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ICE-M

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Der Begriff ICE-M (Abk. fĂŒr InterCityExpress Mehrsystem) bezeichnet ein Forschungsvorhaben in den 1980er- und 1990er-Jahren, zur Entwicklung eines mehrsystemfĂ€higen Intercity-Express-Zuges fĂŒr den grenzĂŒberschreitenden Verkehr. Der Begriff war ebenfalls die vorlĂ€ufige Bezeichnung[1] fĂŒr die HochgeschwindigkeitszĂŒge, die aus diesem Projekt hervorgehen sollten.

Die Triebköpfe des Zuges sollten als Baureihe 411 (heute: ICE T) bezeichnet werden, die Mittelwagen als Baureihe 811.[2]

Grundsatzstudie

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Der zwischen 1991 und 1993 in Dienst gestellte ICE 1 verkehrt heute in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Bereits Mitte der 1980er-Jahre arbeitete die Deutsche Bundesbahn an einem ICE fĂŒr mehrere Stromsysteme.[3]

Eine erste Konzeptstudie der damaligen Deutschen Bundesbahn und den Schienenfahrzeug-Herstellern, mit UnterstĂŒtzung des Bundesforschungsministeriums, untersuchte zum Ende der 1980er-Jahre die Anforderungen an einen Hochgeschwindigkeits-Triebzug fĂŒr den internationalen Verkehr. Die Deutsche Bundesbahn beauftragte dazu im FrĂŒhjahr 1989 die Industrie mit der Entwicklung einer ICE-Mehrsystemvariante[4]. Technische Basis war der ab Juni 1991 im Fahrgastverkehr eingesetzte ICE 1.

FĂŒr die Haupt-Verkehrsströme nach Belgien, die DDR, Frankreich, die Niederlande, nach Italien, Skandinavien, Österreich, Osteuropa und die Schweiz war mit einem Bedarf von etwa einhundert ZĂŒgen gerechnet worden. Diese sollten je 200 Meter lang sein und 370 Passagieren Platz bieten. Etwa die HĂ€lfte der TriebzĂŒge wĂ€re von der damaligen Bundesbahn zu beschaffen gewesen, die weiteren Einheiten von den europĂ€ischen Partnerbahnen.

Schwerpunkte der Überlegungen bildeten dabei die KompatibilitĂ€t mit verschiedenen Bahnstrom-Systemen der NachbarlĂ€nder und die AntriebsausrĂŒstung. Die wesentlichen Parameters des geplanten Zuges wurden dabei durch das Lastenheft fĂŒr HochgeschwindigkeitszĂŒge bestimmt, das die damaligen Staatsbahnen Deutschlands, Frankreichs, der Niederlande und Belgiens am 17. Januar 1986 verabschiedet hatten. Das Konzept sah modulare ZĂŒge vor, die jeweils fĂŒr bestimmte LĂ€ndergruppen ausgerĂŒstet werden sollen. Ein Einheitstriebzug schien aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen der verschiedenen LĂ€nder und der Erwartung, bestimmte Fahrzeuge in festgelegten UmlĂ€ufen einzusetzen, wirtschaftlich nicht vertretbar. Aufbauend auf einer Grundversion sollten stattdessen Module fĂŒr die zu befahrenden LĂ€nder nachgerĂŒstet werden können.

Auf Basis der Grundsatzstudie sollten bis Ende 1993 zwei oder drei Prototypen als Viersystem-Variante gebaut werden (Stand: 1991). Diese ZĂŒge sollten, mit Ausnahme Großbritanniens, alle Normalspurnetze Europas befahren können. Zu den ersten Relationen sollten Amsterdam–Köln–Frankfurt am Main und Frankfurt am Main–BrĂŒssel zĂ€hlen, ab 1995 auch mit VerlĂ€ngerungen nach Österreich und in die Schweiz. FĂŒr diese ersten Relationen waren etwa 20 TriebzĂŒge vorgesehen.[2]

Bereits Mitte 1988 war eine Arbeitsgruppe des Internationalen Eisenbahnverbandes gegrĂŒndet worden, die sich mit der „Entwicklung einheitlicher Lösungen fĂŒr Mehrsystem-Triebfahrzeuge“ befasste.[5] Ende 1988 verkehrte der ICE-VorlĂ€uferzug InterCityExperimental in Frankreich eine Woche im Schlepp eines TGV (aufgrund verschiedener Stromsysteme konnte er nicht aus eigenem Antrieb verkehren). Damit, so die damalige Bundesbahn, sei gezeigt worden, dass der ICE grundsĂ€tzlich frankreich- bzw. europatauglich sei.[6]

Der Zug sollte den vielfÀltigen Anforderungen der europÀischen LÀnder (z. B. Achslast, Lichtraumprofil, Zugfunk, Komfortmerkmale) Rechnung tragen.

Dabei sollten vier Bahnstrom-Systeme unterstĂŒtzt werden:

  • Wechselstrom als Basis: 15 kV 16 2⁄3 Hz (damalige Deutsche Bundesbahn, Deutsche Reichsbahn, ÖBB, SBB) sowie 25 kV 50 Hz (SNCF-Neubaustrecken, spĂ€ter auch jene der RENFE)
  • Gleichstrom optional: 3 kV (SNCB, FS) und 1,5 kV (SNCF-Altstrecken, NS)

Weitere wesentliche Parameter waren dabei:

In der höchstzugelassenen Radsatzlast von 17 t spiegelt sich die Grenze der, ausschließlich durch den TGV befahrenen, französischen Schnellfahrstrecken wider. FĂŒr die 1991 eröffneten deutschen Strecken, die auch dem schweren GĂŒterverkehr dienen, war eine maximale Radsatzlast von 20 Tonnen ausreichend.

Als besonders schwierig wurde die Installation der zahlreichen nationalen Zugsicherungssysteme bewertet und die Notwendigkeit einer technischen Harmonisierung (heute in Form von ETCS) hervorgehoben. Auch die verschiedenartigen Zugfunksysteme wurden als Schwierigkeit identifiziert (heute harmonisiert durch GSM-R).

Am 17. MĂ€rz 1988 einigten sich dieselben vier Staatsbahnen auf Konzeptionelle Vorgaben fĂŒr HochgeschwindigkeitszĂŒge. Dabei wurde ein Zug auf Basis der Parameter von 1986 genauer projektiert. Die Gesamtmasse des Zuges sollte bei 450 Tonnen liegen, wobei in den Triebköpfen bei einer Masse von je 68 Tonnen (17 Tonnen Achslast) je vier Spannungssysteme eingerichtet werden sollten. Die Maximalleistung unter Wechselstrom sollte je Triebkopf bei 4,15 Megawatt, die Dauerleistung bei 3,6 Megawatt liegen. Bei Gleichstrom bei rund 2 Megawatt (1,5 Kilovolt) bzw. 2,5 Megawatt (3 Kilovolt). Als Bremssysteme der Triebköpfe waren Scheibenbremsen, Widerstandsbremsen und Netzbremsen vorgesehen.

In sechs Mittelwagen sollten 114 SitzplĂ€tze der ersten Klasse sowie 263 PlĂ€tze der zweiten Klasse eingerichtet werden. Nach einer Studie des Design-Centers der Bundesbahn sollte die Bestuhlung der des ICE 1 Ă€hneln. Die Großraumbereiche sollten in Reihen- und Vis-a-vis-Bereichen ausgefĂŒhrt werden, bei einem Sitzteiler (zwei Reihen) von 1880 Millimeter in der zweiten sowie 2100 Millimeter in der ersten Klasse, dazu drei bzw. vier Abteile je Wagen. Auch ein Konferenz- sowie ein Kinderabteil sowie ein halber Speisewagen mit Bistro (Stehtische) war vorgesehen. Die Achslast der Mittelwagen sollte bei 13 Tonnen liegen, die Breite mit 2890 Millimetern im Hinblick auf das internationale UIC-Profil etwas niedriger liegen als beim ICE 1 (3020 Millimeter).

Im Gegensatz zum ICE 1 sollte der ICE-M stirnseitig automatische Kupplungen erhalten, um in Doppeltraktion verkehren zu können. Aufgrund der geringen ZuglĂ€nge sollten die beiden Triebköpfe ĂŒber eine Hochspannungs-Dachleitung miteinander verbunden werden.[2]

Weitere Forschung

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Noch im MĂ€rz 1988 wurde dem Bundesforschungsministerium ein Förderantrag vorgelegt. Demnach sollte ab Anfang 1990 zunĂ€chst eine Vorserie von fĂŒnf TriebzĂŒgen gebaut werden, die ab Mitte der 1990er Jahre mit 300 km/h verkehren sollten.[7]

Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt entschied Bundesverkehrsminister Warnke, die Entwicklung eines mehrsystemfĂ€higen ICE-Zuges zu fördern.[8] Auf Basis der Grundsatzstudie entschied Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber im Jahr 1989, die konkrete Entwicklung eines mehrsystemfĂ€higen Hochgeschwindigkeitszuges zu fördern. Das Ministerium ĂŒbernahm dabei etwa 40 Prozent der Entwicklungskosten. Die Fördersumme des Ministeriums lag bei 18,3 Millionen D-Mark.[9] Eine erste Serie von etwa fĂŒnf ZĂŒgen, die bereits ab 1993 auf der Relation Paris–BrĂŒssel–Köln verkehren sollten, war nicht Gegenstand der Förderung.

Bereits zwischen 1972 und 1990 war die Grundlagenforschung des spurgefĂŒhrten Schnellverkehrs mit etwa 450 Millionen D-Mark gefördert worden[10].

Durch das Projekt sollten die Marktchancen der damaligen Bundesbahn im europĂ€ischen Schienenpersonenverkehr gestĂ€rkt werden. Auch galt das Projekt als nationaler Beitrag fĂŒr einen möglichen einheitlichen europĂ€ischen Hochgeschwindigkeitszug (spĂ€ter projektiert als High Speed Train Europe).

Bei der Übergabe des ersten Serien-Triebkopfes der Baureihe 401 hatte Bundesforschungsminister Riesenhuber erwartet, dass die ersten ZĂŒge fĂŒr den grenzĂŒberschreitenden Verkehr 1992 zur VerfĂŒgung stehen wĂŒrden. Der Wirtschaftsplan der Bundesbahn fĂŒr 1990 sah dabei eine Milliarde D-Mark fĂŒr neunzehn weitere ICE-ZĂŒge sowie sieben ZĂŒge mit MehrsystemausrĂŒstung vor.[11]

Mit einer Wagenbreite von 3020 Millimetern hĂ€tten die ZĂŒge 132 Millimeter ĂŒber dem von der UIC international zugelassenen Wert von 2888 Millimetern gelegen.[12]

Zwei-System-ICE fĂŒr die Niederlande

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Interesse an einer Zwei-System-Variante des ICE hatten, noch vor der Betriebsaufnahme des nationalen ICE-Systems im Jahr 1991, die Nederlandse Spoorwegen gezeigt. Überlegungen sahen einen – im Vergleich zum bis zu 411 Meter langen ICE 1 – relativ kurzen Zug vor, der im niederlĂ€ndischen Gleichstromnetz 220 km/h und in Deutschland 300 km/h erreichen sollte. Auch der Einsatz auf niederlĂ€ndischen Neubaustrecken (unter 25 Kilovolt Spannung) wurde ĂŒberlegt. Der Leistungsbedarf hĂ€tte nach ĂŒberschlĂ€gigen Berechnungen bei etwa 6 Megawatt gelegen. Lange vor dem ab 1996 in Betrieb genommenen ICE 2 entstand daraus schließlich ein Konzept, das einen Halbzug mit einem Triebkopf von 4 Megawatt Leistung und einem angetriebenen Steuerwagen mit 2 Megawatt Leistung vorsah. Der 20.560 Millimeter lange Steuerwagen, damit genauso lang wie der Triebkopf, sollte dabei neben Maschinen- und GepĂ€ckraum auch drei Abteile der ersten Klasse mit 18 SitzplĂ€tzen umfassen. Die Laufdrehgestelle sollten eine Luftfederung erhalten, die Trittstufen fĂŒr Bahnsteige der DB (76 Zentimeter) und der NS (84 Zentimeter) optimiert werden. Die Breite des Zuges sollte mit dem ICE 1 ĂŒbereinstimmen, die Radsatzlast der Triebköpfe bei 19,5 Tonnen liegen.[13]

Eine Realisierung des Konzeptes hĂ€tte bis 1995 erfolgen können. Da es nicht gelang, ein tragfĂ€higes, langfristiges Marketingkonzept zu entwickeln (insbesondere da die DB mit der ICE-EinfĂŒhrung beschĂ€ftigt war), wurde die Planung abgebrochen.[13]

GrenzĂŒberschreitender ICE-Verkehr heute

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ICE 3 im Hauptbahnhof Köln. Von 67 Einheiten sind 17 mehrsystemfÀhig.

Die Ergebnisse des Projektes fanden Einzug in die Ende der 1990er-Jahre gebauten ICE 3M der Deutschen Bahn. Heute verkehren 33 mehrsystemfĂ€hige ICE-ZĂŒge (Baureihen 406 und 407) zwischen Deutschland und den NachbarlĂ€ndern Belgien, Frankreich und den Niederlanden. Davon gehören 30 der DB und drei der NS. Ein weiterer der ursprĂŒnglich 17 ICE3-M/F-ZĂŒge (Baureihe 406) war verunfallt und wurde nicht wiederhergestellt. Seit Mitte Juni 2024 wurden die ICE 3M im Betrieb nach Amsterdam und BrĂŒssel durch die ICE 3neo (Baureihe 408) abgelöst. Die 16 verbleibenden ZĂŒge der Baureihe 406 sollen von DB Fernverkehr nicht weiter eingesetzt werden, da sie sich mit ihrer Mehrsystemtechnik als störanfĂ€llig erwiesen haben.

Ein Teil der ICE-1-Flotte verkehrte bei gleicher Betriebsspannung (15 kV 16,7 Hz Wechselspannung) nach Österreich und in die Schweiz, ebenso einige ICE T. Die Einsystemfahrzeuge ICE 3 (Baureihe 403) verkehren bis zum Bahnhof Basel SBB. Verbindungen zu Zielbahnhöfen im Landesinneren der Schweiz werden mit entsprechend ausgerĂŒsteten Garnituren des ICE 4 durchgefĂŒhrt. Von Dezember 2007 bis 2017 verkehrten einige ICE TD zwischen Deutschland und DĂ€nemark.

  • Martin Voß: Mehrsystemtriebzug ICE-M. In: Die Bundesbahn, Ausgabe 5/1989, S. 389–398
  • Mehrsystemzug ICE-M. In: Eisenbahntechnische Rundschau. Ausgabe Juli/August 1989, S. 523f.

Einzelnachweise

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  1. ↑ Planungsgesellschaft Schnellbahnbau Hannover–Berlin (Hrsg.): Schnellbahn Hannover–Berlin. BroschĂŒre (20 A4-Seiten) mit Stand von Dezember 1990, Berlin 1991, S. 15.
  2. 1 2 3 4 5 6 Matthias Maier, RĂŒdiger Block: ICE. InterCity Experimental. InterCity Express. In: Eisenbahn-Kurier Special: Hochgeschwindigkeitsverkehr. Nr. 21, 1991, ohne ISSN, S. 58–67.
  3. ↑ Europaweit Tempo 250? In: Die Bahn informiert. ZDB-ID 2003143-9, Heft 3/1985, S. 2.
  4. ↑ Vorwort der Herausgeber zur Neu-Auflage. In: Theo Rahn, Hubert Hochbruck, Friedrich W. Möller (Hrsg.): ICE – Zug der Zukunft. Hestra-Verlag, Darmstadt 1991, S. 3.
  5. ↑ Meldung Bald neue Mehrsystem-Fahrzeuge? In: Eisenbahn-Kurier, Nr. 196, 1, 1989, ISSN 0170-5288, S. 9.
  6. ↑ InterCity Express in Euro-Version. In: Die Bahn informiert. ZDB-ID 2003143-9, Heft 1/1989, S. 9.
  7. ↑ Meldung ICE endlich bestellt. In: Eisenbahn-Kurier, Heft 8/1988, S. 36.
  8. ↑ GrĂŒnes Licht fĂŒr Mehrsystem-ICE. In: Die Bundesbahn. Jg. 65, Nr. 5, 1989, ISSN 0007-5876, S. 368.
  9. ↑ Die weiteren PlĂ€ne der Neuen Bahn. In: Bahn-Special. Die Neue Bahn. Nr. 1, 1991, Gera-Nova-Verlag, MĂŒnchen, S. 78 f.
  10. ↑ Der InterCity Express – Ergebnis der Förderung der Bahnforschung durch den BMFT. In: Eisenbahntechnische Rundschau. 40 (1991), Heft 5/6, S. 377 f.
  11. ↑ Meldung Erster ICE-Triebkopf fertig. In: Eisenbahntechnische Rundschau. Nr. 11, 1989, S. 1002 f.
  12. ↑ Dieter Eikhoff: Alles ĂŒber den ICE. transpress-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-71277-5, S. 18.
  13. 1 2 Heinz Kurz: 15 Jahre ICE. Teil 1: Vom Intercity-Experimental zum ICE 1. In: Eisenbahn-Kurier, 4, Nr. 403, April 2006, ISSN 0170-5288, S. 58–63.