7
- Pathos und Distanz: Studien zur Philosophie Friedrich Nietzsches. Reclam, Stuttgart 1988, ISBN 978-3-15-008504-2.
- Als Hrsg.: Der Begriff der Politik. Bedingungen und GrĂŒnde politischen Handelns. Metzler, Stuttgart 1990, ISBN 978-3-476-00692-9.
- Friedrich Nietzsche. Beck, MĂŒnchen 4. Auflage 2006, ISBN 978-3-406-54123-0.
- Immanuel Kants Entwurf âZum ewigen Friedenâ. Eine Theorie der Politik. 2. Aufl., wbg academic, Darmstadt 2023, ISBN 978-3-534-27165-8. (zuerst 1995)
- Vom Willen zur Macht. Anthropologie und Metaphysik der Macht am exemplarischen Fall Friedrich Nietzsches. de Gruyter, Berlin, New York 1996, ISBN 978-3-11-012801-7.
- Selbstbestimmung: Das Prinzip der IndividualitÀt. Reclam, Stuttgart 1999, ISBN 978-3-15-009761-8.
- IndividualitĂ€t. Das Element der Welt. Beck, MĂŒnchen 2000, ISBN 978-3-406-45921-4.
- Der Mensch wird geboren. Kleine Apologie der HumanitĂ€t. Beck, MĂŒnchen 2002, ISBN 978-3-406-48543-5.
- Immanuel Kant: Vernunft und Leben. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-15-018235-2 (2. Aufl. 2024).
- Die angeborene WĂŒrde des Menschen: AufsĂ€tze zur Biopolitik. Parerga, Berlin 2003, ISBN 978-3-937262-08-6.
- Partizipation. Das Prinzip der Politik. Beck, MĂŒnchen 2007, ISBN 3-406-52888-0. Buchbesprechung von Frank Hahn ( vom 27. Oktober 2007 im Internet Archive)
- Exemplarisches Denken: AufsĂ€tze aus dem Merkur. Fink Verlag, MĂŒnchen 2008, ISBN 978-3-7705-4585-8.
- Existentieller Liberalismus: BeitrÀge zur Politischen Philosophie und zum politischen Zeitgeschehen, Hrsg. Héctor Wittwer. Duncker & Humblot, Berlin 2009, ISBN 978-3-428-12918-8.
- Die Funken des freien Geistes: Neuere AufsÀtze zu Nietzsches Philosophie der Zukunft, Hrsg. Jan-Christoph Heilinger und Nikolaos Loukidelis. de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-024662-9.
- Theodizee nach Auschwitz. Versuch einer Wahrung des menschlichen Lebenssinns, Wehrhahn Verlag, Hannover 2011.
- Ăffentlichkeit: Die politische Form des Bewusstseins, Verlag C. H. Beck, MĂŒnchen 2012, ISBN 3-406-63303-X.
- Der Sinn des Sinns. Versuch ĂŒber das Göttliche, Verlag C.H. Beck, MĂŒnchen 2014, (4. Aufl. 2017), ISBN 978 3 406 669347.
- Licht und Schatten der Ăffentlichkeit. Voraussetzungen und Folgen der digitalen Innovation. Wiener Vorlesungen im Rathaus, Bd. 176, Picus-Verlag, Wien 2014, ISBN 978-3-85452-576-9.
- Glauben und Wissen. Ein notwendiger Zusammenhang, Reclam-Verlag, Stuttgart 2016 (2. Aufl. 2017), ISBN 978-3-15-019405-8.
- HumanitĂ€t. Ăber den Geist der Menschheit, C. H. Beck-Verlag, MĂŒnchen 2019, ISBN 978-3-406-72503-6.
- Individuum und Menschheit. Eine Philosophie der Demokratie, C. H. Beck, MĂŒnchen 2023, ISBN 978-3-406-76536-0.
- Was ist ein vernĂŒnftiges Wesen? AufsĂ€tze zur Philosophie Immanuel Kants 1981â2022, hrsg. v. Jacqueline Karl und Marcus Willaschek, De Gruyter, Berlin/Boston 2024, ISBN 978-3-11-124051-0
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Simon Springmann, Asmus Trautsch (Hrsg.): Was ist Leben? Festgabe fĂŒr Volker Gerhardt zum 65. Geburtstag (= Erfahrung und Denken. Band 98). Duncker & Humblot, Berlin 2009, ISBN 978-3-428-83155-5.
- Jan-Christoph Heilinger, Colin G. King, HĂ©ctor Wittwer (Hrsg.): IndividualitĂ€t und Selbstbestimmung â Festschrift Volker Gerhardt. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004575-7.
- Roderich Barth, Rochus Leonhardt (Hrsg.): Die Vernunft des Glaubens. Theologische BeitrÀge zu Volker Gerhardts Philosophie des Glaubens. Leipzig 2020.
- Petra Gehring: Lob der nicht privaten Vernunft. In: Deutsche Zeitschrift fĂŒr Philosophie. Band 61, 2013, 2. Halbband, S. 313â330.
- Christina Kast: Volker Gerhardt: Nietzsche als Wegmarke zu einer lebendigen Vernunft. In: Eike Brock, Jutta Georg (Hrsg.): â â ein Leser, wie ich ihn verdieneâ. Nietzsche-LektĂŒren in der deutschen Philosophie und Soziologie. Berlin 2019, S. 243â258.
- Johannes Röser: Mehr Gott wagen. In: Christ in der Gegenwart 41/2014 (12. Oktober 2014), Freiburg, S. 463.
- Georg Sans: Der Sinn des Sinns. Volker Gerhardt befragt das Göttliche. In: Stimmen der Zeit, Heft 1/2015, S. 51â53.
- Oliver Hidalgo: Rezension: Ăffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins. In: Philosophisches Jahrbuch. Band 122, 1. Halbband, 2015, S. 207â209.
- Norbert Krenzlin: Marxismus und Ăsthetik â Versuch einer Bilanz. Titelgebender Beitrag in: Volker Gerhardt (Hrsg.): Marxismus â Versuch einer Bilanz. Sammelband. Scriptum-Verlag, Magdeburg 2001, ISBN 978-3-933046-52-9, S. 483â508.
- Ernst Michael Lange: ZuV. Gerhardt Der Sinn des Sinns (2023), auf www.emilange.de
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und ĂŒber Volker Gerhardt im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Homepage am Institut fĂŒr Philosophie an der HU-Berlin
- Politische Ăffentlichkeit und individuelles Bewusstsein. Ăber den Zusammenhang von Politik und Person. Vorlesung von Volker Gerhardt innerhalb der Veranstaltungsreihe âRiskante Ordnungen â fremde Erfahrungen â ferne Hoffnungenâ zum 600. JubilĂ€um der UniversitĂ€t Leipzig
- Homepage des Humanprojekts an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
- Antrittsvorlesung (PDF; 73 kB) vom 30. Juni 1993 an der Humboldt-UniversitÀt
- Einstein-Forum-Video mit Volker Gerhardt
- Rezension von Petra Gehring zu Ăffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â V. Gerhardt, Sensation und Existenz. Nietzsche nach hundert Jahren, in: Nietzsche-Studien 29, 2000, 102â135.
- â V. Gerhardt, Der Sinn des Sinns. Versuch ĂŒber das Göttliche, MĂŒnchen 2013, 2.10.
- â Kant, Reflexion 903, Akademie Ausgabe Bd. 15, 1, S. 395.
- â V. Gerhardt, Immanuel Kant. Vernunft und Leben, Stuttgart 2002, 295 ff.
- â V. Gerhardt, Selbstbestimmung. Das Prinzip der IndividualitĂ€t, Stuttgart 1999, 323 ff.
- â V. Gerhardt, Menschheit in der Person des Menschen, in: Heiner F. Klemme (Hg), Kant und die Zukunft der europĂ€ischen AufklĂ€rung, Berlin/New York 2009, 269 â 291; ders., Ethik in der globalisierten Welt. Christian Wolff-Vorlesung des Jahres 2008 in Marburg.
- â Aristoteles, Politik, III. Buch, 1275a23/24. Zum Anteil Platons siehe: V. Gerhardt, Die erste Lehre von der Verfassung. Der Beitrag der Nomoi zur Theorie der Politik, in: V. Gerhardt/R. Mehring/H. Ottmann/M.P. Thompson/B. Zehnpfennig (Hrsg.): Jahrbuch âPolitisches Denkenâ Bd. 18, Berlin 2008, 14 â 31.
- â Menschwerdung durch Technik. Zu Ernst Cassirers Theorie des Geistes, in: Birgit Recki (Hg.), Philosophie der Kultur â Kultur des Philosophierens. Ernst Cassirer im 20. und 21. Jahrhundert, Hamburg 2012, 601 â 622; Kultur als Form der Natur, in: Mitteilungen der Gesellschaft fĂŒr Urgeschichte, Jg. 21, 2013, Heft 12, 91 â 104.
- â V. Gerhardt, Gott und Grund, in: H. Deuser / D. Korsch (Hg.), Systematische Theologie heute. Zur SelbstverstĂ€ndigung einer Disziplin, Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft fĂŒr Theologie, Band 23, GĂŒtersloher Verlagshaus 2004, 85 â 101; ders., Gott als Sinn der Welt, in: Christ in der Gegenwart, MĂ€rz und April 2009.
- â SĂŒddeutsche Zeitung: Ein Tier, das seine GrĂŒnde hat. Abgerufen am 27. Dezember 2020.
- â V. Gerhardt, Homo publicus, in: Detlev Ganten / Volker Gerhardt / Jan-Christoph Heilinger / Julian Nida-RĂŒmelin (Hrsg.): Was ist der Mensch?, Reihe Humanprojekt 3, Berlin / New York 2008, 97 â 102; ders., Mitteilung als Funktion des Bewusstseins. Eine experimentelle Ăberlegung, in: D. Ganten / V. Gerhardt / J. Nida-RĂŒmelin (Hrsg.), Funktionen des Bewusstseins, Reihe Humanprojekt 2, Berlin / New York 2008, 103 â 117.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gerhardt, Volker |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 21. Juli 1944 |
| GEBURTSORT | Guben |
- Philosoph (20. Jahrhundert)
- Philosoph (21. Jahrhundert)
- Politischer Philosoph
- Hochschullehrer (Humboldt-UniversitÀt zu Berlin)
- Hochschullehrer (UniversitĂ€t MĂŒnster)
- Hochschullehrer (Deutsche Sporthochschule Köln)
- Hochschullehrer (Martin-Luther-UniversitÀt Halle-Wittenberg)
- SPD-Mitglied
- VDS-Vorstandsmitglied
- Mitglied des Deutschen Ethikrates
- Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
- Mitglied der EuropĂ€ischen Akademie der Wissenschaften und KĂŒnste
- Ehrendoktor der UniversitÀt Debrecen
- Deutscher
- Geboren 1944
- Mann