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Rabenliebe

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

Rabenliebe ist ein Roman des deutschen Schriftstellers Peter Wawerzinek, der im August 2010 veröffentlicht wurde. Zuvor hatte ein Auszug den Ingeborg-Bachmann-Preis 2010 gewonnen. In dem autobiografisch geprÀgten Roman beschreibt der Autor seine Kindheit in verschiedenen Kinderheimen der DDR, seine Adoption und die lange Suche nach der leiblichen Mutter.

Zwei Jahre alt ist der Ich-ErzĂ€hler, als sich seine Mutter in den 1950er Jahren in den „Westen“ absetzt und ihn in einer verwahrlosten Rostocker Wohnung zurĂŒcklĂ€sst. Nachbarn finden ihn und seine Schwester, von der er erst zwölf Jahre spĂ€ter erfahren wird, und liefern sie als Sozialwaisen in ein Heim ein. Der Junge ist zurĂŒckgeblieben, spricht nicht, bis sich nach Jahren die Sprache in „Mama“-Ausrufen Bahn brechen wird. Die Vögel im Hof stehen ihm nĂ€her als die Menschen im Heim, wo er sich von professionellen Blicken immerfort untersucht, taxiert und analysiert fĂŒhlt. Es gibt aber auch die engelhaften Töchter der Heimleiterin, in deren Zimmer der Junge die ersten Jahre verbringen darf, bis der Wechsel in ein anderes Heim fĂŒr ihn eine Vertreibung aus dem Paradies bedeutet. Eine Köchin versucht eine Weile, der Waise die Mutter zu ersetzen, doch ihr Mann, ein Busfahrer, lehnt Kinder kategorisch ab. Auch eine Adoption durch eine Handwerkerfamilie scheitert an der mangelnden nutzbringenden TĂŒchtigkeit des Kindes.

Mit zehn Jahren wird der ErzĂ€hler von einer Lehrerfamilie adoptiert, die er „Mutti“ und „Vati“ nennen muss, doch im Roman konsequent nur als „Adoptionsmutter“ und „Adoptionsvater“ bezeichnet. Die Adoptionsmutter ist beseelt von der Idee der Umerziehung des Heimkinds zu einem nĂŒtzlichen Mitglied der Gesellschaft und untersagt jeden Kontakt zu den Freunden aus dem Heim. Der Junge lernt in der neuen Familie Schönschrift und Benimmregeln, doch keine Geborgenheit. Verbunden fĂŒhlt er sich einzig mit der Großmutter, die im Haushalt eine Ă€hnliche, bloß geduldete Position einnimmt wie er selbst. Mit der PubertĂ€t beginnt der ErzĂ€hler zu revoltieren und erklĂ€rt Malcolm X zu seinem Idol. Er verliebt sich, doch noch hat die Adoptionsmutter die Macht, ihm seine Liebschaften zu vermasseln. Erst auf dem Sterbebett, als der Sohn lĂ€ngst erwachsen ist, dĂ€mmert ihr die Erkenntnis, wie wenig mĂŒtterliche WĂ€rme sie ihrem aufgezogenen Adoptivkind geben konnte.

Das Denken und Handeln des erwachsenen ErzĂ€hlers wird immer mehr bestimmt von der Suche nach der leiblichen Mutter. Als er bei der NVA Dienst an der innerdeutschen Grenze leistet, plant er einen Fluchtversuch ins westdeutsche „Mutterland“, um sie aufzuspĂŒren, der jedoch vereitelt wird. Nach der Wende ermittelt er den Wohnort der Mutter in Eberbach am Neckar. Doch er fĂŒrchtet die Begegnung ebenso, wie er sie ersehnt, und zögert sie lange unschlĂŒssig hinaus. Als er der Mutter schließlich gegenĂŒbertritt, entsteht zwischen den beiden Fremden keinerlei NĂ€he. Die alte Frau wirkt kalt und herzlos; sie vermittelt ihrem Sohn weder die ersehnten Erinnerungen noch eine Rechtfertigung fĂŒr ihre Tat. Erst nachdem ihre Kinder auftauchen, kommt es zwischen dem unbekannten „großen Bruder“ und seinen acht Halbgeschwistern noch zu einer Art Familienzusammenkunft. Der ErzĂ€hler akzeptiert am Ende die Mutterlosigkeit als Teil seiner selbst. Und er beginnt ein Buch ĂŒber sein Lebensthema.

Autobiografischer Hintergrund

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Peter Wawerzinek beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2010.

Geboren als Peter Runkel wurde Wawerzinek selbst mit zwei Jahren von seinen Eltern in Rostock als Waise zurĂŒckgelassen, als diese in den Westen flohen. Von den Nachbarn gerettet, wuchs er in verschiedenen Kinderheimen auf, wurde schließlich adoptiert und nahm den Nachnamen der Adoptiveltern an. Das Thema seiner Kindheit begleitete Wawerzinek schon durch seine frĂŒheren Romane, durch Nix (1990), durch Moppel Schappiks TĂ€towierungen (1991) und Das Kind, das ich war (1994).[1] Wawerzinek beschrieb: „Ich kann gar nichts anderes, als autobiografisch zu schreiben. Ich bin fĂŒr mich die interessanteste Landschaft, in der ich immer noch in Regionen komme, die ich nicht kenne.“[2]

Wawerzinek hatte lange gezögert, sich in großer Form an das Thema der Mutter, sein „eigenes grĂ¶ĂŸtes Thema, mein Lebensthema, mein Lebensschmerz“ zu wagen.[3] Dabei wollte er zuerst statt eines Romans einen Tatsachenbericht schreiben, merkte dann aber, dass seine Erinnerungen eher ĂŒber Sinne und GefĂŒhle angeregt wurden statt ĂŒber Befragungen von Zeitzeugen, so dass er sich am Ende fĂŒr die Form des Romans entschied.[2] In den Text sind verschiedene Nachrichten ĂŒber vernachlĂ€ssigte und misshandelte Kinder montiert, wodurch Wawerzinek beabsichtigte, sein Schicksal in Perspektive zu rĂŒcken, von seinem poetischen Text auf die reale Welt zu verweisen.[3] So war es fĂŒr Wawerzinek auch eine Motivation, die eigene Geschichte öffentlich zu machen, dass er durch sein exemplarisches Beispiel anderen Betroffenen Mut zu machen hoffte.[4]

Rabenliebe rief ein starkes und sehr unterschiedliches Echo in den deutschsprachigen Feuilletons hervor.[5] Der Roman erreichte ĂŒber 11 Wochen hinweg Platzierungen auf der Bestsellerliste von buchreport mit dem Höchstrang 21.[6] Die Kritikerwahl der SWR-Bestenliste platzierte den Roman im Oktober 2010 auf Rang 4.[7] Er wurde auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2010 aufgenommen.[8]

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2010 gewann ein Auszug des Romans unter dem Titel Ich finde dich/Rabenliebe den Ingeborg-Bachmann-Preis 2010 sowie den Publikumspreis. In der Diskussion der Jury lobte Alain Claude Sulzer die „Reife“ und den „Erfahrungshintergrund“ des Textes. Hildegard Elisabeth Keller entdeckte „Glut und Herzschlag“ im Text, den Karin Fleischanderl hingegen unter „Kitschverdacht“ stellte. Hubert Winkels urteilte: „Seine krude, harte Form macht den Text intensiv“, monierte aber auch die Verbindung der „heterogenen Momente“, wobei Meike Feßmann die unterschiedlichen Textsorten „sprachlich reich und vielschichtig“ fand.[9]

Rabenliebe erschien im Argon Verlag als Hörbuch[10], gelesen von Michael Rotschopf, auf 9 CDs (Gesamtspielzeit ca. 8,5 Stunden) und als Liveaufnahme einer Lesung des Autors in Ausschnitten (Gesamtspielzeit 2,5 Stunden)[11].

Die BĂŒhnenfassung von Rabenliebe, bearbeitet von Armin Petras und Felicitas ZĂŒrcher, wurde am 3. Oktober 2015 am Staatsschauspiel Dresden unter der Regie von Simon Solberg uraufgefĂŒhrt. Darsteller waren Christine Hoppe, Torsten Ranft, Nele Rosetz, Lea Ruckpaul, Sabine Waibel und als Musiker Miles Perkin.[12]

Einzelnachweise

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  1. ↑ Elmar Krekeler: Was passiert, wenn Eltern fĂŒr immer verschwinden. In: Die Welt vom 19. Juli 2010.
  2. 1 2 Mia Eidlhuber: „Denen wollte ich zeigen: Es geht!“ In: Der Standard vom 18./19. Dezember 2010.
  3. 1 2 „Irgendwie ein Spotlight oben draufsetzen“ Peter Wawerzinek im GesprĂ€ch mit Joachim Scholl. In: Deutschlandradio Kultur vom 28. Juni 2010.
  4. ↑ Britta Heidemann: Peter Wawerzinek: „Das soll ein Mutmacher sein“. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Funke Mediengruppe, 19. August 2010, abgerufen am 1. Mai 2025.
  5. ↑ Rabenliebe bei perlentaucher.
  6. ↑ Rabenliebe (Memento vom 23. September 2015 im Internet Archive) auf der Bestsellerliste von buchreport.
  7. ↑ Ausgabe Oktober 2010 der SWR-Bestenliste (pdf; 124 kB).
  8. ↑ Shortlist 2010 (Memento vom 17. Dezember 2011 im Internet Archive) des Deutschen Buchpreis.
  9. ↑ Jury-Diskussion ĂŒber Ich finde dich/Rabenliebe beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2010.
  10. ↑ „Rabenliebe“ Hörspiel im Argon Verlag
  11. ↑ „Rabenliebe – Live im Maxim Gorki Theater“ Hörspiel im Argon Verlag
  12. ↑ Rabenliebe. www.staatsschauspiel-dresden.de, archiviert vom Original am 27. September 2015; abgerufen am 9. Oktober 2015.