Rabenliebe
Rabenliebe ist ein Roman des deutschen Schriftstellers Peter Wawerzinek, der im August 2010 veröffentlicht wurde. Zuvor hatte ein Auszug den Ingeborg-Bachmann-Preis 2010 gewonnen. In dem autobiografisch geprÀgten Roman beschreibt der Autor seine Kindheit in verschiedenen Kinderheimen der DDR, seine Adoption und die lange Suche nach der leiblichen Mutter.
Inhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zwei Jahre alt ist der Ich-ErzĂ€hler, als sich seine Mutter in den 1950er Jahren in den âWestenâ absetzt und ihn in einer verwahrlosten Rostocker Wohnung zurĂŒcklĂ€sst. Nachbarn finden ihn und seine Schwester, von der er erst zwölf Jahre spĂ€ter erfahren wird, und liefern sie als Sozialwaisen in ein Heim ein. Der Junge ist zurĂŒckgeblieben, spricht nicht, bis sich nach Jahren die Sprache in âMamaâ-Ausrufen Bahn brechen wird. Die Vögel im Hof stehen ihm nĂ€her als die Menschen im Heim, wo er sich von professionellen Blicken immerfort untersucht, taxiert und analysiert fĂŒhlt. Es gibt aber auch die engelhaften Töchter der Heimleiterin, in deren Zimmer der Junge die ersten Jahre verbringen darf, bis der Wechsel in ein anderes Heim fĂŒr ihn eine Vertreibung aus dem Paradies bedeutet. Eine Köchin versucht eine Weile, der Waise die Mutter zu ersetzen, doch ihr Mann, ein Busfahrer, lehnt Kinder kategorisch ab. Auch eine Adoption durch eine Handwerkerfamilie scheitert an der mangelnden nutzbringenden TĂŒchtigkeit des Kindes.
Mit zehn Jahren wird der ErzĂ€hler von einer Lehrerfamilie adoptiert, die er âMuttiâ und âVatiâ nennen muss, doch im Roman konsequent nur als âAdoptionsmutterâ und âAdoptionsvaterâ bezeichnet. Die Adoptionsmutter ist beseelt von der Idee der Umerziehung des Heimkinds zu einem nĂŒtzlichen Mitglied der Gesellschaft und untersagt jeden Kontakt zu den Freunden aus dem Heim. Der Junge lernt in der neuen Familie Schönschrift und Benimmregeln, doch keine Geborgenheit. Verbunden fĂŒhlt er sich einzig mit der GroĂmutter, die im Haushalt eine Ă€hnliche, bloĂ geduldete Position einnimmt wie er selbst. Mit der PubertĂ€t beginnt der ErzĂ€hler zu revoltieren und erklĂ€rt Malcolm X zu seinem Idol. Er verliebt sich, doch noch hat die Adoptionsmutter die Macht, ihm seine Liebschaften zu vermasseln. Erst auf dem Sterbebett, als der Sohn lĂ€ngst erwachsen ist, dĂ€mmert ihr die Erkenntnis, wie wenig mĂŒtterliche WĂ€rme sie ihrem aufgezogenen Adoptivkind geben konnte.
Das Denken und Handeln des erwachsenen ErzĂ€hlers wird immer mehr bestimmt von der Suche nach der leiblichen Mutter. Als er bei der NVA Dienst an der innerdeutschen Grenze leistet, plant er einen Fluchtversuch ins westdeutsche âMutterlandâ, um sie aufzuspĂŒren, der jedoch vereitelt wird. Nach der Wende ermittelt er den Wohnort der Mutter in Eberbach am Neckar. Doch er fĂŒrchtet die Begegnung ebenso, wie er sie ersehnt, und zögert sie lange unschlĂŒssig hinaus. Als er der Mutter schlieĂlich gegenĂŒbertritt, entsteht zwischen den beiden Fremden keinerlei NĂ€he. Die alte Frau wirkt kalt und herzlos; sie vermittelt ihrem Sohn weder die ersehnten Erinnerungen noch eine Rechtfertigung fĂŒr ihre Tat. Erst nachdem ihre Kinder auftauchen, kommt es zwischen dem unbekannten âgroĂen Bruderâ und seinen acht Halbgeschwistern noch zu einer Art Familienzusammenkunft. Der ErzĂ€hler akzeptiert am Ende die Mutterlosigkeit als Teil seiner selbst. Und er beginnt ein Buch ĂŒber sein Lebensthema.
Autobiografischer Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Geboren als Peter Runkel wurde Wawerzinek selbst mit zwei Jahren von seinen Eltern in Rostock als Waise zurĂŒckgelassen, als diese in den Westen flohen. Von den Nachbarn gerettet, wuchs er in verschiedenen Kinderheimen auf, wurde schlieĂlich adoptiert und nahm den Nachnamen der Adoptiveltern an. Das Thema seiner Kindheit begleitete Wawerzinek schon durch seine frĂŒheren Romane, durch Nix (1990), durch Moppel Schappiks TĂ€towierungen (1991) und Das Kind, das ich war (1994).[1] Wawerzinek beschrieb: âIch kann gar nichts anderes, als autobiografisch zu schreiben. Ich bin fĂŒr mich die interessanteste Landschaft, in der ich immer noch in Regionen komme, die ich nicht kenne.â[2]
Wawerzinek hatte lange gezögert, sich in groĂer Form an das Thema der Mutter, sein âeigenes gröĂtes Thema, mein Lebensthema, mein Lebensschmerzâ zu wagen.[3] Dabei wollte er zuerst statt eines Romans einen Tatsachenbericht schreiben, merkte dann aber, dass seine Erinnerungen eher ĂŒber Sinne und GefĂŒhle angeregt wurden statt ĂŒber Befragungen von Zeitzeugen, so dass er sich am Ende fĂŒr die Form des Romans entschied.[2] In den Text sind verschiedene Nachrichten ĂŒber vernachlĂ€ssigte und misshandelte Kinder montiert, wodurch Wawerzinek beabsichtigte, sein Schicksal in Perspektive zu rĂŒcken, von seinem poetischen Text auf die reale Welt zu verweisen.[3] So war es fĂŒr Wawerzinek auch eine Motivation, die eigene Geschichte öffentlich zu machen, dass er durch sein exemplarisches Beispiel anderen Betroffenen Mut zu machen hoffte.[4]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Rabenliebe rief ein starkes und sehr unterschiedliches Echo in den deutschsprachigen Feuilletons hervor.[5] Der Roman erreichte ĂŒber 11 Wochen hinweg Platzierungen auf der Bestsellerliste von buchreport mit dem Höchstrang 21.[6] Die Kritikerwahl der SWR-Bestenliste platzierte den Roman im Oktober 2010 auf Rang 4.[7] Er wurde auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2010 aufgenommen.[8]
Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2010 gewann ein Auszug des Romans unter dem Titel Ich finde dich/Rabenliebe den Ingeborg-Bachmann-Preis 2010 sowie den Publikumspreis. In der Diskussion der Jury lobte Alain Claude Sulzer die âReifeâ und den âErfahrungshintergrundâ des Textes. Hildegard Elisabeth Keller entdeckte âGlut und Herzschlagâ im Text, den Karin Fleischanderl hingegen unter âKitschverdachtâ stellte. Hubert Winkels urteilte: âSeine krude, harte Form macht den Text intensivâ, monierte aber auch die Verbindung der âheterogenen Momenteâ, wobei Meike FeĂmann die unterschiedlichen Textsorten âsprachlich reich und vielschichtigâ fand.[9]
Bearbeitungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Rabenliebe erschien im Argon Verlag als Hörbuch[10], gelesen von Michael Rotschopf, auf 9 CDs (Gesamtspielzeit ca. 8,5 Stunden) und als Liveaufnahme einer Lesung des Autors in Ausschnitten (Gesamtspielzeit 2,5 Stunden)[11].
Die BĂŒhnenfassung von Rabenliebe, bearbeitet von Armin Petras und Felicitas ZĂŒrcher, wurde am 3. Oktober 2015 am Staatsschauspiel Dresden unter der Regie von Simon Solberg uraufgefĂŒhrt. Darsteller waren Christine Hoppe, Torsten Ranft, Nele Rosetz, Lea Ruckpaul, Sabine Waibel und als Musiker Miles Perkin.[12]
Ausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Galiani, Berlin 2010, ISBN 978-3-86971-020-4.
- Peter Wawerzinek: Rabenliebe. btb, MĂŒnchen 2012, ISBN 978-3-442-74265-3.
- Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Autorisierte Lesefassung. Gelesen von Michael Rotschopf. Argon, Berlin 2011, ISBN 978-3-8398-1090-3.
- Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Live-Mitschnitt der Autorenlesung im Maxim-Gorki-Theater Berlin. Argon, Berlin 2011, ISBN 978-3-8398-1114-6.
- Peter Wawerzinek: Rabenliebe. KĂŒnstlerbuch mit 9 Siebdruckgrafiken von Klaus Zylla. Edition Rothahn 2010, in einer Auflage von 35 nummerierten und signierten Exemplaren im bedruckten Schuber.
Rezensionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Susanne Beyer: Das Kind im Gespensterwald. In: Der Spiegel vom 16. August 2010.
- Ulrich Greiner: Der Schrei nach der Mutter. In: Die Zeit vom 23. August 2010.
- Sandra Kegel: Einer fiel aus dem Rabennest. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Oktober 2010.
- Dirk Knipphals: Das UnverfĂŒgbare. In: die tageszeitung vom 18. September 2010.
- Jörg Magenau: âRabenliebeâ: Der neue Roman von Peter Wawerzinek. In: Der Tagesspiegel vom 18. August 2010.
- Samuel Moser: Ein hautloser Mensch. In: Neue ZĂŒrcher Zeitung vom 19. Oktober 2010.
- Lothar MĂŒller: Der Tanz um den Schandpfahl. In: SĂŒddeutsche Zeitung vom 4. September 2010.
- Hajo Steinert: In âRabenliebeâ pfeift Wawerzinek auf seine Mutter. In: Die Welt vom 20. August 2010.
- JĂŒrgen Verdofsky: In mutterloser Welt allein. In: Frankfurter Rundschau vom 18. August 2010.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Rabenliebe beim Galiani Verlag mit Leseprobe und Autorenlesung.
- Ich finde dich/Rabenliebe beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2010: Text, Autor, Jury-Diskussion.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Elmar Krekeler: Was passiert, wenn Eltern fĂŒr immer verschwinden. In: Die Welt vom 19. Juli 2010.
- 1 2 Mia Eidlhuber: âDenen wollte ich zeigen: Es geht!â In: Der Standard vom 18./19. Dezember 2010.
- 1 2 âIrgendwie ein Spotlight oben draufsetzenâ Peter Wawerzinek im GesprĂ€ch mit Joachim Scholl. In: Deutschlandradio Kultur vom 28. Juni 2010.
- â Britta Heidemann: Peter Wawerzinek: âDas soll ein Mutmacher seinâ. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Funke Mediengruppe, 19. August 2010, abgerufen am 1. Mai 2025.
- â Rabenliebe bei perlentaucher.
- â Rabenliebe ( vom 23. September 2015 im Internet Archive) auf der Bestsellerliste von buchreport.
- â Ausgabe Oktober 2010 der SWR-Bestenliste (pdf; 124Â kB).
- â Shortlist 2010 ( vom 17. Dezember 2011 im Internet Archive) des Deutschen Buchpreis.
- â Jury-Diskussion ĂŒber Ich finde dich/Rabenliebe beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2010.
- â âRabenliebeâ Hörspiel im Argon Verlag
- â âRabenliebe â Live im Maxim Gorki Theaterâ Hörspiel im Argon Verlag
- â Rabenliebe. www.staatsschauspiel-dresden.de, archiviert vom am 27. September 2015; abgerufen am 9. Oktober 2015.