Waise

Als Waise (auf das deutsche und niederlÀndische Sprachgebiet beschrÀnkte Wort mhd. weise, ahd. weiso, zu wīsan, meiden, verlassen, immer im Femininum) oder Waisenkind wird ein Kind bezeichnet, das einen oder beide Elternteile verloren hat. Hierbei wird zwischen Vollwaisen (bei denen beide Eltern gestorben sind) und Halbwaisen (bei denen ein Elternteil gestorben ist) unterschieden. Dieses Kind wird nur Waise genannt, wenn der Verlust der Eltern wÀhrend der Kindheit oder im Jugendalter stattfand.
Verliert ein Mensch im Erwachsenenalter seine Eltern, spricht man nicht mehr von einer Waise. Im umgekehrten Fall bezeichnet man Eltern, die ein Kind verloren haben, als verwaiste Eltern. GrĂŒnde, die zum Verwaisen von Kindern fĂŒhren können, sind unter anderem Kriege, Katastrophen, UnfĂ€lle, Terrorismus oder Epidemien.
Wenn sich bei Vollwaisen keine Verwandten um die Erziehung der Kinder kĂŒmmern (können), gibt es in Deutschland verschiedene andere Betreuungsmöglichkeiten. In Absprache mit dem Jugendamt werden die Kinder entweder bei Pflegeeltern, in einem Kinderheim (frĂŒher: Waisenhaus oder SĂ€uglingsheim) oder bei Jugendlichen im betreuten Jugendwohnen (manchmal Jugendheim genannt) untergebracht. Die Eltern können im Testament bestimmen, zu wem im Falle ihres frĂŒhen Todes ein Kind kommen soll. DafĂŒr benennen sie einen Vormund, der die Aufgaben der elterlichen Sorge ĂŒbernehmen soll. Das Vormundschaftsgericht ist an die Entscheidung der Eltern gebunden, solange sie dem Wohl des Kindes dient.
Eine weltweit verbindliche und einheitliche Regelung oder Definition zu dem Thema Waise gibt es nicht. In den einzelnen Nationalstaaten können rechtliche oder konfessionsgebundene Regelungen voneinander abweichen.
So definiert beispielsweise bei der Einwanderung in den Vereinigten Staaten das Einwanderungs- und Staatsangehörigkeitsgesetz eine Waise nach mehreren Kriterien. Demnach kann ein Kind durch Tod, Verschwinden, Nichtwahrnehmung der elterlichen Sorge, Trennung oder Verlust beider Elternteile zur Waise werden. Im Weiteren wird ein Kind als Waise angesehen, solange die Mutter unverheiratet ist und der leibliche Vater es nicht legitimiert hat. Das Kind eines ĂŒberlebenden Elternteils kann ebenso eine Waise sein, wenn der ĂŒberlebende Elternteil, seit dem Tod des anderen Elternteils, unverheiratet geblieben ist.[1]
In der Ukraine bezieht sich der Begriff Waise unter anderem âauf Kinder, deren Eltern gestorben sind oder deren Eltern die Elternsorge entzogen wurde oder deren Eltern eine Freiheitsstrafe in Justizanstalten verbĂŒĂen oder verschollen sind oder von zustĂ€ndigen Gremien fĂŒr physisch bzw. psychisch wahrnehmungsunfĂ€hig erklĂ€rt wurdenâ.[2]
Im islamischen Recht, der Scharia, werden MinderjĂ€hrige, die ihren Vater verloren haben, als Waise, yatĂźm, angesehen. Der Verlust der Mutter begrĂŒndet den Status einer Waise nicht. Hintergrund sind die patriarchalischen Familienvorstellungen im Islam. Einen Waisenstatus erhalten auch Findelkinder, allaqĂźt, oder unehelich geborene Kinder.[3]
UNICEF und zahlreiche internationale Organisationen (zum Beispiel UNAIDS) haben Mitte der 1990er-Jahre die Definition von Waisenkindern ĂŒberarbeitet, als die AIDS-Pandemie weltweit zum Tod von Millionen Eltern fĂŒhrte und immer mehr Kinder ohne einen oder mehrere Elternteile aufwuchsen. Die Termini Single-Waise â Verlust eines Elternteils â und Doppel-Waise â Verlust beider Elternteile â wurden eingefĂŒhrt. Seitdem definieren UNICEF und globale Partner ein Waisenkind als Kind unter 18 Jahren, das einen oder beide Elternteile durch Tod verloren hat. Nach dieser Definition gab es 2015 (lt. UNICEF) weltweit fast 140 Millionen Waisenkinder, darunter 61 Millionen in Asien, 52 Millionen in Afrika, 10 Millionen in Lateinamerika und der Karibik sowie 7,3 Millionen in Osteuropa und Zentralasien. Erfasst wurden sowohl Kinder, die beide Elternteile verloren haben, als auch Kinder mit einem noch lebenden Elternteil. Von den fast 140 Millionen als Waisenkinder klassifizierten Kindern haben rund 15,1 Millionen beide Elternteile verloren. 95 % aller Waisenkinder sind ĂŒber fĂŒnf Jahre alt.[4] Diese Definition steht im Gegensatz zu Waisenkonzepten einiger IndustrielĂ€nder, in denen ein Kind beide Elternteile verloren haben muss, um als Waisenkind anerkannt zu werden.
Eine verlĂ€ssliche Gesamtzahl aller Waisenkinder weltweit gibt es nicht. UNICEF nennt als ungefĂ€hren Richtwert 163 Millionen Kinder, die als Waisen gelten.[5] Die NGO Humanium beziffert die Zahl der Waisenkinder weltweit auf 153 Millionen, davon 71 Millionen in Asien, 59 Millionen in Afrika sowie rund 9 Millionen in Lateinamerika und der Karibik. Rund 1.000 Kinder und Jugendliche werden jedes Jahr in Deutschland von der Deutschen Rentenversicherung erstmals als Vollwaisen erfasst. Laut Statistik der Deutschen Rentenversicherung haben im Jahr 2018 303.920 Menschen Halb- oder Vollwaisenrente bezogen. Das Durchschnittsalter der Bezieher lag bei 17,39 Jahren.[6] In der gesetzlichen Unfallversicherung war die Anzahl der Bezieher von Waisenrenten in Deutschland von knapp 35.000 im Jahr 1985 auf rund 9.000 im Jahr 2017 zurĂŒckgegangen.[7] In der Schweiz war die Zahl der Bezieher einer einfachen Waisenrente (Halbwaisenrente) in den Jahren von 1980 bis 2000 von 61.406 auf 41.856 rĂŒcklĂ€ufig. In Russland ist die Zahl der vom Bildungsministerium erfassten Waisenkinder von 115.600 im Jahr 2008 auf 47.800 im Jahr 2018 gesunken. Das war zu diesem Zeitpunkt der niedrigste Wert seit dem Zerfall der Sowjetunion.[8][9][10] Einige der bekanntesten TrĂ€ger von Kinderheimen im deutschsprachigen Raum sind die Organisation SOS-Kinderdorf, das Deutsche Rote Kreuz, die Diakonie, Pro Juventute und viele weitere freie TrĂ€ger der öffentlichen Jugendhilfe.
Im Alltag erfÀhrt der Begriff Waise zahlreiche sprachliche Adaptionen: Euro-Waisen, EU-Waisen, Waisenkinder der Medizin (siehe Orphan-Arzneimittel, seltene Krankheit oder Orphanet), Waisen-Planet, Therapeutische Waisen, Waisenkinder der Forschung, verwaistes Werk oder Scheidungswaise.
Geschichte
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Altertum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]FrĂŒhe Zeugnisse zum Thema Waise finden sich unter anderem im Alten Orient sowie im Alten Ăgypten. In der Werteordnung der Sumerer und Akkader war ihr König fĂŒr den Kult in den Tempeln sowie fĂŒr die Aufrechterhaltung der sittlichen Ordnung unter den Menschen verantwortlich. Ein weiteres Zeugnis bildet die Rechtssammlung Codex des Ur-Nammu (2111â2094 v. Chr.) aus der Ur-III-Zeit. Im Schlussteil des Prologs heiĂt es unter anderem:[11]
âDie Waisen ĂŒberantworte ich keineswegs den Reichen, [âŠ]â
Im Codex Hammurapi aus dem frĂŒhen 18. Jahrhundert v. Chr. erkannte Hammurapi eine besondere SchutzbedĂŒrftigkeit der Waisen gegen die StĂ€rkeren an. Er sah sich als ihr BeschĂŒtzer und versuchte, eine Gleichheit vor dem Gesetz auszuformulieren.[12]
Im Alten Orient ist der Schutz von Waisen bereits in vorbiblischen Zeiten ein theologisch begrĂŒndetes, sozialrechtliches Anliegen. Eine Vielzahl Ă€gyptischer und mesopotamischer Texte aus dem dritten und zweiten Jahrtausend v. Chr. machen deutlich, dass Waisen als besonders hilflos und bedĂŒrftig betrachtet wurden.[13] In einer 1951 entdeckten sumerischen Hymne erfolgt die Anrufung der Göttin Nasche von Lagasch mit den folgenden Worten:[14]
âSie, welche die Waise kennt, welche die Witwe kennt, die UnterdrĂŒckung des Menschen durch den Menschen kennt, Mutter der Waise ist. Nansche, welche fĂŒr die Witwe sorgt (âŠ) Die Königin nimmt den FlĂŒchtling in ihren SchoĂ, gibt dem Schwachen Schutz.â
Im patriarchalisch bestimmten Alten Orient gehörte eine Waise, die den Vater verloren hatte, zu den sozial, wirtschaftlich, rechtlich und religiös Benachteiligten. Sie waren am stÀrksten von Ausbeutung bedroht, weil sie keinen Rechtsschutz und keine wirtschaftliche Absicherung genossen.[13]
Die altĂ€gyptische Göttin Tefnut (auch Tefnet; weitere Beinamen: âNubische Katzeâ, âWahrheitâ) gehörte im Alten Ăgypten zu den neun Schöpfergottheiten der heliopolitanischen Kosmogonie (Enneade von Heliopolis). Sie symbolisierte das Feuer.[15] In den Pyramidentexten ist fĂŒr Tefnut im Zusammenhang des Himmelsaufstiegs vom König (Pharao) neben ihrem Namen Die Waise das Epitheton Die Wahrheit belegt.[16]
In der jĂŒdischen Bibel (Tanach) bedeutet der Begriff âWaiseâ (hebr. ŚÖžŚȘŚÖčŚ jÄtĂŽm) das vaterlose Kind (Ex 22,23 EU; Hi 24,9 EU) oder das Kind ohne Eltern. Die Septuaginta ĂŒbersetzt das hebrĂ€ische Wort mit áœÏÏαΜÏÏ orphanos.[13] Die schwierige soziale Lage von Waisenkindern wird angemahnt (Hi 29,12 EU), allerdings nirgendwo im Alten Testament eine konkrete Einzelperson als Waise genannt. 2008 fanden israelische ArchĂ€ologen die Ă€lteste bekannte hebrĂ€ische Inschrift auf einer aus der Zeit um König David stammenden, rund 3000 Jahre alten Tonscherbe. Die in der Inschrift enthaltenen Wörter sind spezifisch hebrĂ€isch und erinnern an Passagen aus dem Alten Testament. Enthalten sind Hinweise zum respektvollen Umgang mit Armen, Sklaven, Fremden, Witwen und Waisen.[17]
Antike
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Da viele Frauen in der Antike wegen des sehr frĂŒhen Heiratsalters deutlich jĂŒnger waren als ihre EhemĂ€nner, jedoch aufgrund des Fehlens systematisch betriebener EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung hĂ€ufig bis weit ĂŒber das 30. Lebensjahr hinaus Kinder zur Welt brachten, hatten Witwen in sehr vielen FĂ€llen noch minderjĂ€hrige Kinder zu versorgen. Es wird angenommen, dass 35â45 Prozent der Kinder ihren Vater verloren hatten, bevor sie das 14. Lebensjahr erreichten. Mit der FĂŒrsorge fĂŒr Waisenkinder beschĂ€ftigte sich bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. der Philosoph Platon, der durch den frĂŒhen Tod seines Vaters selbst zur Halbwaise wurde. In seinen Athener Gesetzen (Nomoi, Elftes Buch, 926ff.) formulierte er, dass Waisenkindern Schutz und Obhut zu gewĂ€hren sei.[18] Ăhnliche AnsĂ€tze finden sich auch in der Halacha, der jĂŒdischen Gesetzgebung.

In der patriarchalischen Gesellschaft Roms waren Frauen nicht geschĂ€ftsfĂ€hig. Nach römischem Recht waren vaterlose Kinder Pupillen (Knaben unter 14 und MĂ€dchen unter 12 Jahren), die zur rechtsgĂŒltigen Vollziehung von RechtsgeschĂ€ften der Mitwirkung eines mĂ€nnlichen Vormundes (Tutor) bedurften.[19] Witwen, die minderjĂ€hrige Kinder zu versorgen hatten, waren hĂ€ufig von der Verarmung bedroht und oft verschuldet. Manche Witwen sahen sich genötigt, ihre Kinder in die Sklaverei zu verkaufen oder Töchter der Prostitution zuzufĂŒhren. Zahlreiche Waisen mussten in jungen Jahren einer BerufstĂ€tigkeit nachgehen, WaisenmĂ€dchen fanden aufgrund der fehlenden Mitgift ĂŒberhaupt keinen Mann oder heirateten unterhalb ihres sozialen Standes. Ein groĂer Teil der Bettler in den antiken StĂ€dten rekrutierte sich aus Waisen.[20]
Der Schutz und die Pflege von Waisen gefallener Krieger in Griechenland und im Römischen Reich oblag bereits zum Teil staatlicher FĂŒrsorge. Die Kaiser Trajan oder Severus Alexander nahmen sich durch die GrĂŒndung eigener Stiftungen der Waisen an.[21] Im 2. Jahrhundert n. Chr. grĂŒndete der Kaiser Antoninus Pius zu Ehren seiner verstorbenen Frau Faustina eine Einrichtung sowie Stiftung zur Alimentierung und Aufnahme ausgesetzter MĂ€dchen, die puellae Faustinianae.[22]
In der SpĂ€tantike fĂŒhrte die Verbreitung des Christentums zu einer Sensibilisierung fĂŒr die sozialen Probleme der Waisen, denen der besondere Schutz der Kirche galt. Trotz vielfĂ€ltiger karitativer BemĂŒhungen verlor das Versorgungsproblem der Waisen nichts von seiner Brisanz. In der Zeit des FrĂŒhchristentums gelang es der Kirche noch nicht, ein Netz von karitativen Einrichtungen zu schaffen, mit dem sie dieser Armut Herr werden können hĂ€tte. Individuelle Almosen mochten im Einzelfall die Not lindern, waren aber nicht in der Lage, die Ursachen zu beseitigen.[23] Das Konzil von Nicaea (325 n. Chr.) ordnete die Einrichtung von ArmenspitĂ€lern in den christlichen Gemeinden an, die sich teilweise zu Kinderasylen entwickelten.[24] Erste Einrichtungen finden sich um 330 n. Chr. in Konstantinopel oder die in Basilias, unweit von Caesarea, die von Bischof Basilius 369 n. Chr. gegrĂŒndet wurde.[25] Durch ein Edikt ordneten im 5. Jahrhundert die Kaiser Flavius Honorius und Theodosius II. an, dass ausgesetzte Kinder der Kirche zu melden und gegen ein Entgelt in Pflegefamilien aufzuziehen seien.[25]
Im Alten China entwickelte die Halbwaise Konfuzius, der in der frĂŒhen Kindheit seinen Vater verlor,[26] in der Zeit der Ăstlichen Zhou-Dynastie seine Lehren ĂŒber die menschliche Ordnung, die seiner Meinung nach durch Achtung vor anderen Menschen und Ahnenverehrung erreichbar sei. Als Ideal galt Konfuzius der âEdleâ, ein moralisch guter Mensch, wenn er sich in Harmonie mit dem Weltganzen befindet. Er war Namensgeber fĂŒr die als Konfuzianismus bekannten Lehren.
Mittelalter
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine Notwendigkeit, den Waisen besondere FĂŒrsorge angedeihen zu lassen, ergibt sich fĂŒr Muslime aus dem Koran und aus der Geschichte. Mohammed, Religionsstifter des Islam, Prophet und Gesandter Gottes, wurde frĂŒh als Kind Vollwaise. In der Schlacht von Uhud im Jahre 625 starben viele AnhĂ€nger von Mohammed, die alle ihre Familien zurĂŒcklieĂen.
In den christlichen LĂ€ndern Europas waren die Waisen auf die Barmherzigkeit von Einzelpersonen oder die öffentliche FĂŒrsorge angewiesen. Schon durch die karolingischen Kapitularien wurden sie unter den besonderen Schutz der Königsboten gestellt.[27] Waisen wurden entweder von Verwandten aufgenommen, in ein Spital oder in ein Findelhaus, meist in kirchlicher TrĂ€gerschaft, gegeben und in diesen versorgt. Gern wurden sie auch von ihren Verwandten durch Oblation in ein Kloster gegeben, um den Erbanteil nicht zu sehr zu schmĂ€lern.[28] Ab dem 8. Jahrhundert ist eine öffentliche FĂŒrsorge zunĂ€chst in Italien und spĂ€ter auch in West- und Mitteleuropa belegt. Das erste Findelhaus wurde auf Veranlassung des mailĂ€ndischen Erzbischofs Datheus 787 eingerichtet.[29][30][31] Als soziale Einrichtungen fanden FindelhĂ€user in Mittel-, Nord- und Westeuropa weitere Verbreitung, wenngleich nicht in dem Umfang wie in den romanischen LĂ€ndern und hĂ€ufig erst ab dem 16. Jahrhundert.[32]

Karl der GroĂe, der sich als BeschĂŒtzer und Verteidiger von Waisen sah, verpflichtete dafĂŒr die Grundherren in seinem Reich.[25] FĂŒr verwaiste SĂ€uglinge nahmen die Pflegeeltern Ammen in den Dienst. Halbwaisen wuchsen nach der Wiederverheiratung des verbliebenen Elternteils beim Stiefvater oder bei der Stiefmutter auf. Stiefeltern wurden in den spĂ€teren VolksmĂ€rchen und in Heiligenviten hĂ€ufig als böse und kaltherzig geschildert. Dem Sachsenspiegel zufolge standen Waisen bis zur VolljĂ€hrigkeit, mit 21 Jahren, unter der Vormundschaft des Ă€ltesten Verwandten vĂ€terlicherseits, des Ă€ltesten Schwertmagen.[33] Im Weiteren wurde in dieser Zeit erwartet, dass der Ritter nicht nur KĂ€mpfer und Krieger sein sollte, sondern gleichzeitig BeschĂŒtzer von Witwen und Waisen. WĂ€hrend der KreuzzĂŒge kam es zur GrĂŒndung von Ritterorden (zum Beispiel Johanniter und Deutscher Orden) und nichtrichterlichen Ordensgemeinschaften (zum Beispiel Antoniter-Orden), die sich der FĂŒrsorge von Waisen in den SpitĂ€lern annahmen.[34] Im Jahre 1194 verfĂŒgte Papst Innozenz III., dass im Ospedale di Santo Spirito in Rom eine Drehlade (Babyklappe) fĂŒr die Abgabe von Babys einzurichten ist.[35]
Ab dem FrĂŒhmittelalter bis in die Neuzeit konnten Kinder und Jugendliche, unter anderem im Heiligen Römischen Reich, verwaisen, wenn Eltern (hĂ€ufig der Vater) durch ein weltliches Gericht geĂ€chtet wurden.[36]
Seit der zweiten HĂ€lfte des 12. Jahrhunderts unterstĂŒtzten in Deutschland auch die ZĂŒnfte erstmals ihre Mitglieder in NotfĂ€llen wie InvaliditĂ€t oder im Todesfall deren Witwen und Waisen.[37] Handwerksmeister bildeten mittellose Waisenkinder zu einem ermĂ€Ăigten Tarif oder unentgeltlich aus. Manche ZĂŒnfte bildeten RĂŒcklagen, aus denen Kinder verstorbener Mitglieder wĂ€hrend der Lehrzeit UnterstĂŒtzung erhielten. In den folgenden Jahrhunderten fĂŒhrten immer mehr Berufsgruppen (zum Beispiel im Bergbau die BĂŒchsenkasse und spĂ€ter die Knappschaftskasse) Vorsorgekassen, unter anderem zur UnterstĂŒtzung hinterbliebener Kinder ihrer Berufskollegen, ein. Seit dem 15. Jahrhundert entwickelten sich besonders am Niederrhein und in den Niederlanden die Lukasgilden, die eine gewisse soziale Absicherung gaben und die Vormundschaft ĂŒber Waisen verstorbener Mitglieder ĂŒbernahmen.
In China wurde die FĂŒrsorge von Waisen, Ă€hnlich wie in Europa, oft von religiös gefĂŒhrten Einrichtungen wahrgenommen. Der RebellenanfĂŒhrer der Roten Turbane und spĂ€tere BegrĂŒnder der Ming-Dynastie Hongwu war, um als Waise nicht zu verhungern, 1344 gezwungen, in ein buddhistisches Kloster einzutreten.[38] Hier lernte er lesen sowie schreiben und kam zum ersten Mal mit höherer Bildung in BerĂŒhrung. In Korea wurden Waisen durch Adoptionsfamilien als Sklaven gehalten. Andererseits gab es UnterstĂŒtzung und FĂŒrsorge fĂŒr Waisen unter anderem durch königlichen Schutz mit der Schaffung einer Einrichtung fĂŒr SĂ€uglinge und Kleinkinder, Haeadogam, oder durch die Aufnahme in buddhistischen Klöstern.[39][40]
In den norditalienischen StĂ€dten Bologna und Florenz wurden um 1500 spezielle Konservatorien fĂŒr verwaiste junge MĂ€dchen eingerichtet. Sie wurden im Alter von zwölf Jahren aufgenommen und versorgt. Die Initiatoren der WaisenhĂ€user sammelten bei den wohlhabenden BĂŒrgern Geld, um die MĂ€dchen mit einer Mitgift auszustatten, die ihnen eine angemessene Heirat ermöglichen sollte. Aufgenommen wurden nur WaisenmĂ€dchen aus der Mittelschicht.[41]

Neuzeit bis 18. Jahrhundert
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Mitteleuropa sind seit der Neuzeit FĂ€lle von Folterungen und Hinrichtungen von Waisen im Rahmen von Hexenverfolgungen dokumentiert. Sie wurden unter anderem beschuldigt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen.[42][43]
Zu ersten GrĂŒndungen von WaisenhĂ€usern kam es an der Schwelle vom SpĂ€tmittelalter zur Neuzeit im 16. Jahrhundert in den reichen niederlĂ€ndischen und deutschen HandelsstĂ€dten (Amsterdam 1520, Augsburg 1572, Hamburg 1604).[44] In den Niederlanden und in einigen deutschen Staaten war es durchaus ĂŒblich, dass die Waisenkinder, Ă€hnlich wie Bettler, Dirnen und Juden, bestimmte Farben sowie Abzeichen auf ihrer Kleidung trugen. Oft verwiesen die Abzeichen auf die Stifter der Waisen- und ArmenhĂ€user, so zum Beispiel das CL fĂŒr die KurfĂŒrstin Luise Henriette.[45]
FĂŒr die Regelung der Belange von Waisenkindern sind im sĂŒddeutschen Raum und in der Schweiz seit dem 16. Jahrhundert Vorsteher eines Amtes fĂŒr Waisen, Waisenvogt, belegt.[46] Bis in die frĂŒhe Neuzeit galten Waisen in der Schweiz als wĂŒrdige BedĂŒrftige und erhielten Hilfe, wĂ€hrend unwĂŒrdige Arme dem Schicksal ĂŒberlassen blieben. Durch die hohe Sterblichkeit verloren viele Kinder im unmĂŒndigen Alter einen oder beide Elternteile. Vollwaisen und vaterlose Halbwaisen wurden unter die Obhut eines Vogts gestellt, meist war dies der nĂ€chste Verwandte vĂ€terlicherseits. Zu seinen Aufgaben zĂ€hlte es, primĂ€r die vermögensrechtlichen Interessen des verwaisten Kindes, des sog. âVogtkindesâ, zu wahren. Der Vogt musste im âVogtkinderrechnungsbuchâ oder âVogteibuchâ schriftlich Rechenschaft ĂŒber sein Handeln ablegen.[47]
In Italien gab es vom 16. bis 18. Jahrhundert verschiedene Institutionen, wo Waisenkinder unter anderem Musikunterricht erhielten; die berĂŒhmtesten waren die ospedali von Venedig und die sogenannten conservatori von Neapel. Antonio Vivaldi schrieb viele seiner Werke fĂŒr die weiblichen Waisen und Findelkinder des Ospedale della PietĂ .[48]

Der französische Sonnenkönig Ludwig XIV., selbst Waise, förderte durch gezielte Patronage in seinen nordamerikanischen Kolonien Neufrankreich in der zweiten HÀlfte des 17. Jahrhunderts im Gebiet um den Sankt-Lorenz-Strom und in der ersten HÀlfte des 18. Jahrhunderts in Louisiana durch die Ansiedlung von jungen Frauen die Kolonialisierung dieser Gebiete. Viele dieser Frauen waren Waisen. Ziel war es, durch die Töchter des Königs und die MÀdchen mit einer Kassette, wie sie auch genannt wurden, dass Bevölkerungswachstum anzukurbeln.[49][50]
Nach dem DreiĂigjĂ€hrigen Krieg kam es in Europa vermehrt zu GrĂŒndungen von WaisenhĂ€usern. Diese sollten fĂŒr eine ganze Reihe sozialer Problemfelder gleichzeitig zustĂ€ndig sein. So macht das 1677 in Braunschweig gegrĂŒndete âArmen-, Waysen-, Zucht- und Werkhausâ die Absichten schon in seinem Namen deutlich. Ăhnliche Anstalten wurden 1679 in Frankfurt, 1702 in Bamberg, 1716 in Waldheim oder 1736 in Ludwigsburg gegrĂŒndet. Das 1702 in Berlin gegrĂŒndete GroĂe Friedrichshospital war vorrangig ein Unterbringungsort fĂŒr Waisen, Bettler, Invaliden, geistig Gestörte, AussĂ€tzige und erst nachrangig Krankenanstalt.[51]
Andererseits Ă€nderten sich in der Zeit des Absolutismus die finanziellen BedĂŒrfnisse der Herrscher in Europa. Es expandierte der Ausbau von Manufakturen, Handel und Gewerbe. Es wurden billige ArbeitskrĂ€fte in gröĂerer Zahl gesucht.[52] Dabei griff man in vielen LĂ€ndern unter anderem gern auf Waisenkinder zurĂŒck. Die neue Form der Kinderarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil der merkantilistischen Arbeitspolitik der Zeit. Den Manufakturbesitzern bot sich eine Gelegenheit und die Legitimation, durch Kinderarbeit billig zu produzieren. FĂŒr den Staat und seinen Gemeinden bot diese Entwicklung eine wĂŒnschenswerte Möglichkeit zur Entlastung ihrer FĂŒrsorgeverpflichtungen. Diese frĂŒhkapitalistische Entwicklung wurde von den Herrschern, der Kirche und den PĂ€dagogen tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzt. Maria Theresia verband die Erwartung der frĂŒhzeitigen Arbeitsgewöhnung der Kinder, insbesondere der in staatlicher Obhut befindlichen Soldaten- und Waisenkinder. Die Förderung der Wirtschaft stand stets im Vordergrund der âIndustriepĂ€dagogikâ. Neue WaisenhĂ€user wurden in der NĂ€he von Manufakturen errichtet und von deren Besitzern betrieben.[53]
In den katholischen LĂ€ndern Europas entwickelten sich im 18. Jahrhundert ArbeitshĂ€user und -heime. Neben familiengebundenen Kindern aus armen VerhĂ€ltnissen sollten explizit verwahrloste Kinder, Findelkinder und Waisen die Erziehung zur Arbeit vermittelt werden. In Wahrheit wurden die Kinder pausenlos beschĂ€ftigt und die Vermittlung von Wissen sowie Fertigkeiten war in der Regel auf die unmittelbar bezogene TĂ€tigkeit beschrĂ€nkt. Sie arbeiteten oft von 05:00 Uhr morgens bis 19:00 oder 21:00 Uhr am Abend. Die Aufseher ahndeten durch harte PrĂŒgelstrafen jedes âFehlverhaltenâ.
In den lutherischen Landesteilen von Deutschland entstanden Industrieschulen und Rettungsanstalten. Die Landesherren, wie zum Beispiel Friedrich der GroĂe, stellten den Fabrikanten Waisen zur VerfĂŒgung sowie zusĂ€tzlich Fördermittel. Die âVaterpflichtâ und die âVatermachtâ fĂŒr die Waisen ĂŒbernahm oft der Fabrikant. Bis zur VolljĂ€hrigkeit waren die Kinder oft der Ausbeutung wehrlos ausgeliefert. Nur wenige PĂ€dagogen kritisierten die starke Ausrichtung auf industrielle Fertigung und wirtschaftlichen Gewinn.[54] In diesen Anstalten sollten Kinder und junge Menschen aus Armutslagen eigentlich UnterstĂŒtzung finden, verbunden mit einer Ausbildung. Eine der ersten deutschen Anstalten dieser Art war die Rettungsanstalt DĂŒsseltal fĂŒr Waisenkinder. Diese Anstalt fĂŒr Waisenkinder wurde durch echt kölnisches Wasser finanziert, das jedoch an der DĂŒssel in DĂŒsseldorf produziert wurde. Rosenknospen und der Spruch FĂŒr Gott und die Waisen zierten die Etiketten der DuftwasserflĂ€schchen aus DĂŒsseltal.[55] In manchen WaisenhĂ€usern wurde auf die Ausbildung der Knaben noch Wert gelegt, damit sie als Handwerker spĂ€ter ein Auskommen hatten. Die MĂ€dchen waren grundsĂ€tzlich schlechter dran â eine klassische Waisenbiografie mĂŒndete in einer Existenz als DienstmĂ€dchen.[56] In der Schweiz wurden Waisen ab dem 18. Jahrhundert als Verdingkinder Interessierten öffentlich auf einem Verdingmarkt feilgeboten und versteigert.[57] Den Zuspruch bekam jene Familie, welche am wenigsten Kostgeld verlangte. Betroffene beschreiben, dass sie auf solchen MĂ€rkten âwie Vieh abgetastet wurdenâ. In anderen Gemeinden wurden sie wohlhabenderen Familien durch Losentscheid zugeteilt. Zugeloste Familien wurden gezwungen, solche Kinder aufzunehmen, auch wenn sie eigentlich gar keine wollten. Sie wurden meistens auf Bauernhöfen wie Leibeigene zur Zwangsarbeit eingesetzt, meist ohne Lohn und Taschengeld. Nach Augenzeugenberichten von Verdingkindern wurden sie hĂ€ufig erniedrigt oder gar vergewaltigt. Einige fanden dabei den Tod.
Mit der aufkommenden AufklĂ€rung entwickelte sich die Freimaurerei in Europa weiter. Die ĂŒberwiegend in den StĂ€dten in Logen organisierten Freimaurer sammelten fĂŒr Witwen und Waisen verstorbener BrĂŒder, grĂŒndeten Witwen- und Waisen-Pensionsvereine oder unterstĂŒtzten unter anderem WaisenhĂ€user.[58] Staatlicherseits sind seit dem 18. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum WaisenĂ€mter (mancherorts auch Pupillenamt genannt) belegt, die die Aufsicht ĂŒber die Waisen und deren Vermögen fĂŒhrten.[59]
Im Gegensatz zum Geist der AufklĂ€rung wurde in PreuĂen in der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts antiziganistische Verordnungen erlassen, dass alle erwachsenen Zigeuner im Land durch ErhĂ€ngen getötet und ihre Kinder in WaisenhĂ€user geschickt werden sollten.[60]
Seit der zweiten HÀlfte des 18. Jahrhunderts sind im protestantischen Deutschland in den StÀdten Armen- und Waisenschulen belegt. Waisen sowie Kinder aus mittellosen Familien erhielten kostenlosen Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen und in Religion.[61][62]
Die BekĂ€mpfung der Pocken, auch Blattern genannt, zĂ€hlte ab der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts weltweit zu einer der drĂ€ngendsten Aufgabe in der GesundheitsfĂŒrsorge. Dabei gelang Edward Jenner, selbst eine frĂŒhe Waise, durch die Impfung 1796 ein Durchbruch. 1803 wurde Francisco Javier de Balmis vom spanischen König mit der Mission einer Impfkampagne zur BekĂ€mpfung der Pocken in SĂŒdamerika betraut. Das Hauptproblem bestand darin, den Impfstoff lebend ĂŒber den Atlantik zu schiffen. In 22 Waisenkindern aus Spanien fand die Expedition ihre Kandidaten fĂŒr den Transport des lebenden Impfstoffes, der viral von jeweils zwei Kindern an die anderen weitergegeben wurde. Es war der Beginn der ersten groĂen, Kontinente ĂŒbergreifenden Impfaktion. Weitere Stationen von Balmis waren unter anderem Kuba, Mexiko und China, ehe er 1806 wieder in Spanien anlandete.[63]
19. Jahrhundert
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gegen Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts fĂŒhrten in Mitteleuropa die Philanthropen den berĂŒhmten Waisenhausstreit. Sie prangerten die herrschenden MissstĂ€nde in den Anstalten an und setzten sich fĂŒr Familienpflege der Waisen ein. Die Kritik an den Anstalten wurde so laut, dass sie vielerorts geschlossen wurden. Die Waisen wurden bei Familien untergebracht, die meistens nur den âArbeitswert des Kindesâ sahen. Wenn das Kind nicht die gewĂŒnschte Leistung lieferte, wurde es zurĂŒckgebracht und in einigen FĂ€llen musste es aus der Familie wieder zurĂŒckgeholt werden. Da die Unterbringung in den Familien nicht ideal war, ging der âWaisenhausstreitâ weiter. Das strikte Familienprinzip fĂŒhrte zu neuen MissstĂ€nden, sodass eine Reform der Anstalten angestrebt wurde, um die sich besonders Johann Heinrich Pestalozzi verdient machte. Der Ruf nach besseren WaisenhĂ€usern wurde lauter und viele VerĂ€nderungen besprochen. Zum Beispiel wurde von ausreichender ErnĂ€hrung gesprochen, jede Waise sollte ihr eigenes Bett bekommen. Die Arbeitsstunden sollten auf drei oder vier Stunden heruntergesetzt werden. Weiterhin sollte es zur Förderung der Gesundheit jeden Tag Gymnastik fĂŒr die Kinder geben.[64][65][66] Im weiteren Verlauf kam es in Deutschland sowohl in den lutherisch als auch in den katholisch geprĂ€gten Gebieten zu weiteren GrĂŒndungen von RettungshĂ€usern mit sozialpĂ€dagogischen AnsĂ€tzen, zum Beispiel Das Rauhe Haus in Hamburg. Waisen, kriminellen und verwahrlosten Kindern wurde eine Unterkunft sowie eine Schulbildung und eine handwerkliche Ausbildung geboten.[67] Ăbergreifendes Credo der RettungshĂ€user sind differenziert strukturierende âgezielte ErziehungsmaĂnahmenâ, um damit Folgen von Armut zu korrigieren.[68]

In einigen LĂ€ndern Europas kam es zu GrĂŒndungen von Waisenkolonien auf dem Lande. Waisenkindern, auch aus den StĂ€dten, wurden unter anderem in Pflegefamilien untergebracht.[69] In den Niederlanden herrschte nach dem Ende der napoleonischen Kriege groĂe Armut. Um den BedĂŒrftigen (ganze Familien, Bettler, LandlĂ€ufer und Waisen) zu helfen, wurden sieben Armenkolonien als soziales Experiment gegrĂŒndet. Das Ziel war es, den Lebensstandard dieser Menschen durch Arbeit, medizinische Versorgung und Bildung zu verbessern. Von den Kolonien waren drei (zum Beispiel Willemsoord) frei und vier (zum Beispiel Ommerschans) unfrei. In den unfreien lebten die Menschen in Anstalten und unter Zwang. Arbeitete man hart, konnte man sich die Freiheit zurĂŒckverdienen. Nur wenige fanden ihren Weg in die Freiheit und viele blieben bis zu ihrem Tod in der Kolonie.[70]
Unter Historikern gilt der Amerikanische BĂŒrgerkrieg (1861â1865) als erster Krieg in der Geschichte der Menschheit, der mit Maschinen gefĂŒhrt wurde. So kamen zum Beispiel die Eisenbahn fĂŒr Truppenverlegungen, VorlĂ€ufer von U-Booten[71] oder die ersten Maschinengewehre wie die Union Repeating Gun zum Einsatz. An der Spitze der kĂ€mpfenden Lager standen sich die beiden ehemaligen Halbwaisen Abraham Lincoln, PrĂ€sident der Vereinigten Staaten, und Jefferson Davis, PrĂ€sident der Konföderierten Staaten, gegenĂŒber. WĂ€hrend am Anfang des Krieges noch Mann gegen Mann gekĂ€mpft wurde, entwickelte sich der Konflikt im weiteren Verlauf zu einem Vernichtungskrieg, in dem auch immer mehr Zivilisten getötet, Farmen in Brand gesteckt oder StĂ€dte wie Atlanta und Charleston zerstört wurden. Im Krieg kamen mindestens 620.000 Menschen ums Leben.[72] Wie viele Kriegswaisen es gab, ist bis heute nicht hinreichend erforscht. Wenige Tage nach Kriegsende wurde Abraham Lincoln durch die ehemalige Halbwaise John Wilkes Booth ermordet.
KolonialmĂ€chte, wie Frankreich und GroĂbritannien, versuchten mit der ĂberfĂŒhrung der den WaisenhĂ€usern entwachsenen MĂ€dchen die âFrauenfrageâ in ihren Kolonien, zum Beispiel SĂŒdafrika oder Kanada, zu lösen. Jene einfach und religiös erzogenen, hauswirtschaftlich ausgebildeten MĂ€dchen gaben âein vortreffliches Ehefrauenmaterialâ ab. Deutschland versuchte in seinen Kolonien, Waisen als HilfskrĂ€fte mit Niedriglohn fĂŒr GeschĂ€ftsleute und Gewerbetreibende zu gewinnen. Die fĂŒr Deutsch-SĂŒdwestafrika bestimmten Jugendlichen sollten nur bei solchen Kolonisten untergebracht werden, die vertrauenswĂŒrdig erschienen und es âbei der sittlichen und beruflichen Ausbildungâ ihrer Schutzbefohlenen an nichts fehlen lieĂen. Vorrang erhielten die aus WaisenhĂ€usern zu entlassenden JĂŒnglinge und MĂ€dchen, keinesfalls solche aus den Besserungsanstalten und sogenannten RettungshĂ€usern.[73][74]

In den USA wurde die Post Anfang der 1860er-Jahre mit dem Pony-Express und seinen Postreitern von Missouri nach Sacramento in Kalifornien befördert. Die Arbeit wurde vornehmlich von jungen, ungebundenen MÀnnern, vorzugsweise Waisen, die nicht Àlter als 18 Jahre waren, verrichtet. Einer der bekanntesten unter ihnen war Buffalo Bill.[75]
Ab der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er-Jahre hinein wurden in den USA ĂŒber 250.000 Waisen mit den sogenannten WaisenzĂŒgen aus den GroĂstĂ€dten des Ostens zu Farmerfamilien in den Mittleren Westen entsendet. Die Idee dazu hatte der in New York lebende Theologe Charles Loring Brace (1826â1890). Auf dem Lande sollten die Kinder eine neue Heimat finden. Statt auf Liebe und Zuwendung trafen sie oft auf kĂŒhle Berechnung und Eigennutz. Viele von ihnen wurden als billige ArbeitskrĂ€fte ausgebeutet, misshandelt oder vernachlĂ€ssigt. Die WaisenzĂŒge wurden so auch zu einem Symbol des Elends und nicht der Befreiung in ein besseres Leben. Einigen von ihnen, wie John Green Brady oder Andrew H. Burke, gelang als Gouverneur von Alaska oder von North Dakota ein gesellschaftlicher Aufstieg.[76]
20. Jahrhundert bis Gegenwart
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1900â1945
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aufgrund der schlechten hygienischen VerhĂ€ltnisse und mangelnden GesundheitsfĂŒrsorge kam es in fast allen WaisenhĂ€usern zu einer ĂŒberdurchschnittlich hohen Kindersterblichkeit. Langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass bessere Hygiene und eine gesunde ErnĂ€hrung zu weniger TodesfĂ€llen fĂŒhrten. Es fiel auf, dass die physisch ĂŒberlebenden Kinder kognitiv und emotional weit hinter den in Familien aufwachsenden Kindern zurĂŒckblieben. Diese Symptomatik wurde ab 1915 als âHospitalismusâ bezeichnet.[77] Bei der Heimerziehung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer noch nicht pĂ€dagogisches Handeln das Ziel, sondern die âVerhĂŒtung weiterer sittlicher Verwahrlosungâ und FleiĂ fĂŒr die ErwerbstĂ€tigkeit. Dazu gehörten neben SchlĂ€gen, Essensentzug, Arrest und DemĂŒtigungen auch Kinderarbeit.[77]

Die Kinderarbeit war nicht nur Los der Vollwaisen in Heimen, auch meist bei der Mutter lebende Halbwaisen mussten in der Regel schon im frĂŒhen Kindesalter zum Lebensunterhalt beitragen. Viele arbeitsfĂ€hige verwitwete Frauen lebten oft mit mehreren Kindern in groĂer Armut. Fanden sie in Fabriken oder als Heimarbeiterin Arbeit, war ihr Lohn deutlich geringer als der fĂŒr MĂ€nner. Nur in EinzelfĂ€llen konnten Witwen UnterstĂŒtzung von den Arbeitgebern ihrer verstorbenen MĂ€nner erkĂ€mpfen. Beispielsweise erreichte die Witwe Wilhelmine KrĂ€mer nach dem Werksunfalltod ihres Mannes durch hartnĂ€ckiges Vorsprechen bei der Werksleitung der Phönix HĂŒttenwerke in Duisburg, dass sie fĂŒr sich und ihre sieben Kinder eine kostenlose Werkswohnung gestellt bekam und ihren Kindern so die Kinderarbeit ersparen konnte. Zwar wurde 1903 Kindern unter 12 Jahren die industrielle Heimarbeit verboten, fĂŒr Kinder ĂŒber 12 gab es jedoch noch keinen Schutz.[78][77] Mit der Reichsversicherungsordnung von 1911 wurde fĂŒr den Fall, dass der die Familie ernĂ€hrende Vater starb, erstmals eine Hinterbliebenenversorgung zumindest fĂŒr nicht arbeitsfĂ€hige invalide Witwen und fĂŒr Waisen eingefĂŒhrt.[79][80]
Das im Juni 1922 verabschiedete âReichsgesetz fĂŒr Jugendwohlfahrtâ schrieb erstmals in § 1 das Recht jedes deutschen Kindes auf Erziehung fest. Trotzdem Ă€nderte sich an der Praxis zunĂ€chst fast nichts.[77]
Der Erste Weltkrieg fĂŒhrte, insbesondere in den kriegsbeteiligten LĂ€ndern, durch den Tod von rund 9,5 Millionen Soldaten[81] zu vielen Kriegswaisen. In der weiteren Folge kam es in einer Reihe von LĂ€ndern kriegsbedingt zum Beispiel durch Verwahrlosung, Krankheiten oder WillkĂŒr zum Anstieg von verwaisten Kindern. 1915â1917 war Jakob KĂŒnzler Augenzeuge des Völkermordes an den Armeniern, worĂŒber er 1921 sein Buch mit dem Titel Im Lande des Blutes und der TrĂ€nen schrieb. Unter Lebensgefahr half er Tausenden von armenischen Waisen und fĂŒhrte den Spitalbetrieb in Urfa weiter. 1922 organisierte er mit seiner Frau die Ausreise von rund 8000 armenischen Waisen in das französische Mandatsgebiet Syrien, zu dem der Libanon zĂ€hlte.[82] In den Folgejahren organisierten und engagierten sich Nichtregierungsorganisationen wie Save the Children oder Privatpersonen wie die schwedische Philanthropin Elsa BrĂ€ndström[83], um verwaisten Kindern zu helfen.
Ende des Ersten Weltkrieges fĂŒhrte die Spanische Grippe weltweit zum Verwaisen vieler Kinder wie zum Beispiel von Anthony Burgess. Die Pandemie, die durch einen ungewöhnlich virulenten Abkömmling der Influenzaviren (Subtyp A/H1N1) verursacht wurde und zwischen 1918 und 1920 mindestens 25 Millionen, nach einer Bilanz der Fachzeitschrift Bulletin of the History of Medicine vom FrĂŒhjahr 2002 sogar knapp 50 Millionen Todesopfer forderte. Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren erlagen. Kinder und Ă€ltere Menschen gehörten nicht zur Risikogruppe.[84]
In Deutschland gab es nach dem Ersten Weltkrieg rund 2,7 Millionen ehemaligen Soldaten mit dauerhaften SchĂ€den, 600.000 Witwen, rund 1,2 Millionen Halbwaisen[85] und 56.000 Vollwaisen[86]. Um deren Existenz zu sichern wurde das ReichsheimstĂ€ttengesetz vom 10. Mai 1920 eingefĂŒhrt. Das Gesetz griff unter anderem auf die Gesetzgebungen des Homestead Act in den USA zurĂŒck und wurde 1993 aufgehoben.[87]
FĂŒr die Menschen in Osteuropa ging der Krieg mit der Niederlage der antibolschewistischen GegenrevolutionĂ€re und dem Vertrag von Riga, der den Polnisch-Sowjetischen Krieg abschloss, erst 1921 zu Ende. Vor allem die jĂŒdische Bevölkerung hatte in dieser Region eine bis dato ungekannte Welle antisemitischer Gewalt mit PlĂŒnderungen und Massenmord erlebt. Die Nationalbewegungen in Polen und der Ukraine wollten einen ethnisch homogenen Staat, in dem fĂŒr die Juden kein Platz mehr sein sollte. Auf dem Gebiet der heutigen Ukraine kam es in dieser Zeit zu fast 1200 Pogromen. SchĂ€tzungsweise 100.000 Juden wurden in den Jahren nach 1917 ermordet und ĂŒber eine halbe Million Opfer von Raub oder Zerstörung ihres Eigentums. Dazu kamen weitere 200.000 jĂŒdische Hunger- und Seuchentote, die ĂŒber 50.000 Waisen zurĂŒcklieĂen.[88]
In Russland entwickelte sich, insbesondere nach der Oktoberrevolution und dem anschlieĂenden BĂŒrgerkrieg, eine Welle von verwahrlosten Kindern. 7.000.000 Waisen irrten 1922 auf der Flucht vor BĂŒrgerkrieg und Hungersnot durch Russland. Bei westlichen Intellektuellen riefen diese âBesprisornyjeâ (âVerwahrlostenâ) MitgefĂŒhl hervor. Nadeschda Krupskaja, LebensgefĂ€hrtin von Lenin, der selbst als 15-JĂ€hriger eine Halbwaise wurde, wagte Systemkritik. Die Wurzeln der Obdachlosigkeit seien sehr wohl auch in der Gegenwart zu suchen. Feliks DzierĆŒyĆski, GrĂŒnder der sowjetischen Geheimpolizei, lieĂ obdachlose Kinder in den WĂ€ldern wie Partisanen jagen, andere in KinderhĂ€user oder Arbeitskolonien sperren. Der neuen politischen FĂŒhrung erschienen sie fĂŒr den Aufbau der Sowjetunion sehr gut geeignet zu sein.[89][90] 1927 wurde das Thema der Kinderkolonien durch die Autoren Grigori Belych (Halbwaise) und Leonid Pantelejew in dem teilbiografischen Erziehungsroman Republik der Strolche literarisch verarbeitet und 1966 verfilmt.
Als sich im Spanischen BĂŒrgerkrieg 1936â1939 ein Sieg General Francisco Francos abzeichnete, brachten viele republikanische Familien aus Furcht vor der Rache der Faschisten ihre Kinder ins Ausland. Die Ausreise der Kinder organisierte das Internationale Rote Kreuz. Die meisten wurden per Schiff ĂŒber Genua in Sicherheit gebracht. Etwa 3.500 Kinder gelangten in die Sowjetunion, mehr als 30.000 nach Frankreich, GroĂbritannien, Schweden sowie in die spanischsprachigen LĂ€nder Mittel- und SĂŒdamerikas. Nach dem Ende des BĂŒrgerkrieges 1939 wurden mehrere zehntausende Menschen hingerichtet. Nicht alle der in Sicherheit gebrachten spanischen Kinder kehrten aus dem Ausland zurĂŒck. Viele haben in Russland oder in Mittel- und SĂŒdamerika eine neue Heimat gefunden.[91] DarĂŒber hinaus wurden in Spanien nach dem Ende des BĂŒrgerkrieges bis in die 90er Jahre hinein etwa 300.000 Babys ihren MĂŒttern nach der Geburt gestohlen. Diese spĂ€ter als Niños robados bezeichneten Kinder, z. B. aus verdĂ€chtigen prorepublikanischen Familien, wurden von regimetreuen Eltern aufgezogen. Was als politische SĂ€uberung begann, entwickelte sich in den Folgejahren zu einem GeschĂ€ftsmodell fĂŒr den Staat und die katholische Kirche.[92][93]
Fast zeitgleich, von 1937 bis 1938, herrschte in der Sowjetunion der GroĂe Terror. Durch den Befehl Nr. 00477 des Innenministeriums der UdSSR wurden mindestens 1,5 Millionen Menschen verhaftet, etwa 700.000 von ihnen kamen, zum Beispiel durch ErschieĂungen, ums Leben. Durch diesen Befehl wurden tausende Kinder zu Waisen. Auf den Befehl Nr. 00447 folgte der Befehl Nr. 00486 Ăber die sozial gefĂ€hrlichen Kinder. Das waren Waisenkinder, deren Eltern als âSchĂ€dlingeâ des Sowjetvolkes ins Lager kamen oder erschossen worden waren. Die Kinder, die Ă€lter als 15 Jahre waren, kamen in Arbeitslager. Vor ihnen lagen acht bis zehn Jahre Zwangsarbeit. Die JĂŒngeren, wie zum Beispiel der spĂ€tere Schriftsteller Wassili Aksjonow, wurden in spezielle WaisenhĂ€user untergebracht. Unter ihnen waren auch deutsche Kinder, oft von Kommunisten, die wĂ€hrend der NS-Zeit ins sowjetische Exil gegangen waren.[94][95]

Die Errichtung der Naziherrschaft in Deutschland hatte in den Folgejahren erst im eigenen Land, dann in Europa sowie weltweit thematische Auswirkungen. So zum Beispiel als Berichte ĂŒber die Novemberpogrome 1938 in Deutschland das Ausland erreichten, beschlossen unter anderem die britische und belgische Regierung,[96][97] verfolgte jĂŒdische Kinder einreisen zu lassen. Am 30. November 1938 fuhr der erste Zug mit 196 Kindern aus Berlin Richtung London. Zwischen Dezember 1938 und September 1939 wurden ca. 10.000 jĂŒdische Kinder, wie zum Beispiel Frank Meisler, bis zu einem Alter von 17 Jahren aus Deutschland, Ăsterreich, Polen und der Tschechoslowakei nach GroĂbritannien gerettet. Sie mussten ihre Eltern zurĂŒcklassen. Höhepunkt der Aktion waren zwei bis drei Kindertransport-ZĂŒge pro Woche. Besonders leicht an Pflegeeltern zu vermitteln waren blonde, zutrauliche und intelligente MĂ€dchen zwischen 7 und 10 Jahren, sie galten als unproblematische Pflegekinder. Knaben ab 12 Jahren, die in Deutschland besonders gefĂ€hrdet waren, hatten kaum eine Chance auf Vermittlung in eine Pflegefamilie und kamen in englische Heime. Die Auswahl durch die Pflegeeltern in England wurde von den Kindern hĂ€ufig wie ein âViehmarktâ empfunden. Gleich nach der Ankunft oder im Speisesaal des Ankunftslagers suchten sich mögliche Pflegeeltern âgeeigneteâ Kinder aus. Die âĂŒbriggebliebenen Kinderâ wurden in verschiedenen Heimen in ganz GroĂbritannien untergebracht. Einige Kinder wurden in der neuen Familie als billige Dienstboten und KindermĂ€dchen ausgenutzt. Manche Pflegeeltern gaben den Kindern neue, englische Vornamen und zwangen sie, nach christlichen Traditionen zu leben. Andere Pflegeeltern ermunterten die Kinder, in die Synagoge zu gehen und jĂŒdische Feste zu feiern, sie förderten die Pflegekinder, versorgten sie und schenkten ihnen Zuwendung.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verschĂ€rfte sich die Situation der FlĂŒchtlingskinder in GroĂbritannien. Viele wurden von den Pflegefamilien in FlĂŒchtlingslager abgegeben oder als deutsche Spione verdĂ€chtigt. Dennoch fanden knapp 10.000 Kinder in GroĂbritannien Schutz. Rund 8.000 weitere Kinder waren in Pflegefamilien oder Heimen in den Niederlanden, in Belgien, in Frankreich, der Schweiz oder in Schweden untergekommen. Das offizielle Ende der Kindertransporte war der 1. September 1939, als mit dem deutschen Ăberfall auf Polen der Zweite Weltkrieg ausbrach. Der letzte bekannte Kindertransport in Richtung England erfolgte durch den niederlĂ€ndischen Frachter SS Bodegraven, der mit 80 Kindern an Bord am 14. Mai 1940 unter deutschem Maschinengewehrfeuer von IJmuiden aus den Kanal ĂŒberquerte und schlieĂlich in Liverpool landete.
Eine weitere Rettungsaktion fĂŒr Kinder- und Jugendliche galt den etwa 870 Teheran-Kindern, meist polnisch-jĂŒdischen Waisen, die nach der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht auf ihrer Flucht ĂŒber die Sowjetunion in den Iran gelangt waren.[98] Hans Beyth und Henrietta Szold setzten sich bei der Jewish Agency for Israel dafĂŒr ein, dass die Weiterreise der Kinder und Jugendlichen nach PalĂ€stina unter der Obhut der Kinder- und Jugend-Alija erfolgte. Auf ihr Betreiben hin wurden nach dem Eintreffen der Kinder am 18. Februar 1943 im Internierungslager Atlit im Norden PalĂ€stinas 11 Camps eingerichtet, in denen sich die Kinder und Jugendlichen erholen konnten und betreut wurden. Die Teheran Kinder waren die gröĂte Gruppe von Holocaust-Ăberlebenden, die wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs in PalĂ€stina ankamen.[99]
Nach Kriegsende kam fĂŒr viele Kinder die traurige Gewissheit. Nur eines von zehn Kindern fand seine Eltern wieder, die Spuren der Eltern von ĂŒber 9.000 Kindertransport-Kindern verloren sich im KZ Auschwitz, dem KZ Theresienstadt und anderen Vernichtungslagern.[100][101][102][103][104] Bittere âIronieâ der Geschichte: Adolf Hitler wurde mit 12 Jahren durch den Tod seines Vaters Alois Hitler selbst eine Halbwaise.
Der Machtantritt Hitlers hatte auch im fernen Brasilien seine politischen Auswirkungen. 1933, 45 Jahre nach dem dortigen Ende der Sklaverei, wurden 50 Waisenkindern aus Rio de Janeiro auf Farmen gelockt und anschlieĂend versklavt. Die BrĂŒder Rocha Miranda, AnhĂ€nger des Brasilianischen Integralismus und Mitglieder einer der angesehensten Familien im Land, zwangen die Waisenkinder im Alter von 10 bis 12 Jahren, unter dem Hakenkreuz und der Fahne der Integralisten auf ihren Farmen als nummerierte Sklaven ohne Namen zu arbeiten. Geplant war, weitere hundert Jungen aus dem Waisenheim in Rio de Janeiro zu holen. Die Genehmigung dafĂŒr wurde letztendlich verweigert. Die Kindersklaven wurden noch bis Anfang der vierziger Jahre auf den Farmen festgehalten und dann in die Freiheit entlassen.[105]

In den 1930er- und 1940er-Jahren stellten die Lebensbornheime wĂ€hrend der Zeit des Dritten Reiches eine besondere Form von Betreuung fĂŒr Waisen dar. Das Ziel war es, auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenhygiene und Gesundheitsideologie die Erhöhung der Geburtenziffer âarischerâ Kinder herbeizufĂŒhren. Dies sollte durch anonyme Entbindungen und Vermittlung der Kinder zur Adoption â bevorzugt an Familien von SS-Angehörigen â erreicht werden. In den NĂŒrnberger Prozessen sah man in den Lebensbornheimen der Nationalsozialisten ein rein soziales Netzwerk fĂŒr Waisen und uneheliche Kinder.[106][107] Am 5. November 1943 erteilte Hitler die Weisung, das Kriegswaisen nicht mehr in WaisenhĂ€usern, sondern in Heimschulen, Kinderheimen der NSV und Heimen des Lebensborns zu erziehen sind. Es sollte sichergestellt werden, dass die Waisen ausschlieĂlich in Obhut des Staates (unter anderem in Adolf-Hitler-Schulen, Napola) und nicht von Verwandten erzogen werden.[108][109]
ââWas an gutem Blut ĂŒberhaupt auf der Welt vorhanden ist, an germanischem Blut, das haben wir zusammen zu holenâ. âŠâ
Das hatte SS-FĂŒhrer Heinrich Himmler 1942 auf einer Tagung erklĂ€rt. Von der SS-Organisation Lebensborn wurden unter anderem in Polen, Slowenien, Tschechien, Norwegen und der Sowjetunion ârassisch wertvolleâ Kinder mit dem Ziel, sie âeinzudeutschenâ, aus ihren Herkunftsfamilien geraubt. Viele Opfer wissen bis heute nicht, woher sie kommen und wer ihre wahren Eltern sind. Als Kinder wurden sie mit einer neuen IdentitĂ€t versehen. Wie viele Kinder von der SS verschleppt wurden, lĂ€sst sich nur schwer ermitteln, weil die meisten Unterlagen gegen Kriegsende vernichtet wurden und fundierte wissenschaftliche Untersuchungen bislang fehlen. So geht man unter anderem in Polen davon aus, dass es zwischen 50.000 und 200.000 Kinder waren.[110]
1942 teilte das Reichssicherheitshauptamt die Eröffnung eines so genannten Jugendverwahrlagers im besetzten ĆĂłdĆș in Polen mit. Die Einrichtung sei als reines Arbeitslager gedacht, so der Leiter des Amtes Reinhard Heydrich. In das Jugendverwahrlager, was de facto ein Kinder- und Jugendkonzentrationslager war, kamen polnische Kinder bereits ab dem zweiten Lebensjahr, die sich unter anderem auf der StraĂe herumtrieben, weil man ihre Eltern erschossen hatte oder den Vater zur Zwangsarbeit nach Deutschland geholt hat. Es wird angenommen, dass mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche im Lager waren und davon etwa ein Drittel darin umkamen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt.[111]
Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler wurden 46 Kinder und Jugendliche der WiderstandskĂ€mpfer von der Gestapo verschleppt und in das Kinderheim im Borntal in Bad Sachsa gebracht. Geplant war, bis zu 200 Kinder und Jugendliche in Bad Sachsa zu internieren. Sie wurden ihrer IdentitĂ€t beraubt und bekamen neue Namen. SpĂ€ter sollten die jĂŒngeren Kinder zur Adoption in SS-Familien freigegeben werden und die Ă€lteren Kinder in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten untergebracht werden. Ziel war eine komplette Umerziehung der Kinder fĂŒr âFĂŒhrer, Volk und Vaterlandâ.[112]
Eine Reihe von jĂŒdischen Holocaust-Waisen ĂŒberlebten die Shoah, weil ihre Eltern sie wĂ€hrend des Krieges in Institutionen der katholischen Kirche brachten, um sie zu retten. Die katholische Kirche nahm in Polen und Frankreich, tausende Kinder in Klöstern, Konventen oder in privaten Familien auf. Das Leben der Waisen wurde auf diese Weise gerettet. Nach dem Ende des Krieges blieb fĂŒr viele Waisen ihre wahre IdentitĂ€t unklar. Mit dem EinverstĂ€ndnis von Papst Pius XII., sollten die Kinder insbesondere, wenn sie zwischenzeitlich getauft wurden, nicht an etwaige Familienmitglieder oder an jĂŒdische Einrichtungen zurĂŒckgegeben werden. Die Kinder verblieben in Klöstern, Institutionen oder in Adoptivfamilien und wurden katholisch aufgezogen. Sie erhielten einen neuen Namen und eine christliche IdentitĂ€t. Etliche von ihnen wurden spĂ€ter katholische Priester wie zum Beispiel der spĂ€tere Pariser Erzbischof und Kardinal Jean-Marie Lustiger, Mönche oder Nonnen. Die genaue Anzahl der Betroffenen wurde nicht bekannt. Beim Besuch von Papst Benedikt XVI. in Israel im Jahr 2009 versuchten jĂŒdische Organisationen, den Vatikan zur AufklĂ€rung der Schicksale von verschollenen Holocaust-Waisen zu bewegen. Die wissenschaftlich Aufarbeitung dazu war auch 70 Jahre spĂ€ter noch nicht abgeschlossen und wenig bekannt.[113][114][115]
Bei den beiden AtombombenabwĂŒrfen auf Hiroshima und Nagasaki in Japan verloren am 6. und 9. August 1945 und in der Folgezeit tausende Kinder ihre Eltern und wurden Waise. Diese Kinder nannte man spĂ€ter Atom-Waisen.[116][117] Am Ende des Zweiten Weltkrieges zĂ€hlte man kriegsbedingt weltweit ca. 20 Millionen Halbwaisen und Waisen.[118]
1945â1970
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellte sich in den kriegsbeteiligten LĂ€ndern die Frage nach der Unterbringung und Versorgung der verwaisten und verlassenen Kinder. Dabei gingen die einzelnen LĂ€nder ganz unterschiedliche Wege. In der ungarischen Hauptstadt Budapest wurde 1945 vom lutherischen Pastor GĂĄbor Sztehlo die selbst verwaltete Kinder- und Jugendrepublik Gaudiopolis gegrĂŒndet. Die Kinder sollten durch Beteiligungen wie zum Beispiel eine eigene Verfassung, WĂ€hrung, der EinfĂŒhrung einer Zeitung sowie die Ernennung von eigenen Richtern und Polizisten ihr Leben selbstĂ€ndig meistern und selbstkritisch soziale Grenzen ĂŒberwinden. 1951 wurde die Verstaatlichung der Republik vom kommunistischen Diktator MĂĄtyĂĄs RĂĄkosi angeordnet.[119]
Hauptanliegen des österreichischen PĂ€dagogen Hermann Gmeiners war es, diesen Kindern ein neues Zuhause zu geben. 1949 folgte die GrĂŒndung des Vereins SOS-Kinderdorf mit der Errichtung des ersten SOS-Kinderdorfes in Imst in Tirol 1951. Als Vorbild diente das hauptsĂ€chlich fĂŒr Kriegswaisen 1944 bis 1946 entstandene Schweizer Kinderdorf in Trogen AR, das nach dem Schweizer Philanthropen und PĂ€dagogen Pestalozzi âKinderdorf Pestalozziâ benannt wurde.[120] Bei der Umsetzung kam ein Konzept der Diakonisse Eva von Tiele-Winckler aus dem 19. Jahrhundert zum Tragen. Es wurden nach Alter und Geschlecht gemischte Gruppen gebildet und von HausmĂŒttern geleitet.[121] In der UdSSR wiederum wurde versucht, das Anliegen der Unterbringung, Versorgung und Erziehung der Waisen generell staatlich gelenkt zu lösen.

In den Jahren zwischen 1944 und 1959 wurden in Kanada durch die Regierung von Maurice Duplessis in der Provinz QuĂ©bec Tausende, oft unehelich geborene, Kinder von ihren Eltern getrennt und in die Obhut kirchlicher und staatlicher Waisenheime gegeben. Es galt, diese Kinder als âgesellschaftliche Fehltritteâ zu verstecken. Die Heime wurden gröĂtenteils von der Provinzregierung finanziert. Dort wurden sie ĂŒber viele Jahre als billige ArbeitskrĂ€fte benutzt, sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt. Einige von ihnen wurden fĂŒr geisteskrank erklĂ€rt und in psychiatrische Anstalten abgeschoben oder die Heime selbst, wurden in psychiatrische Anstalten umgewandelt und die darin untergebrachten Waisen fĂŒr geisteskrank erklĂ€rt. Der Grund dafĂŒr war der höhere Pflegesatz, der fĂŒr geistig behinderte Kinder von der Regierung gezahlt wurde. Man benutzte sie als Versuchskaninchen fĂŒr Medikamente â manchmal mit tödlichem Ausgang.[122]
Ăber ein sĂŒdafrikanisches Adoptionsunternehmen sollten ab 1948 tausende deutsche Waisenkinder, darunter viele Kriegswaisen, nach SĂŒdafrika vermittelt werden. Eine Kinderpsychologin brach im gleichen Jahr nach Deutschland auf und wĂ€hlte die ersten 83, andere Quellen berichten von 87,[123] Kinder aus WaisenhĂ€usern aus. Hunderte von Burenfamilien, ebenso wie der Premierminister Daniel François Malan bewarben sich um die Kinder. Hinter dieser Initiative stand ein privates Adoptionsunternehmen, gegrĂŒndet von rechtsgerichteten Buren. Ihr Auswahlkriterium war die sogenannte âRasseâ. Das âarische Blutâ sollte der burischen Minderheit in SĂŒdafrika helfen, âweiĂ zu bleiben in einem schwarzen Landâ. âIsoliert die Kinder, trennt die Geschwister voneinander und schneidet sie von ihrer Vergangenheit abâ, das war das Motto des Dietse-Kinderfonds, der die Sammeladoption unter kirchlicher BĂŒrgschaft durchfĂŒhrte. Die Kinder wurden von ausgewĂ€hlten burischen Familien adoptiert. Das eigentliche Ziel des Programms kannten die MinderjĂ€hrigen nicht.[124]
1950 grĂŒndete Mutter Teresa, die mit 8 Jahren durch den Tod ihres Vaters selbst eine Halbwaise wurde, auf dem indischen Subkontinent in Kalkutta die Gemeinschaft der Missionarinnen der NĂ€chstenliebe. Die Ordensgemeinschaft kĂŒmmert sich um Sterbende, Waisen, Obdachlose und Kranke. FĂŒr ihre Verdienste erhielt sie dafĂŒr 1979 den Friedensnobelpreis und wurde unter Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. In der katholischen Kirche wird sie als Heilige verehrt. Heute ist die von ihr gegrĂŒndete Ordensgemeinschaft in 133 LĂ€ndern aktiv.[125]
FĂŒr mindestens 150.000 britische Kinder, die zwischen den 1920er- und 1960er-Jahren in Ex-Kolonien wie Australien oder Kanada verfrachtet wurden, entpuppte sich die Fahrt als Alptraum. Die britischen Behörden wollten sich eine teure Last vom Hals schaffen. Die Kinder kamen teils aus WaisenhĂ€usern und Jugendheimen, noch öfter aus mittellosen oder zerrĂŒtteten Familien. Den Eltern wurde weisgemacht, ihre Kinder wĂŒrden anderswo im Lande adoptiert, dĂŒrften sich auf ein âbesseres Lebenâ freuen. Den Kindern erzĂ€hlte man, sie gingen auf eine tolle Reise oder ihre Eltern seien gestorben. In Wirklichkeit fĂŒhrte GroĂbritannien die ahnungslosen Drei- bis VierzehnjĂ€hrigen einem grausamen Schicksal zu. Zahllose Kinder mussten auf Bauernhöfen als unbezahlte Arbeiter schuften, von ihren neuen âBesitzernâ drakonisch behandelt. Andere wurden in Heimen missbraucht. Erst 1967 wurde das Kinder-Auswanderungs-Programm beendet, das London mit den Commonwealth-Staaten ausgehandelt hatte. Besonders Australien wollte sich mit âweiĂem Menschenschlagâ, Erbgut aus dem Mutterland, versorgen. Ein ehemaliger Erzbischof von Perth begrĂŒĂte die Kinder mit den Worten: âWillkommen in Australien â wir brauchen euch zum Erhalt der weiĂen Rasse.â[126]
Im Koreakrieg (1950â1953) kam es durch Kampfhandlungen, Massakern, Verschleppung von erwachsenen MĂ€nnern und Frauen oder Flucht zum Verwaisen von hunderttausenden Kindern und Jugendlichen.[127] Nach dem Krieg gab es darĂŒber hinaus vergleichsweise viele Waisen aus Verbindungen amerikanischer Soldaten mit Koreanerinnen auf der koreanischen Halbinsel. Seit dem Ende des Kriegs wurden offiziell mehr als 150.000 Kinder aus Korea ins Ausland adoptiert[128]; die Zahl der inoffiziell adoptierten Kinder ist nicht dokumentiert, wird unterschiedlichen Quellen nach mit mehr als 50.000 angenommen. Noch lange nach dem Krieg, wurden jedes Jahr tausende Kinder aus SĂŒdkorea ins Ausland nach Westeuropa und die USA vermittelt. Unverheiratete und partnerlose MĂŒtter entgingen durch die Freigabe ihrer Kinder zur Adoption der gesellschaftlichen Ausgrenzung, andere sahen sich aus finanziellen GrĂŒnden gezwungen, sich von ihren Kindern zu trennen. Agenturen ĂŒbernahmen die Vermittlung der Kinder. Adoptionen aus Korea wurden so auch zu einem GeschĂ€ftsmodell.[129] Ăber 5.000 nordkoreanische Waisenkinder wurden durch die Methode Auftragserziehung im Auftrag des Staatschef Kim Il-sung (selbst Halbwaise) in den 50er Jahren fĂŒr einige Jahre in osteuropĂ€ische LĂ€nder wie Polen, Ungarn oder die DDR verschickt. Sie lernten in örtlichen Schulen und wurden meist in WaisenhĂ€usern untergebracht, einige wenige in Familien. WĂ€hrend einer Osteuropareise besuchte Kim Il-sung 1956 einige der Waisenkinder. Mit der beginnenden Chuchâe-Ideologie wurden die Kinder 1959 abrupt nach Nordkorea zurĂŒckgeholt. Ăber ihr weiteres Schicksal ist sehr wenig bekannt geworden.[130][131]
In den Jahren von 1958 bis 1961 wurde in China versucht, initiiert von Mao Zedong, in der Kampagne GroĂer Sprung nach vorn den wirtschaftlichen RĂŒckstand des Landes zu den westlichen IndustrielĂ€ndern aufzuholen und die Ăbergangsperiode zum Kommunismus deutlich zu verkĂŒrzen. 1961 wurde die Kampagne nach ihrem offensichtlichen Scheitern abgebrochen. Millionen Menschen fielen dieser Kampagne zum Opfer. Landesweit verwaisten Kinder, ihre Arbeitskraft wurde wĂ€hrend der Kampagne ausgebeutet oder sie wurden in den WaisenhĂ€usern schwer misshandelt. Allein in der Provinz Sichuan gab es unter der lĂ€ndlichen Bevölkerung 180.000 bis 200.000 Waisen.[132]
1971â2000
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ab den 1970er-Jahren wurden die SĂ€uglingsheime fĂŒr Waisen unter 3 Jahren vielerorts nach und nach geschlossen, in der Schweiz Ende der 1960er-Jahre, in Deutschland-West Mitte der 1970er-Jahre und in Deutschland-Ost Anfang der 1990er-Jahre. GrĂŒnde dafĂŒr waren unter anderem Erkenntnisse aus der SĂ€uglings- und Kleinkindforschung, Veröffentlichungen von Filmaufnahmen aus den Heimen sowie öffentliche Proteste. Heute findet man diese Form der Einrichtung als Kleinsteinrichtung (auch als âSĂ€uglingsnestâ bezeichnet, 10â15 PlĂ€tze)[133] in IndustrielĂ€ndern. In osteuropĂ€ischen LĂ€ndern oder in LĂ€ndern der Dritten Welt ist das klassische SĂ€uglingsheim oder Waisenhaus fĂŒr Waisen im Kleinstkindalter noch anzutreffen.
Im Vietnamkrieg (1955 bis 1975) versprach der amerikanische Luftwaffengeneral Curtis E. LeMay, Vietnam in die Steinzeit zurĂŒckzubomben.[134] Bilanz des Krieges unter anderem: 800.000 Waisen, 1.000.000 KrĂŒppel und 3.000.000 Tode. GroĂe Teile der Umwelt wurden zerstört und verseucht. 14.000.000 Tonnen Bomben und Granaten fielen auf Vietnam â dreimal so viel wie auf alle LĂ€nder im Zweiten Weltkrieg.[135] Am 3. April 1975 gab der US-PrĂ€sidenten Gerald Ford in der Operation Babylift seine Zustimmung, ĂŒber 3.000 vietnamesische Waisenkinder aus dem belagerten Saigon auszufliegen. 2.000 Kinder wurden in die USA geflogen, weitere 1.300 nach Kanada, Europa und Australien. Dort wurden sie von Familien in den jeweiligen LĂ€ndern adoptiert.[136][137] Ab 1972 begannen die USA, auch das Nachbarland Kambodscha an der Grenze zu Vietnam zu bombardieren. Es war der Versuch, den Nachschub der nordvietnamesischen KĂ€mpfer im SĂŒden Vietnams zu unterbinden. Die rund 2,4 Millionen Bomben trafen, neben Truppenansammlungen, insbesondere Zivilisten. Das fĂŒhrte dazu, dass die bis dahin unbedeutenden kommunistischen Roten Khmer, massenhaft jugendliche Waisen rekrutieren konnten. Diese âWaisensoldatenâ wurden die glĂ€ubigsten und rĂŒcksichtslosesten AnhĂ€nger ihres AnfĂŒhrers Pol Pot. Der nachfolgende Völkermord im Land fĂŒhrte zur Ermordung von 1,6 Millionen oppositionellen Kambodschanern.[138]
In der DDR kam es durch politisch motivierte Zwangsadoptionen zum Verwaisen von Kindern. SpĂ€testens ab Mitte der 1970er-Jahre wurden Kinder, deren Eltern als âpolitisch unzuverlĂ€ssigâ eingestuft worden waren, zur Zwangsadoption freigegeben. Den Eltern, die wegen einer Flucht aus der DDR verhaftet worden waren oder die AusreiseantrĂ€ge gestellt hatten, wurden die Kinder entzogen. Viele sahen ihre Söhne und Töchter erst nach der Wiedervereinigung von Deutschland wieder. Wie viele FĂ€lle von Zwangsadoptionen es gegeben hat, ist bis heute nicht völlig geklĂ€rt.[139]
In Argentinien gehört der Raub von Babys und Kindern zu den gröĂten Verbrechen, die sich wĂ€hrend der argentinischen MilitĂ€rdiktatur von 1976 bis 1983 ereigneten. Nachdem man ihre Eltern getötet hatte, wurden die Waisen als Kriegsbeute von Menschen aufgezogen, die der Diktatur nahestanden. Nur etwa 100 dieser Kinder haben bis heute von ihrer wahren IdentitĂ€t erfahren. Von 400 weiteren fehlt trotz aller BemĂŒhungen von Verwandten und den suchenden GroĂmĂŒttern der Plaza de Mayo bislang jede Spur.[140]
Der sĂŒdkoreanische Machthaber Park Chung-hee rief 1975 zur Reinigung des Landes von âHerumtreibernâ auf. Obdachlose, Dissidenten und Kinder wurden weggesperrt, missbraucht und getötet â besonders viele in den Jahren vor den Olympischen Spielen in Seoul 1988. Landesweit gab es 36 Einrichtungen in ganz SĂŒdkorea, in denen UnerwĂŒnschte untergebracht wurden. Einige Heime, unter anderem das ehemalige Waisenhaus namens BrĂŒderheim unweit von Busan, glichen eher einem Zwangslager als einem Heim. Allein in diesem Heim waren 4.000 Insassen untergebracht, die Zwangsarbeit in 20 Fabriken verrichteten und daneben Missbrauch, Vergewaltigungen oder den Tod fĂŒrchten mussten. 90 % von ihnen hĂ€tten nicht einmal dort sein dĂŒrfen, weil sie nicht unter die von der Regierung vorgegebene Definition von âHerumtreibernâ fielen. Aus den Dokumenten lĂ€sst sich entnehmen, dass die Zahl der Insassen 1986 auf mehr als 16.000 anstieg. Die Nachrichtenagentur AP erfuhr in Interviews mit Opfern, Zeugen, Ermittlern und aus zugĂ€nglichen Regierungsdokumenten von Hunderten TodesfĂ€llen und Vergewaltigungen, fĂŒr die auch zwei Jahre vor den Olympischen Spielen in SĂŒdkorea 2018 in Pyeongchang niemand zur Verantwortung gezogen worden ist.[141][142]
In Angola kam es am 27. Mai 1977, unter der neuen regierenden Movimento Popular de Libertação de Angola mit dem PrĂ€sidenten Agostinho Neto und kubanischer UnterstĂŒtzung, zu einem Massaker an Zivilisten. Tausende, darunter viele junge Intellektuelle und Parteiaktivisten des Landes, wurden inhaftiert, gefoltert und getötet. Die Regierung sprach von 300 Toten. Amnesty International zufolge starben 30.000 Menschen bei der SĂ€uberung. Im Januar 2018 grĂŒndeten die Waisen der Ermordeten die Waisenvereinigung M27. Sie fordern, dass die Ăberreste ihrer Eltern geborgen und Sterbeurkunden ausgestellt werden. Sie wollen eine Liste aller Ermordeten, ein Denkmal zu ihren Ehren und die Veröffentlichung der Wahrheit. Im April 2019 setzte der neue PrĂ€sidenten JoĂŁo Lourenço eine Kommission ein, die sich mit allen politischen Gewalttaten seit der UnabhĂ€ngigkeit im Jahr 1975 befasst.[143]
In China wurde die Ein-Kind-Politik 1979 eingefĂŒhrt, um zu verhindern, dass die Bevölkerung im Land zu schnell wĂ€chst. Ungewollter Nachwuchs wurde in âHĂ€usern der Wohlfahrtâ (rund 1.200 WaisenhĂ€user und 74 Kinderdörfer) weggesperrt. Die Opfer dieser Politik wurden von ihren Eltern ausgesetzt, weil sie behindert, entstellt, krank waren oder auch nur, weil sie als MĂ€dchen auf die Welt kamen. Viele dieser Findelkinder und Waisen starben vor Hunger oder aus Mangel an Ă€rztlicher Betreuung. In sogenannten Sterbezimmern lieĂ man sie in ĂŒberfĂŒllten, abgedunkelten RĂ€umen verdrecken, verkommen und verhungern.[144] 2015 erklĂ€rte die Regierung das offizielle Ende von dieser Politik.[145][146]

Mitte der 1980er-Jahre fĂŒhrten zwei Industriekatastrophen in Indien (Katastrophe von Bhopal) und der Ukraine (Nuklearkatastrophe von Tschernobyl) zu Tausenden Opfern und im gröĂeren Umfang zum Verwaisen von Kindern, ein Umstand, der durch die SpĂ€tfolgen der Katastrophen Jahre spĂ€ter noch anhĂ€lt.[147]
Von politischer Brisanz war in der Wendezeit der DDR und bei der deutschen Wiedervereinigung 1989/1990 der Umstand, dass das Ministerium fĂŒr Staatssicherheit (MfS) entwurzelte Menschen, Waisen und Heimkinder, gern als inoffizielle Mitarbeiter (IM) anwarb und diese als Spitzel fĂŒr sich arbeiten lieĂ. Enttarnt wurden unter anderem der Vorsitzende der Partei Demokratischer Aufbruch Wolfgang Schnur und der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) Ibrahim Böhme.[148] Die Ăffnung der Berliner Mauer, verbunden mit dem Weggang vieler BĂŒrger in den âWestenâ, fĂŒhrte anderseits dazu, dass einige ihre Kinder in der DDR zurĂŒcklieĂen. Deren genaue Anzahl ist nicht erhoben worden.[149]
Im Jahr 1993 kam es zu einem historischen Handschlag zwischen den 3 Halbwaisen US-PrĂ€sident Bill Clinton, dem israelischen MinisterprĂ€sidenten Jitzchak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat vor dem WeiĂen Haus in Washington, D.C. Er markierte fĂŒr die Ăffentlichkeit den Beginn des âOsloer Friedensprozessesâ. Im Nahen Osten sollte eine âZweistaatenlösungâ ein friedliches Nebeneinander Israels und PalĂ€stinas ermöglichen. Arafat, Rabin und Schimon Peres wurden dafĂŒr 1994 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die Umsetzung des Abkommens ist bis heute, eine Idee geblieben.[150]
2001 â Gegenwart
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei den in den USA vom islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida geplanten und mit FlugzeugentfĂŒhrungen und -abstĂŒrzen ausgefĂŒhrten TerroranschlĂ€gen am 11. September 2001, verloren rund zehntausend Kinder ihre Mutter, ihren Vater oder beide Eltern.[151] SpĂ€ter nannte man sie die 9/11 Waisen.[152] Ironie der Geschichte: der GrĂŒnder des Netzwerkes Osama bin Laden wurde durch den Flugzeugabsturz seines Vaters selbst eine Halbwaise.
Adoptionsverfahren fĂŒr Waisen werden in der Gegenwart in den einzelnen LĂ€ndern sehr unterschiedlich geregelt oder unterliegen mitunter einer willkĂŒrlichen Anwendung, wie zum Beispiel in Russland.[153] Immer wieder sorgen Adoptionen von Waisenkindern durch Prominente wie Sandra Bullock, Steven Spielberg, Hugh Jackman oder Angelina Jolie und Brad Pitt fĂŒr Aufsehen. Die SĂ€ngerin Madonna, die durch den Tod ihrer Mutter als 5-JĂ€hrige selbst eine Halbwaise wurde, adoptierte vier Waisen aus Malawi.[154]
2001 erhob PrĂ€sident Wladimir Putin Patriotismus und Wehrhaftigkeit zu Pflichtkursen an Schulen in Russland, um das SelbstwertgefĂŒhl der jungen Generation zu stĂ€rken. Seit dieser Zeit kam es zu NeugrĂŒndungen von Kadettenanstalten. Ein GroĂteil der Kadetten wird von Alleinerziehende oder kinderreiche Familien in die Obhut der Anstalten gegeben. Viele von ihnen wurden durch den Ersten und Zweiten Tschetschenienkrieg oder die Sowjetische Intervention in Afghanistan zu Waisen oder Halbwaisen.[155] Pirjo Honkasalo griff das Thema in ihrem 2004 auf den Filmfestspielen in Venedig gezeigten Dokumentarfilm The 3 Rooms of Melancholia (Melancholian 3 huonetta) von verwaisten Marinekadetten in Kronstadt auf. In dem Film werden sie unter anderem den Kriegswaisen aus Tschetschenien gegenĂŒbergestellt.[156]
Immer wieder werden Kinder aus WaisenhĂ€usern Opfer sexueller Gewalt, so unter anderem auf der Kanalinsel Jersey.[157] FĂŒr Aufsehen sorgte der 2002 bekanntgewordene Casa-Pia-Missbrauchsskandal in Portugal. Der bis dato gröĂte Justizprozess in der Geschichte Portugals erregt auch wegen der Prominenz der Verurteilten besondere Aufmerksamkeit. Die Opfer waren MinderjĂ€hrige des staatlichen Waisenhauses Casa Pia in Lissabon.[158]
Seit dem Beginn des Drogenkrieges in Mexiko 2006 wurden tausende Kinder und Jugendliche zu Waisen. SchÀtzungen gehen davon aus, dass allein im Bundesstaat Chihuahua 10.000 bis 20.000 und in Mexiko bis zu 50.000 Kinder und Jugendliche verwaisten, viele davon in der Stadt Ciudad Juårez. Ein Ende des Krieges zeichnet sich auch im Jahr 2020 nicht ab und damit auch nicht die Zahl der Drogenwaisen.[159][160]
Auf den Philippinen wurden durch den verheerenden Taifun Haiyan 2013, allein in der Provinz Leyte, tausende von Kindern zu Waisen, weil ihre Familienangehörigen ums Leben kamen. Weltweit wurde zur schnellen und dringenden Hilfe fĂŒr die betroffenen Kinder aufgerufen, damit sie nicht in die HĂ€nde von MenschenhĂ€ndlern fielen.[161]
2014 werden in den westafrikanischen Staaten Liberia, Guinea oder Sierra Leone Tausende Kinder durch das Ebolavirus zu Waisen. Aus Sorge vor Ansteckung werden sie hĂ€ufig gemieden und sich selbst ĂŒberlassen.[162]

In China werden Waisenkinder von Hingerichteten verstoĂen. Das bedeutet, dass ein Kind fĂŒr das Verbrechen seiner Eltern stigmatisiert und fĂŒr den Rest seines Lebens ausgestoĂen bleibt. Die Anzahl an Hinrichtungen in China ist ein Staatsgeheimnis.[163][164] SchĂ€tzungen gehen von mehreren Tausend pro Jahr aus.[165] Damit werden in China mehr Todesurteile als in allen anderen LĂ€ndern der Welt zusammen vollstreckt.[166] Sobald ihre VĂ€ter oder MĂŒtter hingerichtet wurden, haben die Waisen meistens niemanden mehr, der sich um sie kĂŒmmert. Nach einer Verurteilung verschlieĂen sich auch die TĂŒren der Verwandtschaft. Zu groĂ ist die empfundene Schande. Die Gesellschaft ignoriert die Kinder von Verbrechern, sie haben ihr Leben lang unter den Fehlern der Erwachsenen zu leiden. Nicht selten streunen sie herum, werden selbst kriminell, enden auf der StraĂe als Bettler, Diebe oder Tagelöhner.[167]
Die Löwenjungen des Kalifats wurden die jĂŒngsten KĂ€mpfer des IS genannt. Ihre Herkunft ein Mix, einerseits von Kindern und Jugendlichen auslĂ€ndischer Dschihadisten sowie einheimischen KĂ€mpfern und andererseits aus Verschleppungen sowie Waisen. Der IS versprach ihnen ein sicheres Auskommen. SchĂ€tzungen gingen im Jahr 2016 von rund 1.500 Jungen aus, die dem IS im Irak und in Syrien dienten. Ihr Auftrag: SelbstmordanschlĂ€ge, erschieĂen oder enthaupten von Gefangenen.[168] Im Jahr 2019 kam es in einigen europĂ€ischen LĂ€ndern, unter anderem in Deutschland, Schweden und Frankreich, zu öffentlichen Diskussionen ĂŒber die Aufnahme von IS Waisenkindern aus Syrien. Einige GroĂeltern, deren Kinder als Dschihad-KĂ€mpfer fĂŒr den IS gefallenen sind, reichten Klage vor den zustĂ€ndigen Gerichten ein und wollen die Aufnahme ihrer Enkelkinder erreichen.[169]
Auch in anderen Krisengebieten der Erde, unter anderem in SĂŒdamerika, Asien oder Afrika, werden verwaiste Jungen und MĂ€dchen immer wieder als Kindersoldaten rekrutiert, wie zum Beispiel der spĂ€tere Musiker Emmanuel Jal.[170][171] KĂŒnstlerisch wurde das Thema unter anderem in dem frankokanadischen Spielfilm Die Rebellin verarbeitet.
Sozialwaise
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Eine Sozialwaise ist ein Kind, um das sich weder Eltern noch Verwandte kĂŒmmern.[172] Soziale Verwaistheit ist ein Zustand, der durch Nichtwahrnehmung elterlicher Pflichten gegenĂŒber dem minderjĂ€hrigen Kind verursacht wird. Sozialwaisen verlieren infolge diverser sozialer, wirtschaftlicher, moralischer und psychischer Ursachen ihre Eltern und werden zu Waisen bei leiblichen Eltern, die noch am Leben sind.
Begriffliche Einordnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Heutzutage gibt es keine festgelegten Definitionen und Beurteilungen dieser Kategorie der Kinder. Massenmedien, psychologische und pĂ€dagogische Arbeiten sowie Sozialbefragungen verwenden folgende Termini: obdachlose Kinder, Nichtbetreute, StraĂenkinder, Sozialwaisen, minderjĂ€hrige Risikogruppen und andere.
UNICEF zÀhlt folgende Gruppen zu den Sozialwaisen:
- Kinder, die keinen Kontakt zu ihren Familien halten und in Zufluchtsorten leben;
- Kinder, die Kontakt zu ihren Familien halten und wegen Armut, Ausnutzung und Missbrauch in der Familie untertags und nachts auf der StraĂe leben;
- Kinder, die in Heimen aufgewachsen sind, diese aus vielen GrĂŒnden verlassen haben und auf der StraĂe leben.
Durch die Sensibilisierung ĂŒber die Folgen einer Heimbetreuung von Sozialwaisen in den ersten Lebensjahren (wie psychischer Hospitalismus oder Deprivation) versuchte man vermehrt ab den 1970er-Jahren (in den westlichen LĂ€ndern) die Entwicklungschancen von Sozialwaisen durch die Aufnahme in Pflegefamilien oder SOS-Kinderdörfer zu verbessern.[173]
In den Fachdiskursen der PĂ€diatrie, Sozialmedizin, Psychologie, Sozialarbeit und PĂ€dagogik finden die Auswirkungen der sozialen Verwaistheit seit den 1990er-Jahren kaum oder keine Beachtung mehr.
Gegenwart
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine dramatische Zunahme der Sozialwaisen ist insbesondere nach der politischen Wende in vielen LĂ€ndern des ehemaligen Ostblocks zu beobachten. Insgesamt schĂ€tzt UNICEF im Jahr 2012 allein in der Ukraine die Zahl der StraĂenkinder auf rund 100.000. Sie sind Gewalt, sexueller Ausbeutung und HIV-Infektionen schutzlos ausgesetzt. Bei Befragungen berichteten viele dieser Heranwachsenden, dass sie sich prostituieren mĂŒssen. Rund 100.000 MĂ€dchen und Jungen leben in Heimen. Die meisten dieser Kinder sind Sozialwaisen. Das bedeutet, dass Eltern ihre Kinder aus Not oder Ausweglosigkeit einem Heim ĂŒberlassen.[174]
AIDS-Waise
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Als AIDS-Waisen werden solche Kinder bezeichnet, die ihre Eltern aufgrund des HI-Virus verloren haben und vorrangig in afrikanischen LĂ€ndern wie SĂŒdafrika oder Simbabwe[175] (siehe HIV/AIDS in Afrika) vorkommen. Pro Jahr werden ca. 70.000 Kinder durch AIDS zu Waisen.[176] Gemessen an der Gesamtbevölkerung hatte das Königreich Swasiland (heute Eswatini) 2014 mit 27,7 % den weltweit höchsten Anteil an Aids-Infizierten.[177] 2008 waren in dem Königreich 120.000 Kinder AIDS-Waisen, ca. 10 % der Gesamtbevölkerung.[178]
2004 stieg die Zahl der AIDS-Waisen weltweit auf 15 Millionen. Viele weitere Kinder und Jugendliche leben mit kranken oder sterbenden Eltern, werden ausgegrenzt und seien damit wiederum anfĂ€lliger fĂŒr Infektionen mit dem Aidsvirus, heiĂt es in dem auf der Weltaidskonferenz in Bangkok vorgestellten Bericht der Vereinten Nationen: âKinder am Rande des Abgrundsâ.[179]
Die Zahl der AIDS-Waisen in Afrika steigt weiter â selbst in LĂ€ndern, in denen die ImmunschwĂ€che inzwischen erfolgreich bekĂ€mpft wird. Bis 2010 werden auf dem Kontinent voraussichtlich 15,7 Millionen ihre Mutter, ihren Vater oder beide Eltern verloren haben. HĂ€ufig mĂŒssen die Kinder ihre erkrankten Eltern allein bis zum Tode pflegen. Weltweit leben in Asien die meisten AIDS-Waisen, wenngleich die Zahl der bekannten FĂ€lle seit 1990 rĂŒcklĂ€ufig ist, gefolgt von Afrika und Lateinamerika.[180]
Kriegswaise
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Als Kriegswaise wird ein Kind eines im Krieg gefallenen Soldaten bezeichnet.[181] Im weiteren Sinne gelten auch Kinder, die einen oder beide Elternteile durch Kriegshandlungen verloren haben, als Kriegswaisen.
Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Zweiten Weltkrieg waren zehntausende Kinder allein unterwegs â sie waren traumatisiert, ausgehungert und hĂ€ufig schwer krank. Viele dieser Kriegswaisen kamen in Mecklenburg-Vorpommern an, einem wichtigen Durchgangsort fĂŒr die FlĂŒchtlinge aus den Ostgebieten. Allein 1945 waren dort 30.000 elternlose FlĂŒchtlings- und Vertriebenenkinder registriert. Der Strom der Kriegswaisen endete in den Jahren nach dem Krieg nicht: An einem einzigen Tag im Mai 1947 kamen in Pasewalk in Vorpommern 3.000 Kinder aus OstpreuĂen an.[182]
Tausende von deutschen Kriegswaisen waren nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen OstpreuĂen und dem Baltikum unterwegs. Viele, die spĂ€ter als Erwachsene in Polen, Litauen, Lettland oder Estland lebten, nahmen eine falsche IdentitĂ€t an â man gab ihnen den Namen Wolfskinder.[183][184][185]
Ăberlebende jĂŒdische Waisenkinder aus Konzentrationslagern wurden unter anderem von zionistischen Organisationen in Kibbuzim zusammengefasst und auf ihre Zukunft in Israel vorbereitet. Viele von ihnen versuchten, in klassischen ImmigrationslĂ€ndern wie USA, Australien oder Kanada FuĂ zu fassen. So nahm etwa Kanada ĂŒber 1.000 jĂŒdische Waisen auf.[186] Die Operation Shamrock zur Rettung von Kriegswaisen beruhte unter anderem auf einer Idee der Gesellschaft zur Rettung deutscher Kinder. Ăber tausend Kinder, die meisten von ihnen aus Deutschland, Ăsterreich und Frankreich, fanden aus ihren vom Zweiten Weltkrieg verwĂŒsteten LĂ€ndern in Irland Zuflucht. Die Kinder im Alter zwischen 5 und 15 Jahren sollten âaufgepĂ€ppeltâ werden und höchstens einige Jahre bleiben. Einige von ihnen blieben fĂŒr immer.[187][188]
Am Ende des Zweiten Weltkrieges gab es allein in Deutschland rund 500.000 Kriegswaisen und ca. 20 Millionen Halbwaisen. Die meisten von ihnen mussten ohne Vater leben.[189]
England
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anna Freud und Dorothy Tiffany Burlingham grĂŒndeten zusammen mit der KinderĂ€rztin Josefine Stross die Hampstead Nurseries, ein Heim, in dem sie Kriegskinder und Kriegswaisen betreuten. 1945 holte Anna Freud eine kleine Gruppe von Kindern aus dem befreiten KZ Theresienstadt nach London. Sie wurden unter ihrer Aufsicht (Supervision) versorgt und betreut. Die Erinnerungen einiger Kinder wurden mit deren Erlaubnis veröffentlicht. Anna Freud selbst schrieb einen Artikel ĂŒber sie und veröffentlichte ihn 1951 in der von ihr gegrĂŒndeten Zeitschrift veröffentlicht.[190]
Syrien
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Seit Ausbruch des BĂŒrgerkrieges in Syrien seit 2011 gibt es, nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF, mehr als eine Million FlĂŒchtlingskinder. Viele der FlĂŒchtlingskinder sind zu Waisen geworden und traumatisiert, da sie mit ansehen mussten, wie Familienmitglieder getötet wurden. Sie waren oder sind â nach diesen Angaben â auĂerdem Opfer von sexueller Gewalt, Folter und willkĂŒrlicher Haft und wurden hĂ€ufig als Kindersoldaten rekrutiert.[191][192]
Indochina
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Indochinakrieg kĂ€mpften ungefĂ€hr 35.000 Deutsche, zumeist (Halb-)Waisen des Weltkrieges oder ehemalige Angehörige der Wehrmacht oder SS, als FremdenlegionĂ€re auf der Seite der Franzosen. Dies entspricht etwa einem Anteil von zwei Dritteln aller eingesetzten FremdenlegionĂ€re. FĂŒr manche ehemaligen Verdingkinder und Waisen aus der Schweiz war der Dienst in der französischen Fremdenlegion eine Option, um der unterdrĂŒckenden Gesellschaft und den in der Kindheit zugefĂŒgten Wunden und Narben zu entfliehen.[193][194]
Waise bei indigenen StÀmmen oder Völkern
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Bei den Aché, einer indigenen Gruppe, die im Osten Paraguays lebt und aufgrund ihrer Lebensweise zu den JÀgern und Sammlern gehört, sind Tötungsdelikte zwischen den unterschiedlichen Gruppen innerhalb des Volkes und auch innerhalb ihrer Familien nicht ungewöhnlich. FÀllt ein Mitglied der jeweiligen Gruppe zur Last, wird dieses getötet. Dabei werden auch Kinder und Babys erschlagen.[195] So ist es Brauch, Kinder, deren Eltern gestorben sind, zu töten, damit es keine Waisen gibt.[196]
Die ZuruahĂŁ leben als Volk im Amazonasbecken in Brasilien. Sie erlangten Bekanntheit durch den verbreiteten Hang zum Suizid durch die Einnahme der Drogen Kumady oder CunahĂĄ. Dadurch werden die Indianer frĂŒh zu Witwen, Witwern oder Waisenkindern. Die Selbsttötung ist ein selbstverstĂ€ndlicher Teil ihrer Kultur, wenngleich sie in ihrer Sprache kein Wort dafĂŒr haben.[197]
Die VerĂ€nderungen durch die Kolonisation und den Klimawandel fĂŒhrten in Grönland zum Kulturwandel der Inuit. Das hat unter anderem Auswirkungen auf das gegenwĂ€rtige soziale Leben in den Familien sowie Gemeinschaften und fĂŒhrt teilweise zur Entwurzelung von Kindern. Im nördlichsten Kinderheim der Welt, auf der Insel Uummannaq, sollen verwaiste und misshandelte Inuit-Kinder mithilfe pĂ€dagogischer AnsĂ€tze, unberĂŒhrter Natur und durch die RĂŒckkehr zu alten Traditionen lernen, traumatische Erlebnisse aus der Kindheit zu vergessen und Lebensmut zu schöpfen, um sich ein neues Leben aufzubauen.[198][199]
In Australien wurde in allen Bundesstaaten, mit Ausnahme von Victoria, Aborigines bis 1972 oft ihre Kinder weggenommen, um sie fern ihrer Kultur in Erziehungsheimen oder in Privathaushalten von WeiĂen als Waise aufwachsen zu lassen. Erst nach der Wahl von Gough Whitlams zum Premierminister wurde diese Praxis, heute unter der Bezeichnung stolen generations bekannt, beendet.[200]
Experimente mit Waisen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sprachexperimente
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Antike
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Herodot berichtet in einer Anekdote, dass bis zur Regierungszeit des Pharao Psammetichos die Ăgypter sich fĂŒr die ersten aller Menschen hielten. Als Psammetichos Pharao geworden war und erfahren wollte, welches die ersten seien, glaubten sie, die Phryger seien noch Ă€lter als sie, sie selbst Ă€lter als alle anderen. Als der Pharao trotz allen Forschens die Frage nicht lösen konnte, wer die ersten Menschen gewesen seien, lieĂ er einem Hirten zwei neugeborene Kinder geben. Der Hirte sollte die Kinder mit seiner Herde so aufziehen, dass niemand in der Gegenwart der Kinder sprechen dĂŒrfe. Die Kinder sollten ganz allein fĂŒr sich in einer einsamen HĂŒtte leben. Zu bestimmten Zeiten sollte der Hirte seine Ziegen dorthin fĂŒhren und den Kindern genug Milch geben, danach seinen anderen GeschĂ€ften nachgehen. Psammetichos versuchte so herauszubekommen, was fĂŒr ein Wort die Kinder zuerst aussprechen wĂŒrden, wenn die Zeit des Lallens vorbei wĂ€re. Seine Anordnungen wurden strikt ausgefĂŒhrt. Als der Hirte die Kinder zwei Jahre auf diese Weise versorgt hatte, stĂŒrzten sie beide, als er die TĂŒr eines Tages öffnete und hereintrat, auf ihn zu und lallten das Wort Bekos, wobei sie ihm die HĂ€nde emporstreckten. Als die Kinder dies öfter wiederholten, wenn er zu ihnen kam, teilte er es dem Pharao mit und fĂŒhrte ihm auf Befehl die Kinder vor. Psammetichos vernahm das Wort gleichfalls und forschte nach, in welcher Sprache die Bezeichnung Bekos vorkĂ€me. Da fand er, dass die Phryger so das Brot bezeichneten; aus dieser Geschichte schlossen die Ăgypter und gaben zu, dass die Phryger Ă€lter seien als sie selbst. Herodot ergĂ€nzte, dass er diese Begebenheit von den Priestern des Hephaistos in Memphis (Ăgypten) hörte und die Griechen diese Geschichte mit vielen törichten ZusĂ€tzen ausschmĂŒckten.[201]
Mittelalter
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im 13. Jahrhundert fĂŒhrt der Chronist Salimbene von Parma in seiner Chronica ĂŒber die Frage des frĂŒh verwaisten Kaisers Friedrich II. aus: In welcher Sprache wĂŒrden Kinder sich auszudrĂŒcken beginnen, die niemals vorher irgendein Wort sprechen gehört haben? Sein lebhaftes Interesse soll Friedrich II. angeblich zu einem seltsamen Experiment veranlasst haben. Er hĂ€tte WĂ€rterinnen und Ammen eine Anzahl verwaister Neugeborener zur Aufzucht mit dem Auftrag ĂŒbergeben, ihnen die Brust zu reichen, sie zu reinigen, zu baden etc. â mit dem strengsten Verbote, sie jemals zu liebkosen und mit ihnen oder vor ihnen ein Wort zu sprechen. Es geschah nach des Kaisers Willen; dessen brennende Neugierde fand keine Befriedigung, denn alle Kinder starben im frĂŒhesten Alter. Belege oder andere Quellen fĂŒr diese Anekdote gibt es in der Geschichtsschreibung nicht. FĂŒr die Darstellung dĂŒrften persönliche AnimositĂ€ten des Salimbene sowie der klerikale Machtkampf gegen den Kaiser eine Rolle gespielt haben.[202]
20. Jahrhundert
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Monster-Studie war ein Experiment, das 1939 in Davenport, Iowa, an 22 Waisenkindern durchgefĂŒhrt wurde. Sie wurde unter der Leitung des amerikanischen Psychologen Wendell Johnson an der dortigen UniversitĂ€t durchgefĂŒhrt. Die HĂ€lfte der Kinder erhielt eine positive Sprachtherapie, in der die Sprachkompetenz gelobt wurde, die andere HĂ€lfte erhielt eine negative Sprachtherapie, in der die Kinder wegen SprachmĂ€ngeln herabgesetzt wurden. Viele der normalsprachigen Waisenkinder, die im Rahmen des Experiments eine negative Therapie erhalten hatten, litten unter negativen psychologischen Auswirkungen, einige behielten fĂŒr den Rest ihres Lebens die Sprachprobleme bei.[203][204]
Pharmazeutische Experimente
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Im MĂ€rz 2013 haben ukrainische Parlamentarier illegale Praktiken pharmazeutischer Unternehmen in ihrem Land kritisiert. So wurden zwischen 2011 und 2012 drei klinische Versuchsreihen mit Kindern durchgefĂŒhrt, darunter Waisen. Damit Kinder an einem klinischen Versuch teilnehmen dĂŒrfen, bedarf es der Einwilligung beider Elternteile. Falls ein Kind Waise ist, so ist die Zustimmung einer Regierungsvertretung notwendig. Ukrainische Abgeordnete bestĂ€tigten, dass diese Auflage in mehreren FĂ€llen missachtet wurde. Zudem wurden klinische Versuche an Einrichtungen durchgefĂŒhrt, die nicht ĂŒber die notwendigen Genehmigungen verfĂŒgten.[205]
Medizinische Experimente
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Waisen waren und sind, neben GefĂ€ngnisinsassen oder Menschen aus ArmenhĂ€usern und Irrenanstalten, bevorzugte Probanden fĂŒr medizinische Forschungen bis hin zur heutigen Transplantationsmedizin. Der Aufstieg der PĂ€diatrie als anerkanntes Teilgebiet der klinischen Medizin wĂ€re ohne die Forschungen in den SĂ€uglingsheimen mit den Waisenkindern kaum möglich gewesen. Einerseits gelang es, die sehr hohe Sterblichkeit in den SĂ€uglingsheimen zu verringern. Andererseits wurden die Folgen (wie Hospitalismus und Deprivation) fĂŒr die Kinder in diesen Heimen jahrzehntelang von vielen fĂŒhrenden PĂ€diatern, wie zum Beispiel Arthur SchloĂmann, ignoriert.[206][207]

1946â1948 infizierte der US-Mediziner John Charles Cutler in Guatemala im Auftrag seiner Regierung mindestens 1.308 Menschen, unter ihnen Waisenkinder, gezielt mit Syphilis. Viele starben qualvoll, noch heute leiden Opfer an ihren Verletzungen. Auf der anderen Seite des Atlantiks wurde Deutschland entnazifiziert. In NĂŒrnberg standen zwanzig Ărzte und drei Helfer vor Gericht. Sieben von ihnen wurden zum Tode verurteilt, weil sie an Menschen experimentiert hatten. Der KZ-Arzt Josef Mengele entzog sich dieser Gerichtsbarkeit; durch seine medizinischen Experimente war er verantwortlich fĂŒr den Tod von Waisenkindern im KZ Auschwitz-Birkenau[208][209]
In den 1940er- und 1950er-Jahren wurden Versuche mit radioaktivem Strahlenmaterial von der US-Atomenergie-Behörde koordiniert. Ăber die Auftraggeber herrscht weitgehend Unklarheit. Etliche Experimente wurden offensichtlich vom Verteidigungsministerium und von US-Geheimdiensten geordert und bezahlt. So gaben Wissenschaftler einer weltberĂŒhmten US-UniversitĂ€t strahlenverseuchte Cornflakes 125 geistig behinderten Kindern in einem Waisenhaus zu essen.[210]
Die UniversitĂ€t von Melbourne hat ehemalige Heimkinder um Verzeihung dafĂŒr gebeten, dass Wissenschaftler der Hochschule sie fĂŒr medizinische Versuche benutzt haben. Vizekanzler Davies Ă€uĂerte âtiefes Bedauernâ ĂŒber die Rolle der Forscher, die nach dem Zweiten Weltkrieg Impfstoffversuche an Kindern in WaisenhĂ€usern durchfĂŒhrten.[211]
Untersuchungen zur Bindungstheorie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seit den 1950er-Jahren lagen eine Reihe von bindungstheoretischen Erkenntnissen und Forschungsergebnissen in Nordamerika sowie West- und Mitteleuropa vor, die auf die Gefahren fĂŒr die menschliche Entwicklung durch die Isolation im frĂŒhen Alter verweisen. In der DDR wurden vergleichende Untersuchungen zur kognitiven und körperlichen Entwicklung von Heim-, Wochenkrippen-, Tageskrippen- und Familienkindern unternommen. Die familiengebundenen Kinder zeigten den gĂŒnstigsten Entwicklungsverlauf. Mit zunehmendem Verlust der familiĂ€ren Bindung nahmen die EntwicklungsrĂŒckstĂ€nde zu. Die Waisen in den Heimen offenbarten die gröĂten Entwicklungsverzögerungen.[212] Dennoch konnten oder wollten sich die Politiker in der DDR nicht von der institutionellen Heimbetreuung der SĂ€uglingsheime lösen.[213] In der BRD wurden die SĂ€uglingsheime erst Mitte der 1970er-Jahre geschlossen.[214]
Biologische und Neurochirurgische Experimente
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Zweiten Weltkrieg experimentierten United States Army und CIA die Einsatzmöglichkeiten biologischer Stoffe am Menschen. In den Jahren von 1951 bis 1953 wurde in der Operation Artischocke versucht, die menschliche Psyche mit bewusstseinssteuernden Drogen, wie zum Beispiel LSD, zu beeinflussen und zu lenken. Im Weiteren kam es auch zu hirnchirurgischen Eingriffen an den Probanden, bei denen bestimmte Teile des Gehirns mit dem Skalpell manipuliert oder mit Stromkabeln durchzogen wurden. Wie viele Menschen dabei zu Tode kamen oder als psychische KrĂŒppel endeten, lĂ€sst sich heute nicht mehr feststellen. Deutsche KZ-Ărzte setzten die Versuche mit Wissen der CIA fort. Bis in die 70er Jahre experimentierten sie an Gefangenen, psychisch Kranken und Waisenkindern unter anderem in den MilitĂ€rbasen der US Army in Deutschland, oftmals ohne Wissen und EinverstĂ€ndnis der Betroffenen.[215][216]
Auswirkungen durch das Verwaisen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Traumata
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mithilfe der Studie Sequentielle Traumatisierung bei Kindern, zunĂ€chst anhand von rund 2.000 und spĂ€ter davon noch einmal 204 interviewten jĂŒdischen Waisenkindern in den Niederlanden nach dem Zweiten Weltkrieg, entwickelte der Psychoanalytiker Hans Keilson seine Erkenntnisse und Ăberlegungen zur Langzeitauswirkungen von Trauma. Die Studie trug wesentlich dazu bei, Trauma nicht mehr als einzigartiges, zeitlich begrenztes Ereignis, sondern vielmehr als einen lebenslangen und ĂŒber Generationen reichenden Prozess, aufzufassen. Dieser Prozess entwickelt sich in AbhĂ€ngigkeit von externen Ereignissen (zum Beispiel kulturellen, sozialen oder politischen) und fĂŒhrt oft zu einer bleibenden oder fortschreitenden Verletzbarkeit.[217]
Soziologische Folgen
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Wer Mutter oder Vater verliert, hat â statistisch gesehen â weniger Chancen auf eine höhere Schulbildung oder qualifizierte Ausbildung. Dies zeigt eine Studie aus dem Max-Planck-Institut fĂŒr Bildungsforschung in Berlin.[218] Auch wenn nur ein Elternteil stirbt, hat dies einschneidende Folgen fĂŒr die Kinder. ZusĂ€tzlich zu der Trauer um den Verlust mĂŒssen die Kinder damit zurechtkommen, dass sie im Lauf ihrer Ausbildung weniger UnterstĂŒtzung fĂŒr ihre Bildungslaufbahn erwarten können â und zwar in emotionaler und kognitiver sowie sozialer und finanzieller Hinsicht.
Steffen Hillmert vom Max-Planck-Institut fĂŒr Bildungsforschung hat die BildungsverlĂ€ufe von Halbwaisen der GeburtsjahrgĂ€nge zwischen 1950 und 1978 untersucht und mit denen von Menschen verglichen, welche bis zur VolljĂ€hrigkeit in vollstĂ€ndigen Familien aufwachsen konnten. Kinder, die vor dem zehnten Lebensjahr einen Elternteil verloren, hatten schlechtere Chancen, das Abitur zu erreichen, als Kinder, die einige Jahre spĂ€ter verwaisten. Bei beiden Gruppen (Waise vor/nach dem 10. Lebensjahr) waren die Abiturquoten im Vergleich zu Kindern aus vollstĂ€ndigen Familien deutlich reduziert.
Starb der Elternteil erst nach dem zehnten Lebensjahr, dann blieben die meisten Kinder im Gymnasium â trotz der besonderen Belastungen. Der frĂŒhe Tod eines Elternteils verringert die Chance des Kindes, das Abitur zu machen, um fast zwei Drittel. Das bedeutet: Wenn in einer vergleichbaren sozialen Gruppe von Kindern aus vollstĂ€ndigen Familien zehn Kinder das Abitur machen, sind es in einer gleich groĂen Gruppe von Waisenkindern nur drei bis vier Kinder.
An Waisenkindern haftet der Nimbus des UnglĂŒcks, so dass viele Menschen fĂŒr verwaiste und verlassene Kinder tiefes MitgefĂŒhl empfinden und den Wunsch, etwas fĂŒr sie tun. Die gesellschaftliche Wahrnehmung und Stereotype, dass Waisenkinder es zu nichts bringen und ihr Leben nicht bewĂ€ltigen werden, wirken sich dennoch fatal auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung fĂŒr sie aus. Das kann extreme Formen annehmen wie in Nepal, wo Kindern manchmal die Schuld am Tod der Eltern gegeben wird, oder weniger auffĂ€llige wie in der grundsĂ€tzlichen Haltung, der Staat mĂŒsse sich kĂŒmmern.
Mangelnde Hinwendung, inadĂ€quate FĂŒrsorge, Ignoranz und Diskriminierung können auf dramatische Weise das Trauma von Waisenkindern intensivieren und letztlich dafĂŒr sorgen, dass sie es wirklich nicht schaffen.[219]
Psychosoziale Folgen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Welche psychosozialen Folgen ein Kind durch das Aufwachsen ohne einen der Elternteile davontrĂ€gt, wird unterschiedlich bewertet und ist zudem stark von anderen Faktoren abhĂ€ngig. Die konkrete Auswirkung der Vater- bzw. Mutterlosigkeit zeigt sich abhĂ€ngig von der allgemeinen psychischen StabilitĂ€t eines Kindes und dem weiteren Umfeld an festen Bezugspersonen. Die Persönlichkeit des erziehenden Elternteils spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Vater- bzw. Mutterlosigkeit wird als ein Problem fĂŒr die Entwicklung der GeschlechtsidentitĂ€t betrachtet.
Waisen in Anstalten (Findel- und WaisenhÀusern, SÀuglingsheimen) leiden unter den Folgen von Hospitalismus und psychischer Deprivation.
Eine 2011 in Frankreich erhobene Studie hat die schulische, soziale, berufliche und emotionale Situation von 500.000 Waisenkindern unter 21 Jahren untersucht. Die Studie machte deutlich, wie viele Waisenkinder tatsĂ€chlich unter Traumata und soziopsychologischen Störungen leiden. So konnten Jahre spĂ€ter nur 50 % von ihnen problemlos ĂŒber das Vorgefallene sprechen; 18 % fanden gar keine Worte. 76 % meinten, der Verlust eines oder beider Elternteile habe die familiĂ€ren Beziehungen beeintrĂ€chtigt, 63 % sprachen von negativen Folgen fĂŒr ihr GefĂŒhlsleben, 52 % sahen ihre Schullaufbahn und 45 % ihr soziales Netz in Mitleidenschaft gezogen. Waisen gehen seltener auf ihre Mitmenschen zu, ziehen sich zurĂŒck oder schalten auf Abwehr.[220]

Stirbt ein Elternteil, so erhöht sich das Suizidrisiko des Kindes signifikant. Das belegt eine Studie der dĂ€nischen Forscherin Mai-Britt Guldin. Insgesamt wurden von 7,3 Millionen Menschen aus DĂ€nemark, Schweden und Finnland Daten berĂŒcksichtigt. Es wurden Kinder und Jugendliche berĂŒcksichtigt, die vor dem Erreichen des 18. Lebensjahres ein Elternteil verloren. Zum Vergleich zog man eine Kontrollgruppe mit Kindern, deren Eltern noch nicht gestorben waren, heran. Die Forscher stellten fest, dass der Verlust eines Elternteils wĂ€hrend der Kindheit das Risiko des Kindes, Selbstmord zu begehen, erhöht. Dieser Effekt dauerte bis zu 25 Jahre nach dem Tod des Elternteils an. Eine weitere Beobachtung war, dass Jungen doppelt so hĂ€ufig Suizide begingen wie MĂ€dchen. Am hĂ€ufigsten waren Jungen betroffen, deren MĂŒtter Suizid begangen hatten, sowie Erstgeborene, bei denen ein Elternteil vor dem Erreichen des sechsten Lebensjahres gestorben war.[221][222]
Als prominente Beispiele können unter anderem Heinrich von Kleist, deutscher Dramatiker, ErzĂ€hler, Lyriker und Publizist, oder die deutsche Dichterin und Romantikerin Karoline von GĂŒnderrode angesehen werden. Kleist wurde mit 15 Jahren Vollwaise, nachdem er als ZehnjĂ€hriger zuvor seinen Vater verlor. Am 21. November 1811 wĂ€hlte Kleist am Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee, den Freitod. GĂŒnderrode wurde durch den Tod ihres Vaters mit 6 Jahren Halbwaise und spĂ€ter von dem deutschen Schriftsteller Wolfgang Koeppen als âWaisenkind der Romantikâ bezeichnet.[223]
Psychosomatische Folgen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]SpÀt adoptierte Waisenkinder, die acht Monate oder lÀnger im Waisenhaus blieben, weisen als VierjÀhrige ein desorganisiertes Bindungsverhalten auf. In der Fremden Situation ist bei diesen Kindern ein signifikant höherer Cortisolanteil im Speichel nachzuweisen.[224][225][226]
Waisenkinder blieben trotz NĂ€he vergleichsweise cool, ihr Oxytocin-Gehalt ist niedrig. Seth Pollack von der University of Wisconsin untersuchte VierjĂ€hrige, die sofort nach der Geburt von ihren MĂŒttern getrennt und in einem russischen oder rumĂ€nischen Waisenhaus gelebt hatten, mit denen, die bei ihren Eltern aufwuchsen. Es zeigte sich, dass bei den leiblichen Kindern das als Bindungshormon bezeichnete Oxytocin stark angestiegen war, ein Garant fĂŒr angenehme GefĂŒhle.[227]
Somatische Folgen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wissenschaftler um Stacy Drury von der Tulane University in New Orleans haben in einer Studie das Erbgut von 109 vernachlĂ€ssigten rumĂ€nischen Waisenhauskindern untersucht. Die Analysen ergaben, dass die Kinder, die seit mindestens fĂŒnf Jahren sich in den Heimen befanden, deutlich kĂŒrzere Telomere besaĂen, als es fĂŒr ihr Alter angemessen gewesen wĂ€re. Ein Zeichen fĂŒr die vorzeitige Alterung des Erbgutes. Dieser Effekt war bei den MĂ€dchen stĂ€rker ausgeprĂ€gt als bei den Jungen.[228]
Waise in den Religionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Judentum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach biblischer Ăberlieferung fĂŒhrte der Prophet und die Waise Mose das Volk der Israeliten auf einer vierzig Jahre wĂ€hrenden Wanderung aus der Ă€gyptischen Sklaverei in das kanaanĂ€ische Land.
Im Judentum wird die FĂŒrsorge fĂŒr die Waisen als soziales und sittliches Gebot gesehen, Gerechtigkeit und Liebe zu ĂŒben, also ein mit Sinn erfĂŒlltes Leben zu gehen (Psalm 146,9).[229] Vor der UnterdrĂŒckung von Waisen warnt die Tora mehrfach (Ex 22,20â23; 23,6.9; Sacharja 7:9-10). Sie zu kleiden, zu speisen und zu lieben wird gesondert geboten (Dtn 10,19). Ihnen freiwillige Gaben zum Wochenfest zu geben wird geboten (Dtn 14,29, 16,10-12). Das Recht der Waisen soll nicht gebeugt werden (Dtn 24,17, 27,19), ihnen vielmehr Gutes und Gerechtigkeit getan, Recht geschaffen werden (Jesaja 1,17). Die Ernteabgabe des Zehnten soll alle drei Jahre an die Fremden, die Witwen und Waisen im Land flieĂen (Dtn 14,28Â f). Das sittliche Gottesgebot der NĂ€chstenliebe, welches alle Menschen, auch den Feind einschlieĂt,[230] wird auf HilfsbedĂŒrftige und Waisen hin konkretisiert (Jesaja 1,16-17; Hiob 31,13-25.29-30.32-33.38-39; Amos 5,14-15; Jeremia 7,5-7; Maleachi 3,5; Maimonides, Mischne Torah Hilchot Jom Tov 7,18-21).[229]
Das aramĂ€ische Kaddisch der Waisen (Kaddisch jatom) ist ein Gebet im Judentum. Es ist ein Heiligungsgebet und bildet seine heutige feste Form in den Jahrhunderten nach der Erfindung des Buchdrucks aus. Hierbei erweiterte sich sein traditioneller Kernbestand und sein liturgischer Gebrauch verĂ€nderte sich im Laufe der Jahrhunderte in der Diaspora. Das Kaddisch der Waisen wird auch âKaddisch der Leidtragendenâ genannt (Awelim-Kaddisch). Wer das Kaddisch spricht â und zwar zuerst bei der Beerdigung eines der âsieben nahen Angehörigenâ (Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn, Tochter oder Ehefrau) â, wiederholt es in den elf Monaten nach dem Tod des Betreffenden.
Im Talmud heiĂt es: âGott spricht zum Menschen: Du hast vier Hausgenossen, den Sohn, die Tochter, die Magd; ich habe auch vier Hausgenossen, den Leviten, den Fremdling, die Witwe und die Waise.â[231]
Christentum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein Gebot sieht das Christentum fĂŒr Waisen nicht vor. Die NĂ€chstenliebe gebietet die UnterstĂŒtzung der Waisen. So heiĂt es bei Jakobus 1,27: âEin reiner und makelloser Dienst vor Gott, dem Vater, besteht darin: fĂŒr Waisen und Witwen zu sorgen, wenn sie in Not sind, und sich vor jeder Befleckung durch die Welt zu bewahren.â

Am 27. September jedes Jahres wird in der katholischen Kirche das Fest Maria, Schutzfrau der Waisen gefeiert. Papst Pius XI. erklĂ€rte 1928 den OrdensgrĂŒnder der Somasker Hieronymus Ămiliani zum Schutzpatron der Waisen und der verlassenen Jugend. DarĂŒber hinaus werden unter anderem der heilige Ivo HĂ©lory von Kermartin und Vinzenz von Paul als Patrone der Waisen gefĂŒhrt.
Die wichtigsten Gedanken des jĂŒdischen Gebets Kaddisch der Waisen wurden ins Vaterunser, das am weitesten verbreitete Gebet des Christentums und das einzige, das nach dem Neuen Testament Jesus Christus selbst seine JĂŒnger gelehrt hat, ĂŒbernommen.
Zu den in der christlichen Theologie zĂ€hlenden vier (seit 1997 im Katechismus der Katholischen Kirche fĂŒnf) himmelschreienden SĂŒnden gehört unter anderem die UnterdrĂŒckung der Armen, Witwen und Waisen.
Die Shaker sind eine christliche Freikirche in den USA, die aus dem QuĂ€kertum hervorgegangen ist. Die Gemeindemitglieder zeichneten sich einerseits durch eine hohe Arbeitsethik sowie andererseits durch ein nahezu klösterliches, zölibatĂ€res Leben aus. Ihre gröĂte Verbreitung fanden die Shaker-Gemeinden Mitte des 19. Jahrhunderts mit ca. 20 Siedlungen und 6.000 Mitgliedern. Neue Mitglieder kamen durch eintretende Erwachsene sowie aufgenommene Waisenkinder oder abgegebene Findelkinder in die Gemeinschaft. Mit der Verbreitung der staatlichen WaisenfĂŒrsorge verloren die Gemeinden einen GroĂteil ihres potentiellen Nachwuchses. 2017 gab es noch zwei aktive Mitglieder.[232]
- Sure 4 an-NisÄÊŸ; Mohammed selbst war Waise
Islam
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Waise wird im Islam ein Kind bezeichnet, das noch nicht die religiöse Reife erreicht und schon einen oder beide Elternteile verloren hat. Um die Lage der Waisenkinder in der altarabischen Gesellschaft zu verbessern, sollten die Verwandten oder die Gemeinschaft sich um das Wohl der Waisen kĂŒmmern. Im Koran wird in zahlreichen Versen direkt oder indirekt darauf Bezug genommen.[234] Die Aufnahme und FĂŒrsorge fĂŒr Waisenkinder wird unter der Bezeichnung âKafalaâ rechtlich geregelt.[235] Es begrĂŒndet nach einem Urteil des EuropĂ€ischen Gerichtshofes fĂŒr Menschenrechte keine rechtliche Verwandtschaft[236] und entspricht eher einem PflegschaftsverhĂ€ltnis.
Der Koran enthĂ€lt am Anfang von Sure 4 mehrere Anweisungen hinsichtlich von Waisen. So wird den GlĂ€ubigen aufgetragen, das Vermögen der Waisen nicht anzutasten (Sure 4:2), und ihnen nahegelegt, Waisen zu heiraten, um deren Versorgung sicherzustellen (Sure 4:3). Gleichzeitig ist sie die Grundlage fĂŒr die BeschrĂ€nkung der Mehrehe auf vier Frauen. Darin heiĂt es: Und wenn ihr befĂŒrchtet, nicht gerecht hinsichtlich der Waisen zu handeln, dann heiratet, was euch an Frauen gut scheint, zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber befĂŒrchtet, nicht gerecht zu handeln, dann (nur) eine oder was eure rechte Hand besitzt. Das ist eher geeignet, dass ihr nicht ungerecht seid.[237] Wer das Vermögen von Waisen unrechtmĂ€Ăig aufzehrt, soll dereinst nichts als Feuer zu essen bekommen und in einem Höllenbrand schmoren (Sure 4:10). Insgesamt wird das Wort Waise 23 Mal im Koran erwĂ€hnt. Die Waisen werden als SpendenempfĂ€nger von Kriegsbeute genannt.[238] Die Biografie des Religionsstifters Mohammed, SĂźra, erwĂ€hnt, dass er mit fĂŒnf Jahren Vollwaise wurde. Verwaist ist auch Ahmad at-TidschÄnÄ«, GrĂŒndungsvater des TidschÄnÄ«ya-Ordens, einer gemĂ€Ăigt-orthodoxen Sufi-Bruderschaft (TarÄ«qa) innerhalb des sunnitischen Islam.
Je nach Auslegung und Interpretation der Sure 93:6â8 sind wir, die GlĂ€ubigen, in unserer Beziehung zu Gott alle Waisen und bedĂŒrfen der Rechtleitung.[239]
Buddhismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die weltweit viertgröĂte Religion der Erde, der Buddhismus, wurde von Siddhartha Gautama (Buddha), der kurz nach seiner Geburt seine Mutter verlor, in Nordindien gegrĂŒndet. Mit 29 Jahren wurde ihm bewusst, dass Leiden wie Altern, Krankheit, Tod oder Schmerz untrennbar mit dem Leben verbunden sind. Er brach auf, um verschiedene Religionslehren und Philosophien zu erkunden, um die wahre Natur menschlichen GlĂŒcks zu finden. Sechs Jahre Askese und Meditation fĂŒhrten ihn schlieĂlich auf den Weg der Mitte. Unter einer Pappel-Feige in Bodhgaya hatte er das Erlebnis des Erwachens (Bodhi). Wenig spĂ€ter hielt er in Isipatana, dem heutigen Sarnath, seine erste Lehrrede und setzte damit das âRad der Lehreâ (Dharmachakra) in Bewegung.
Der BegrĂŒnder des Buddhismus in Tibet, Padmasambhava, kam in der Zeit des Königs Thrisong Detsen (756 bis 796) auf die Welt. Er wuchs als Pflegesohn des Königs Indrabhuti im heutigen Pakistan auf. Der Legende nach soll er nicht von einer Frau geboren worden sein, sondern auf wunderbare Weise auf einem Lotos in einem See in Oddiyana zur Welt gekommen sein.
Findel- und Waisenkinder wurden, wie in China der Gelehrte und Schriftsteller Lu Yu, in Tempeln aufgenommen oder wie in Korea wÀhrend der Goryeo-Dynastie zu buddhistischen Mönchen erzogen und ausgebildet.[240]
Waise in der Mythologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Griechische Mythologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Charila (altgriechisch ΧΏÏÎčλα) ist in der griechischen Mythologie der Name eines WaisenmĂ€dchens sowie der Name eines alle acht Jahre in Delphi gefeierten Festes, das nach ihr benannt wurde. Ăber den Ursprung des Festes erzĂ€hlt Plutarch, dass zu einer Zeit, da Hunger herrschte, die Bevölkerung zum König kam, ihn um Nahrung zu bitten. Der König verteilte Mehl und HĂŒlsenfrĂŒchte â an die besseren BĂŒrger. Als ein armes WaisenmĂ€dchen namens Charila den König beharrlich um Essen bat, schlug der verĂ€rgerte König das MĂ€dchen mit seiner Sandale ins Gesicht, worauf Charila in den Wald ging und sich mit ihrem GĂŒrtel erhĂ€ngte. Daraufhin wurde die Hungersnot unertrĂ€glich und man befragte das Orakel um Rat. Der Spruch des Orakels lautete, man mĂŒsse Charila versöhnen. Nach einigem Forschen fand man heraus, wer Charila war, schlieĂlich wurde ihr Leichnam gefunden. Um den Geist Charilas zu versöhnen, wurde der Vorgang wiederholt.
Römische Mythologie
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Romulus und Remus waren nach der römischen Mythologie die GrĂŒnder von Rom. Der Sage nach waren sie Kinder des Kriegsgottes Mars und der Priesterin Rhea Silvia. Zur Aussetzung und Rettung der Kinder liegen dabei unterschiedliche Versionen der Sage vor. Nach der Ermordung seines Bruders herrschte Romulus ĂŒber die Stadt. Sein toter Bruder Remus wurde mit seinem Schwert an seinem Thron verewigt. Laut Titus Livius wurde die Stadt Rom am 21. April 753 v. Chr. gegrĂŒndet.
Asmatische Mythologie
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Das Maskenfest der Asmat, auch Bi Pokomban, Yipai, ist ein animistisches, zyklisch gefeiertes Ritual der Asmat, eines Volkes, das im SĂŒden der indonesischen Insel Neuguinea in der Provinz Irian Jaya lebt. Das Ritual verfolgt das Ziel, den Geistern der Verstorbenen zu beweisen, dass Harmonie im Dorf herrscht und die Ahnen (safan) dies wohlwollend zur Kenntnis nehmen mögen, damit deren Gunst bewahrt werden kann.[241]
Das Maskenfest ereignet sich nach einem festen Ablaufplan. Dabei beruht das Erscheinen der Manimar-Maske auf einer mythologischen Grundlage. Der Mythos erzĂ€hlt, dass ein regelmĂ€Ăig verstoĂener Waisenknabe, der nur selten bei seiner Bettelei um Nahrung erhört wurde, auf den Trick verfiel, sich eine Maske zu erstellen, mittels deren er die sagoerntenden Frauen des Dorfes erschrecken wĂŒrde, um ihnen die Ernte abzunehmen. Dies gelang ihm hĂ€ufig. Gezielt dabei ertappt und zur Rede gestellt, klagte der Junge sein Leid und wurde aus Mitleid adoptiert und versorgt.
Manimar ist seitdem Teil des rituellen Mythos des Maskenfestes. Er wird als VorlĂ€ufer und Ăberbringer der Nachricht von der Ankunft der Geister verehrt. Seine Ankunft erregt das zusammengelaufene Volk. Taumelnd tanzend gesellt er sich unter das Volk. Dabei verschreckt er im rituellen Akt Personen (insbesondere Kinder), die er jagt. Die Kinder wehren sich und fordern ihn auf, das Dorf zu verlassen, da er ein Eindringling und zudem Waise sei. Sie bewerfen ihn mit Samenkapseln und schimpfen. Immer wieder verfolgt der Manimar im Gegenzug einzelne Personen, die er sich fĂŒr eine Verfolgung auserkoren hat. Im Laufe des Nachmittags verschwindet er wieder.[242]
Inuitische Mythologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Inuit-Mythos Kaassassuk wird vom entbehrungsreichen Leben des verhöhnten und geschundenen Waisen Kaassassuk berichtet: die Ăberwindung seiner Angst und die Verleihung ĂŒbermenschlicher KrĂ€fte durch das Geistwesen Pissaap Inua; Kaassassuks eindrucksvolle Taten, die der Gemeinschaft Respekt und Furcht einflöĂen; seine Rache an den Einwohnern der Siedlung; sein Weg mit dem Kajak die KĂŒste entlang, auf dem er die Tochter des JĂ€gers Qaassuk mit Gewalt zur Frau nimmt; seine siegreichen WettkĂ€mpfe mit allen MĂ€nnern, auf die er trifft, und schlieĂlich seine Niederlage durch den unscheinbaren UsugsaermiarssĂșnguaq hoch im Norden. Heute steht die Figur des Kaassassuk in Grönland symbolisch fĂŒr physische und psychische StĂ€rke und fĂŒr den Willen zur Selbstbestimmung.[243][244]
Mythologie der Blackfoots
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In einer mythischen Sage mit sieben Waisenkindern spiegelt sich die Erfahrung von dem gemeinsamen Auftauchen sowie dem Verschwinden des Sternbildes der Plejaden und der Bisons fĂŒr die Blackfoot-Indianer Nordamerikas wider. Der Stand der Plejaden zu Beginn der Trockenzeit war das Startsignal fĂŒr eine aufwendige Treibjagd der riesigen Bisonherden. Sind die Plejaden am Sternenhimmel verschwunden, sind zugleich die Bisons verschwunden. Der Sage nach nahmen sieben Waisenkinder, denen man einst wĂ€rmende Bisonfelle verwehrt hatte, zur Strafe der Menschen die Bisons mit sich. Der Sonnengott rettete die Kinder und gab ihnen einen Platz am Sternenhimmel. Hunde baten durch das Anheulen des Nachthimmels fĂŒr die Dorfbewohner. SchlieĂlich kehrten die Kinder mit den Bisons zurĂŒck.[245]
Rezeption in der Kunst
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Das Leben und das Schicksal von Waisen inspirierte KĂŒnstler auf vielfĂ€ltige Weise und fand seinen Zuspruch bei den Kunstliebhabern. Die kĂŒnstlerischen Arbeiten spiegeln das Geschehen ihrer Zeit wider. In der sequenziellen Kunst sind Waisen in der Regel klassische Superhelden wie Superman, Batman, Robin, Spider-Man, Wolverine, Iron Man, Captain Marvel, Captain America, Green Arrow, Daredevil oder EinzelkĂ€mpfer in der Natur wie Tarzan oder Rahan, der sowohl seine Eltern als auch seine Zieheltern verlor.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aus der Sicht eines Schriftstellers sind Waisenkinder interessant, weil sie den Autor von der Pflicht befreien, ein soziales Umfeld oder eine ausgefeilte Herkunft der Figur zu entwerfen, was wiederum die Möglichkeit mit sich bringt, die Welt der Figur, gemeinsam mit dem Leser oder Zuschauer von Null auf neu zu errichten. Waisenkinder sind dafĂŒr geeignet, weil sie eine weitgehend ungestörte ProjektionsflĂ€che fĂŒr die IdentifikationswĂŒnsche des Publikums zulassen und einen erheblichen Sympathiefaktor in sich tragen.[246][247][248]
Drama
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In dem Ideendrama Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing sind die Protagonisten Tempelherr (Curd von Stauffen, alias Leu von Filnek) und Recha (Blanda von Filnek) Waisen. Ihr gemeinsamer muslimischer Vater Assad (Bruder Saladins, alias Wolf von Filnek) und ihre christliche Mutter (geborene Stauffen) sind frĂŒh verstorben. Beide Kinder wachsen bei Pflegeeltern auf. In der Figur Nathans setzte Lessing seinem Freund Moses Mendelssohn, dem BegrĂŒnder der jĂŒdischen AufklĂ€rung, ein literarisches Denkmal.
Nach ihm wurde die am 1. Juli 1836 eröffnete Moses Mendelssohnâsche Waisen-Erziehungs-Anstalt der jĂŒdischen Gemeinde zu Berlin benannt.[249]
Literarisch wurden unter anderem das Schicksal der Waisen Johann Christian Woyzeck von dem deutschen Dramatiker und Dichter Georg BĂŒchner in seinem Dramenfragment Woyzeck und das von der Frankfurter Magd Susanna Margaretha Brandt fĂŒr die Gretchentragödie in Goethes Faust verarbeitet. Das FrĂ€ulein Brandt wurde aufgrund der Kindstötung ihres neugeborenen Babys zum Tode verurteilt und 1772 hingerichtet.
Eines der bekanntesten Melodramen des 19. Jahrhunderts war Die Waise und der Mörder von FrĂ©dĂ©ric Dupetit-MĂ©rĂ©. In der Ăbersetzung von Ignaz Franz Castelli und mit der Musik von Ignaz von Seyfried wurde das StĂŒck am 12. Februar 1817 im Theater an der Wien aufgefĂŒhrt und daraufhin wĂ€hrend Jahrzehnten zum Kassenschlager im deutschen Sprachgebiet.
Yelva, die russische Waise ist ein TheaterstĂŒck von EugĂšne Scribe, das am 18. MĂ€rz 1828 im Théùtre du Gymnase-Dramatique Paris uraufgefĂŒhrt wurde. Es handelt sich um eines der populĂ€rsten Dramen des 19. Jahrhunderts. Das StĂŒck gehört zugleich den Gattungen Vaudeville und Melodram an. Die Hauptrolle ist eine stumme Rolle. Yelva kann nicht singen und zur Musik nur eine Pantomime vollfĂŒhren. Die bekannte Melodie deutet an, was Yelva sagen will. So erklingt die (von den Orchesterinstrumenten ohne Gesang gespielte) Melodie zu Je tâaimerai toute la vie (âIch werde dich das ganze Leben liebenâ), wĂ€hrend sie Alfred ihrer Treue versichert (I/6), oder die Melodien Balançons-nous (âSchaukeln wirâ) und Un bandeau couvre les yeux (âEine Binde deckt die Augenâ) ertönen zu ihren Versuchen, TchĂ©rikof zu erklĂ€ren, dass sie an diesem Ort einst als Kinder gespielt hĂ€tten (II/13). Wer die Melodien erkennt, die aus den RepertoirestĂŒcken des Theaters stammten, also den regelmĂ€Ăigen Zuschauern nicht unbekannt waren, versteht Yelvas Gesten besser als ihr Bruder.
Der portugiesische Schriftsteller, Romancier und Poet Camilo Castelo Branco, selbst eine Waise, veröffentlicht sein Drama Die Geheimnisse von Lissabon. Inhaltlich erzĂ€hlt die Geschichte diverse Verstrickungen des Lissaboner Adels zu Beginn des 19. Jahrhunderts und der Zeit der Napoleonischen Kriege auf der Iberischen Halbinsel. Hauptfigur ist ein junger Adliger auf der Suche nach seiner Herkunft und IdentitĂ€t. Die ihn kreuzenden Figuren haben eigene dĂŒstere Geschichten zu erzĂ€hlen. Die Serie zeigt viel von dem psychologischen Werk Castelo Brancos und gibt einen Einblick in die Welt der Intrigen und NiedertrĂ€chtigkeiten. Das Drama wurde 2010 als Die Geheimnisse von Lissabon verfilmt und 2011 auf Arte in deutscher Synchronisation ausgestrahlt.
ErzÀhlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Victor Ducanges Vorliebe fĂŒr das Schreckliche und Schaudervolle findet in der ErzĂ€hlung Therese oder Die Waise aus Genf (1822) als TheaterstĂŒck in drei AufzĂŒgen seinen Weg zum Publikum. SpĂ€ter vertont der Schweizer Komponist und Kirchenmusiker Carl Greith diese ErzĂ€hlung.
Sein Landsmann Jakob Frey erlangte unter anderem mit seiner ErzÀhlung Die Waise von Holligen. ErzÀhlung aus den Tagen des Untergangs der alten Eidgenossenschaft (1863) Bekanntheit.
Fabian und Sebastian ist eine ErzÀhlung von Wilhelm Raabe, die 1882 bei Westermann in Braunschweig erschien.[250] Ende 1881 war der Text bereits in Westermanns Monatsheften vorabgedruckt worden.[251] Die 15-jÀhrige Waise Konstanze Pelzmann, aus der Kolonie NiederlÀndisch-Indien in das verschneite industrialisierte Deutschland verpflanzt, macht sich in der Geburtsstadt ihres Vaters gegen den Willen des Onkels Fabian dreimal auf und bringt zwei Àlteren einsamen MÀnnern Trost.
Weitere ErzÀhlungen sind unter anderem Ignaz Denner von E. T. A. Hoffmann oder Der Dom von Gertrud von le Fort.
Novelle
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Isabella von Ăgypten, Kaiser Karl des FĂŒnften erste Jugendliebe ist eine ErzĂ€hlung von Achim von Arnim, die innerhalb der so genannten Novellensammlung von 1812[252][253] in der Realschulbuchhandlung Berlin erschien.[254]


MĂ€rchen, Sagen und moderne Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In literarischen Werken sind Protagonisten in der Gestalt von Waisen besonders in der Fantasy-, Jugend- und Volksliteratur sehr beliebt. Dies erlaubt den Autoren eine Ausgestaltung ihrer Werke, beispielsweise ohne langwierig komplizierte familiĂ€re Strukturen erklĂ€ren zu mĂŒssen und ihre Helden von familiĂ€ren Obliegenheiten und Kontrollen freizustellen. Nebenbei erregt eine Waise beim Leser GefĂŒhle von Mitleid und fĂŒhrt zu leichterer Identifikation mit dem Protagonisten, wobei eine schnellere und prosaische Charakterentwicklung möglich ist.
TatsĂ€chlich verloren Kinder frĂŒher eher ihre MĂŒtter. Sie verstarben bei der Geburt, im Wochenbett oder spĂ€ter aus Krankheit und EntkrĂ€ftung. Die VĂ€ter, so wollen es MĂ€rchen und volksgeschichtliche Ăberlieferungen, heirateten eine andere Frau, die ihre Stiefkinder ablehnte und als MĂ€gde und Knechte missbrauchte. Diese ErzĂ€hlungen waren ein Spiegel der Gesellschaft. Eine bekannte Halbwaise aus dem MĂ€rchen ist das Aschenputtel oder Schneewittchen der BrĂŒder Grimm, die selbst Halbwaisen waren. Bekannte MĂ€rchen mit Vollwaisen sind unter anderem: Die Sterntaler, Das kleine MĂ€dchen mit den Schwefelhölzern, Spindel, Weberschiffchen und Nadel, Der arme Junge im Grab oder Kay aus dem MĂ€rchen Die Schneekönigin.
James Bond, Agent 007, ist ein von Ian Fleming erfundener Geheimagent, der als Waise in einem Internat aufgewachsen ist und als Mann fĂŒr den MI6 arbeitet. 1953 erschien mit Casino Royale der erste Roman. Fleming, der durch den frĂŒhen Tod seines Vaters eine Halbwaise war, schrieb bis zu seinem Tod im Jahr 1964 zwölf Romane und neun Kurzgeschichten um James Bond. Der erste Fernsehfilm mit dem Agenten erschien unter dem Titel Casino Royale 1954. Durch den frĂŒhen Verlust des Vaters sieht der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer das Fehlen eines realen, und alltagstauglichen Vorbildes fĂŒr die mĂ€nnliche Rolle. Daher mĂŒssen sie sich ihr MĂ€nnerbild selbst entwerfen und orientieren sich hĂ€ufig an Heldengestalten als MĂ€nner. James Bond ist seiner Meinung nach der vaterlose Held fĂŒr vaterlose Söhne. Er steht auch fĂŒr die mangelnde StabilitĂ€t des SelbstwertgefĂŒhls dieser Söhne.[255]
Bekannte Autoren, in deren BĂŒchern Voll- oder Halbwaisen HandlungstrĂ€ger sind, sind unter anderem:
- Romane (Auswahl):
- Victor Hugo (Die Elenden, Der Glöckner von Notre-Dame), Charles Dickens (Oliver Twist, David Copperfield, Das Geheimnis des Edwin Drood, Martin Chuzzlewit), John Irving (Gottes Werk und Teufels Beitrag), Charlotte BrontĂ« (Jane Eyre), Patrick SĂŒskind (Das Parfum), Noah Gordon (Der Medicus, Der Medicus von Saragossa), Henry James (Die Drehung der Schraube), Peter Wawerzinek (Rabenliebe), Jean M. Auel (Kinder der Erde), Ludwig Tieck (Der junge Tischlermeister), John Irving (Letzte Nacht in Twisted River), Jakob Wassermann (Melusine), Georges Simenon (Die Marie vom Hafen), Wilhelm Raabe (Der heilige Born), Agatha Christie (Das Haus an der DĂŒne), Stefan Zweig (Schachnovelle), Lucy Maud Montgomery (Anne auf Green Gables), Werner Helwig (Die Waldschlacht), Roberto Bolaño (Lumpenroman), Boris Leonidowitsch Pasternak (Doktor Schiwago), William Shakespeare (Was ihr wollt), Kazuo Ishiguro (Als wir Waisen waren), Leon Uris (Exodus)
- Kinder- und Jugendliteratur (Auswahl):
- Mark Twain (Tom Sawyer), Johanna Spyri (Heidi), Edgar Rice Burroughs (Tarzan bei den Affen), Felix Salten (Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde), Astrid Lindgren (Mio, mein Mio), Kurt Held (Die rote Zora und ihre Bande), Otfried PreuĂler (Krabat), Michael Ende (Jim Knopf und Lukas der LokomotivfĂŒhrer), Joanne K. Rowling (Harry Potter), James KrĂŒss (Timm Thaler), Lemony Snicket (Eine Reihe betrĂŒblicher Ereignisse), Robert Arthur (Die drei ???), Cornelia Funke (Herr der Diebe und Drachenreiter), Frances Hodgson Burnett (Sara, die kleine Prinzessin), Christopher Paolini (Eragon), Kai Meyer (Merle-Zyklus), Michael Ende (Momo), Jules Verne (Ein KapitĂ€n von fĂŒnfzehn Jahren), Eleanor Hodgman Porter (Pollyanna), Jurij BrÄzan (Die schwarze MĂŒhle), Georgia Byng (Molly Moon), Rudyard Kipling (Das Dschungelbuch)
Gedichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im SpÀtmittelalter verfasste der französische Dichter François Villon die beiden Balladen Wir bleiben ewig nur zwei Waisenkinder und Die Sommerballade von der armen Louise. Durch den Schauspieler Klaus Kinski und seine Hörproduktionen Kinski spricht Villon wurden sie in Deutschland einem breiteren Publikum bekannt.
In Frankreich griff Arthur Rimbaud die Thematik der Waisen in seinem Gedicht Die Neujahrsgeschenke der Waisenkinder auf und im deutschsprachigen Raum fanden die Gedichte von Adelbert von Chamisso Die Waise oder von Rainer Maria Rilke Ich bin eine Waise, Das Lied der Waise und Die Waise ihre Verbreitung.
Musik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Klassische Musik
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WĂ€hrend dieser Zeit wirkten in den venezianischen WaisenhĂ€usern bedeutende Komponisten, die fĂŒr ihre SchĂŒtzlinge sowohl geistliche Musik, wie auch Instrumentalkonzerte schrieben, darunter Antonio Lotti, Francesco Gasparini, Antonio Vivaldi und Johann Adolph Hasse. Manche von den WaisenmĂ€dchen waren echte Virtuosinnen und erlangten einen gewissen Grad an Bekanntheit. Die vielleicht berĂŒhmteste ist Anna Maria, fĂŒr die Vivaldi viele besonders exquisite Violinkonzerte komponierte. Die vier Ospedali waren neben dem Chor des Markusdoms Zentren des Musiklebens in Venedig und europaweite Attraktion fĂŒr Musiker und Reisende. Die ausschlieĂlich aus Musikerinnen bestehenden Cori trugen durch ihre PrĂ€senz an der tĂ€glichen Liturgie der Ospedali-Kirchen, durch ihre Sonn- und Feiertagskonzerte und ihre Mitwirkung bei Staatsakten wie den zahlreichen Dogenprozessionen wesentlich zur Selbstinszenierung und Propaganda der Serenissima als einzigartiges und unerreichtes Zentrum von Kultur und Luxus in Europa bei.
In Neapel bildeten die vier WaisenhĂ€user (conservatori) della PietĂ dei turchini, Santa Maria di Loreto, SantâOnofrio und Poveri di GesĂč Cristo die Basis fĂŒr die Heranbildung der neapolitanischen Schule, aus der im 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche SĂ€nger, Instrumentalisten und Komponisten hervorgingen, die allerdings nicht alle Waisenkinder waren, weil die Konservatorien nach einer Weile auch zahlende SchĂŒler aufnahmen.

Zu einem musikalischen Superstar in dieser Zeit avancierte der mit 12 Jahren verwaiste italienische SĂ€nger und Kastrat Farinelli. Sein Vater war begeisterter Musikliebhaber. Um die schöne Gesangsstimme seines Sohnes zu erhalten, wurde er mit EinverstĂ€ndnis (oder auf Wunsch?) seines Vaters vermutlich mit 9 Jahren kastriert.[256] Georg Friedrich HĂ€ndel, der wie Farinelli mit 12 Jahren verwaiste, schrieb eine Reihe von Arien fĂŒr Kastraten, darunter die Arie Lascia châio pianga als Klagelied fĂŒr seine Oper Rinaldo.
Einige Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts widmeten ihre Kompositionen oder Einnahmen aus AuffĂŒhrungen WaisenhĂ€usern. Im Jahr 1749 wurde im Londoner Waisenhaus, dem Foundling Hospital des Thomas Coram (1668â1751), erstmals ein Benefizkonzert aus der Feder Georg Friedrich HĂ€ndels gespielt. Es erklang ein dreiteiliges Werk, von HĂ€ndel aus frĂŒheren Werken zusammengestellt und durch neue Kompositionen ergĂ€nzt â ein einmaliges Konzert, dessen Hymne, das Anthem Blessed are they that considereth the Poor an Needy, in die Musikgeschichte eingehen sollte.[257]
Der Messias sollte bei der ErstauffĂŒhrung in Dublin 1742 sowie in der Folgezeit ein soziales und nichtkommerzielles Werk bleiben. Seit 1750 fĂŒhrte er den Messias einmal im Jahr in der neuerbauten Kapelle des Foundling Hospitals (Findelhaus) als Benefizkonzert auf. In seinem Testament vermachte er dieser Institution zudem die handschriftliche Partitur des Messias.[258] Wie Charles Burney in seinen Nachrichten von HĂ€ndels LebensumstĂ€nden (1785) schreibt, war der Messias HĂ€ndels Hinterlassenschaft, die:
âdie Hungrigen speiste, die Nackenden kleidete und die Waisen versorgte.â
Die Messe in c-Moll KV 139 (KV3 114a/KV6 47a) von Wolfgang Amadeus Mozart wird âWaisenhausmesseâ genannt, in der Annahme, dass sie zur Einweihung der Waisenhauskirche in Wien am 7. Dezember 1768 komponiert wurde.
Eine der beliebtesten Opern des 19. Jahrhunderts, La Sonnambula (1831) von Vincenzo Bellini und Felice Romani, handelt von dem armen WaisenmĂ€dchen Amina, das nachts schlafwandelt, und durch Verwicklungen und MissverstĂ€ndnisse beinahe ihre groĂe Liebe verliert; aber am Ende wird doch noch Alles gut. In Giuseppe Verdis Oper Rigoletto (1851) ist die weibliche Hauptfigur Gilda eine Halbwaise, deren körperlich behinderter Vater Rigoletto als Hofnarr arbeitet und sie versteckt, um sie vor einer verdorbenen Umwelt zu beschĂŒtzen.
Das Album fĂŒr die Jugend, op. 68 (entstanden 1848), ist ein aus 43 KlavierstĂŒcken bestehender Zyklus von Robert Schumann, der mit 16 Jahren Halbwaise wurde. Die Nr. 6 aus dem Zyklus trĂ€gt den Titel Armes Waisenkind und kann von Kindern leicht erlernt werden. Auch Edvard Grieg und Modest Mussorgsky haben das Thema jeweils in ihren Liedern Die Waise musikalisch im 19. Jahrhundert verarbeitet.
Weiteren Anklang findet das Thema in der Kinderoper Cinderella von Peter Maxwell Davies sowie im BallettstĂŒck von Cinderella von Sergei Sergejewitsch Prokofjew ebenso wie in der Oper Dalibor des tschechischen Komponisten BedĆich Smetana. Smetana komponierte die Oper zur Grundsteinlegung des tschechischen Nationaltheaters. Dem Libretto liegt die Geschichte des böhmischen Ritters Dalibor von Kozojedy zugrunde, sie spielt um das Jahr 1498. Die UrauffĂŒhrung der Oper fand am 16. Mai 1868 in Prag statt.
Die Leichte Kavallerie ist eine Operette in zwei Akten des Komponisten Franz von SuppĂš und Librettisten Karl Costa. Am 21. MĂ€rz 1866 erlebte dieses TheaterstĂŒck seine UrauffĂŒhrung am Carltheater in Wien. Sie ist heute nur noch durch ihre weltberĂŒhmte OuvertĂŒre bekannt. Im Mittelpunkt steht die hĂŒbsche junge Waise Vilma, die allen MĂ€nnern den Kopf verdreht.
Die Operette Die Piraten von Penzance wurde zur Sicherung des britischen Urheberrechts im Vereinigten Königreich am 30. Dezember 1879 im Royal Bijou Theatre in Paignton (Grafschaft Devon, England), als einmalige Vorstellung uraufgefĂŒhrt. Die Broadway-Premiere erfolgte einen Tag spĂ€ter, am 31. Dezember 1879 im Fifth Avenue Theatre. Die Londoner Premiere war am 3. April 1880 an der Opera Comique. Sie gehört noch heute zu den meistgespielten StĂŒcken und wird hĂ€ufig musikalisch zitiert. Von den vielen WiederauffĂŒhrungen am Broadway war die 1981er Inszenierung am erfolgreichsten, sie lief fĂŒr 787 Vorstellungen. Die Musik stammt von Arthur Sullivan und das Libretto von William Schwenck Gilbert.
Musical
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Musical Annie spielt im Jahre 1933 und thematisiert viele Dinge, wie zum Beispiel die elenden Lebensbedingungen in WaisenhĂ€usern, die Weltwirtschaftskrise, herzlose MilliardĂ€re und PrĂ€sident Franklin D. Roosevelt, ohne allerdings nĂ€her auf sie einzugehen. Das Musical enthĂ€lt die bekannten Lieder Tomorrow und Itâs the Hard Knock Life. Die Premieren fanden am 21. April 1977 im Alvin (heute: Neil Simon) Theatre in New York und am 3. Mai 1978 im Victoria Palace Theatre im Londoner West End statt. 1982 und 2015 wurde der Stoff verfilmt.
Weitere bekannte Musicals sind Der König der Löwen, ein Broadway-Musical von Elton John und Tim Rice, Once on This Island von Rosa Guy sowie Les Misérables von Claude-Michel Schönberg (Musik) und Alain Boublil (Libretto).

Ballade (Lied)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ballade Es waren zwei Waisenkinder ist vermutlich in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Die frĂŒhesten Aufzeichnungen stammen aus dem Jahr 1908. Inhaltlich steht das Lied von den beiden Waisen, die das Grab ihrer Mutter aufsuchen und um Brot bitten, der flĂ€mischen Waisenballade Ach, Tjanne, zeyde hy, Tjanne nahe; zugleich ist sie durch den Einfluss der damals sehr beliebten Ballade Es waren zwei Königskinder geprĂ€gt. Das Lied von den beiden Waisenkindern war in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts vor allem im Rheinland, in Pommern und WestpreuĂen verbreitet, nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand es zunehmend aus den LiedgedĂ€chtnissen.[259]
Rock â Pop
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die amerikanische Rockband Rise Against veröffentlichte 2011 ihren Song Satellite. In dem Song von ihrem LiedsĂ€nger Tim McIlrath wird der Glaube ausgedrĂŒckt, dass die Band zu ihren sozialen und politischen Ăberzeugungen steht und sich nicht dem Mainstream anpassen wird. Im Refrain ist ein thematischer Anklang zu finden und in der Ăbersetzung heiĂt es dazu: âWir sind die Waisen des amerikanischen Traums â Oh, wirf dein Licht auf mich.â
Der britische SĂ€nger Roger Waters hat seinen Vater mit 5 Monaten verloren. Der Verlust belastet ihn nach eigenen Angaben bis heute. Er hat den Krieg und seine Kindheit als Kriegswaise in vielen seiner Songs thematisiert. Weiteren Anklang findet das Thema bis heute in Songs von KĂŒnstlern wie zum Beispiel Bruce Springsteen in Song for Orphans 1972 oder der britischen Pop-Rock-Band Coldplay mit ihrem Titel Orphans 2019.

Jazz und Ragtime
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Jenkins Orphanage Band war eine Musikband aus Mitgliedern des Jenkins-Waisenhauses in Charleston, South Carolina, die ab 1893 bestand und Musikstile des frĂŒhen Jazz und Ragtime Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Europa bekannt machte.
Chinesische Oper
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Waisenkind von Zhao (auch Die groĂe Rache der Waise von Zhao) ist eine 6-teilige chinesische Opernform aus der Yuan-Zeit. Sie wird dem Dramatiker Ji Junxiang (çŽćç„„) aus dem 13. Jahrhundert zugeschrieben und als poetisches Musikdrama dem Zaju Genre zugeordnet. Das StĂŒck zeigt das Thema der familiĂ€ren Rache, das in den Kontext der konfuzianischen Moral einerseits und der sozialen hierarchischen Struktur andererseits gestellt wird. Die Oper war das frĂŒheste bekannte chinesische Musikwerk in Europa.[260]
Bildhauerei
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Weinende Engel ist eine der bekanntesten Skulpturen in der Kathedrale von Amiens. Sie schmĂŒckt das Grabmal des Kanonikers Guilain Lucas (â 1628) und ist ein Werk des Bildhauers Nicolas Blasset. Der weinende Engel symbolisiert das Leid der Waisen. WĂ€hrend des Ersten Weltkrieges wurden Hunderttausende von Postkarten, MĂŒnzen und andere GegenstĂ€nde mit dem Bild des Engels hergestellt und verkauft, insbesondere an britische Soldaten, die sie an ihre Familien in der Heimat schickten.[261]
Eine weitere kĂŒnstlerische Bearbeitung erfuhr das Thema durch Ernst Barlach in seinem 1931 der Ăffentlichkeit ĂŒbergebenen Hamburger Ehrenmal. Dargestellt ist auf einem Flachrelief eine im Schmerz erstarrte Kriegerwitwe, die ihre Arme tröstend um ihre verwaiste Tochter legt.[262]

Malerei
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]FrĂŒhe Arbeiten wie die VermĂ€hlung der Waisen (1440â1444) von Domenico di Bartolo sowie Die Pflege der Waisenkinder (1675) von Jan de Bray stellen in ihrer Zeit eine thematische Ausnahme dar.
Ab dem 19. Jahrhundert erfĂ€hrt das Thema Waise in der Malerei eine stĂ€rkere Rezeption, unter anderem in den Werken von EugĂšne Delacroix Waisenkind auf dem Friedhof (1823), Jacques Amans Portrait of Margaret with two orphans (1842), Karl Wilhelm Bauerle Die Waisen (1860), Wassili Grigorjewitsch Perow Waisenkinder am Friedhof (1864), Nikolaus Gysis (1871) Die Waisen, Pilip Hermogenes Calderon The Orphans (1870), Hans Makart Das schlafende Schneewittchen (1872), Konrad Grob Pestalozzi und die Waisen von Stans (1879) oder Gotthardt Kuehl Waisenkinder in LĂŒbeck (1884). WaisenhĂ€user, wie zum Beispiel das LĂŒbecker Waisenhaus oder das Amsterdamer Waisenhaus, werden fĂŒr die Impressionisten G. Kuehl und Max Liebermann immer wieder Malorte und -motive.
Im 20. Jahrhundert findet das Thema kaum noch Anklang in der Malerei. Eine thematische Bearbeitung wird ab dieser Zeit das bewegte Bild des Films aufnehmen.
Film
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Verwaisen oder das Leben von Waisen dient hĂ€ufig als Vorlage fĂŒr Verfilmungen, etwa in der französisch-schweizerischen Kinoverfilmung Die Kinder des Monsieur Mathieu aus dem Jahr 2004. Darin spielt der Chorgesang eine wichtige Rolle. Die Musikaufnahmen sang der Kinderchor Les Petits Chanteurs de Saint-Marc (Die kleinen SĂ€nger von Sankt Markus) aus Lyon ein, dem Jean-Baptiste Maunier angehörte, dessen Schauspiel- und Gesangskarriere mit diesem Film begann.
In dem US-amerikanischen Horrorfilm aus dem Jahr 2009 Orphan â Das Waisenkind adoptiert ein Ehepaar eine russische Waise namens Esther. Als die Frau des Ehepaars herausfindet, dass sĂ€mtliche Personenunterlagen und frĂŒheren Adoptionspapiere gefĂ€lscht sind, gerĂ€t schlieĂlich die gesamte Familie in Lebensgefahr.
Der chilenisch-französische Autorenfilmer RaĂșl Ruiz verfilmte 2010 die ErzĂ€hlung MistĂ©rios de Lisboa (Die Geheimnisse von Lissabon) des portugiesischen Schriftstellers Camilo Castelo Branco (1825â1890), der selbst eine Waise war. Der intensive Film erzĂ€hlt die Geschichte eines Waisenjungen in Lissabon Anfang des 19. Jahrhunderts und erhielt eine Vielzahl Preise. Das Werk kam 2010 als Die Geheimnisse von Lissabon in die Kinos und wurde danach als sechsteilige Fernsehserie gezeigt, 2011 erstmals auch in deutscher Sprache vom Sender Arte. 2012 erschien das Werk zudem als DVD und BluRay auch in Deutschland.
Der Medicus ist ein deutscher Film aus dem Jahr 2013, der nach dem gleichnamigen Weltbestseller Der Medicus von Noah Gordon gedreht wurde. Der Hauptdarsteller Robert Cole hat eine auĂergewöhnliche Gabe: Er kann fĂŒhlen, wenn jemand unbehandelt eine ungĂŒnstige Prognose hat und in Agonie kurz vor dem Sterben ist. Dies bemerkt er das erste Mal, wĂ€hrend er als kleiner Junge fĂŒhlt, dass seine kranke Mutter an der âSeitenkrankheitâ sterben wird. Er muss hilflos zusehen, wie sich seine Vorahnung erfĂŒllt. Auf sich allein gestellt, schlieĂt sich die junge Waise einem fahrenden Bader an, der ihm neben den ĂŒblichen Taschenspielertricks die Grundlagen der mittelalterlichen Heilkunde nahebringt und Dienste wie Aderlass oder ZĂ€hne ziehen. Schon als Lehrling erkennt Rob die Grenzen dieser einfachen Praktiken. Er beschlieĂt, die Heilkunde und deren Lehre im damaligen Persien bei dem Arzt, Wissenschaftler und Philosoph Ibn Sina zu erlernen.
2009 kam der Kinderfilm Das Geheimnis der Mondprinzessin von Oliver Parker in die Kinos. Dieser Fantasy-Film basiert auf dem Kinderbuch Das kleine weiĂe Pferd von Elizabeth Goudge. Die Waise Maria wird durch eine ganze Schar von fantastischen Wesen unterstĂŒtzt, eine jahrhundertealte Fehde zwischen zwei Familien zu beenden.
Der Kinderfilm Hugo Cabret (Originaltitel: Hugo) ist ein US-amerikanischer 3D-Film aus dem Jahr 2011 nach Brian Selznicks Kinderroman Die Entdeckung des Hugo Cabret. Bei der Oscarverleihung 2012 wurde der Film mit fĂŒnf Oscars ausgezeichnet. Die schlaue und erfinderische Waise Hugo entdeckt ein rĂ€tselhaftes VermĂ€chtnis seines Vaters. Um es zu entschlĂŒsseln, begibt er sich auf eine auĂergewöhnliche Suche. Dieses Abenteuer wird alle Menschen in seinem Umfeld verĂ€ndern und ihm ein neues, liebevolles Zuhause schenken.
In dem Trickfilm Hautfarbe: Honig lernt ein Koreaner als Adoptivkind einer belgischen Familie die Liebe seiner neuen Geschwister und die integrative Kraft eines intakten Familienlebens kennen. Mit zunehmendem Alter stellt er Fragen nach den Wurzeln des Heimatlands, das ihn infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen im Korea der 1950er-Jahre â wie 200.000 andere Kinder â elternlos zurĂŒcklieĂ.
Bekannte Filme, in denen Voll- oder Halbwaisen HandlungstrÀger sind, sind unter anderem:
- Kino- und Fernsehproduktionen (Auswahl):
- Dreizehn StĂŒhle, Slumdog MillionĂ€r, Schöne Venus, die auf Arte ausgestrahlten Serie unter dem Titel VĂ©nus et Apollon, die kanadische Science-Fiction-Serie Orphan Black, GroĂe Erwartungen, Der Tag, als Stalins Hose verschwand, Kama Sutra: Die Kunst der Liebe, Baikonur, Wie im Himmel, Philomena
- Kinder- und Jugendfilme (Auswahl):
- Die Geisterinsel (Die drei ???), Herr der Diebe, Das Dschungelbuch, Harry Potter (Filmreihe), Fury, Neverland â Reise in das Land der Abenteuer, Tom Sawyer
- Trickfilme (Auswahl):
Persönlichkeiten mit Waisenhintergrund (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Afrika
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Asien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Australien und Ozeanien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Europa
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Michelangelo (Halbwaise mit 6 Jahren)
- Isaac Newton (Halbwaise mit 3 Monaten)
- Ludwig XIV. (Halbwaise mit 5 Jahren)
- Johann Sebastian Bach (Vollwaise mit 8 bzw. 9 Jahren)
- Georg Philipp Telemann (Halbwaise mit 4 Jahren)
- Elisabeth I. von England (Vollwaise mit 2 bzw. 13 Jahren)
- Augustus (Halbwaise mit 4 bzw. 5 Jahren)
- Napoleon Bonaparte (Halbwaise mit 15 Jahren)
- Die Geschwister Brontë (Halbwaisen mit 1 bis 5 Jahren)
- Charles Darwin (Halbwaise mit 8 Jahren)
- Queen Victoria (Halbwaise mit 8 Monaten)
- Marie Curie (Halbwaise mit 10 Jahren)
- Adolf Hitler (Halbwaise mit 14 Jahren)
- Christine Lagarde (Halbwaise mit 17 Jahren)
- Harry, Duke of Sussex (Halbwaise mit 12 Jahren)
- Johannes Paul II. (Halbwaise mit 8 Jahren)
- Walentina Wladimirowna Tereschkowa (Halbwaise mit 2 Jahren)
- Ulrike Meinhof (Vollwaise mit 15 Jahren)
- Virginia Woolf (Halbwaise mit 13 Jahren)
- Wladimir Iljitsch Lenin (Halbwaise mit 15 Jahren)
Nordamerika
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]SĂŒdamerika
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Verschiedenes
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Waise im Sprichwort
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon (Band 4) prÀsentiert neun Sprichwörter zu Waise bzw. zu Waisengericht; zum Beispiel Die Waisen gleichhalten den Weisen, heisst Gott preisen.
Waise versus Arbeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Wort Arbeit ist gemeingermanischen Ursprungs (*arbÄjiðiz, got. arbaiĂŸs); die Etymologie ist unsicher; evtl. verwandt mit indoeurop. *orbh- âverwaistâ, Waise, âein zu schwerer körperlicher TĂ€tigkeit verdungenes Kindâ (vgl. Erbe); evtl. verwandt mit aslaw. robota (Knechtschaft, Sklaverei vgl. Roboter). Im Alt- und Mittelhochdeutschen ĂŒberwiegt die Wortbedeutung MĂŒhsal, Strapaze, Not; redensartlich noch heute MĂŒhe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).[263]

Waisen als HoffnungstrÀger
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die tibetische Schule im nordindischen Masuri zĂ€hlt 2400 SchĂŒler. Die Kinder, die hier zur Schule gehen, haben eine geborgene Kindheit in ihrer Familie in Tibet hinter sich gelassen, um diese Schule zu besuchen. Hier werden sie als Waisen betrachtet. Die Wanderung von ihrer Heimat nach Nordindien dauert etwa einen Monat und fĂŒhrt quer durch den Himalaya. Schleuser bringen die SchĂŒler heimlich ĂŒber die Grenze. Nur in dieser Schule können sie tibetisch erzogen und mit der Geschichte ihres Volkes und ihrer Heimat vertraut gemacht werden. Die Kinder werden von ihren Familien ins Ausland geschickt, damit sie spĂ€ter die Kultur ihrer Heimat retten können.[264]
Sehwaisen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Kunst werden verwaiste GegenstĂ€nde, denen KĂŒnstler mit ihrer spezifischen Sicht einen neuen Seinszustand verschaffen, als Sehwaisen bezeichnet.[265]

Waise als Edelstein
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Volksmund auch als âStein der Weisenâ bezeichnet, war der Waise der prominenteste Edelstein von einzigartiger QualitĂ€t und Schönheit in der Reichskrone. Der Waise war ein milchweiĂer Opal, dessen Farbe ins Rote wechseln konnte und nach 1350 verloren ging. In der höfischen Literatur wurde er von Walther von der Vogelweide als âLeitstern aller FĂŒrstenâ beschrieben.
Welttag der Waisenkinder
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Welttag der Waisenkinder wurde von der The Stars Foundation initiiert und findet jeweils am zweiten Montag im November statt. Mit dem Aktionstag sollen Waisen in das Bewusstsein der Ăffentlichkeit gerĂŒckt werden und fĂŒr deren UnterstĂŒtzung geworben.
Waisen-FrĂŒchte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Begriff Waisen-FrĂŒchte bezeichnet Getreidesorten, die fĂŒr die ErnĂ€hrung der armen Bevölkerung in EntwicklungslĂ€ndern besonders wichtig ist.[266]
Waisenfonds, Witwen- & Waisenpapiere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bereits in der 1. HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts sind Waisenfonds in Deutschland belegt, die Waisen direkt oder deren Angehörige in finanzieller Not unterstĂŒtzten.[267] Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden risikoarme Anlageformen Witwen- & Waisen-Papiere fĂŒr die Ersparnisse entsprechender Personen neben klassischen Festgeldern und SparbĂŒchern aufgelegt. Gesucht waren an Rentenzahlungen erinnernde ErtrĂ€ge in Form stabiler Kupons und Dividenden. Prototypen solcher Finanzanlagen waren unter anderem die fĂŒnf- und zehnjĂ€hrigen deutschen Staatsanleihen, auch Aktien der Energieversorger â wie E.ON oder RWE, der Autobauer Volkswagen sowie auch Finanzinstitute wie die Deutsche Bank und die Commerzbank[268] oder dem Technologie Konzern Microsoft.[269]
Waisen von Versailles
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]âWaisen von Versaillesâ nannte der britische Historiker Richard Blanke die nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und dem Friedensvertrag von Versailles unter polnische Herrschaft geratenen Deutschen â Orphans of Versailles. Dabei bezog er sich auf den Umstand, dass beinah ĂŒber Nacht sich die Deutschen nicht mehr als Teil der herrschenden Schicht in einem starken und wirtschaftlich hoch entwickelten Nationalstaat wiederfanden, sondern als verletzliche und beargwöhnte Minderheit.[270]

Raj-Waisen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei Raj-Waisen handelt sich um Kinder, die von ihren in den Kolonien des britischen Empire (im engeren Sinne vom Indischen Subkontinent â Britisch-Indien) lebenden Familien in jungen Jahren alleine nach GroĂbritannien geschickt wurden und dort getrennt von ihren Eltern in Pflegefamilien oder in Internaten (inklusive Missbrauch) aufwuchsen. Das Empire formte aus Raj-Waisen einen neuen Typus von Kolonialbeamten. Die Kinder entwickelten typische Charaktere. Sie verkörpern einen Nationaltypus, der den britischen Habitus bis heute prĂ€gt. Anderseits sind die Kinder von dem Trauma der Trennung gezeichnet. Die britische Autorin Jane Gardam hat in ihrem Roman Ein untadeliger Mann die Auswirkungen des Britischen Empires auf britische Kolonialfamilien und die Raj-Waisen thematisiert.[271]
Dieses Schicksal widerfuhr unter anderem dem britischen Schriftsteller und jĂŒngsten LiteraturnobelpreistrĂ€ger Rudyard Kipling, der in Bombay von einem portugiesischen KindermĂ€dchen aufgezogen wurde. Englisch empfand er als Fremdsprache. Mit fĂŒnf Jahren wurden er und seine jĂŒngere Schwester nach England gebracht und dort wie viele anglo-indische Kinder bei Pflegeeltern, den Holloways, aufgezogen. Mit Schrecken erinnerte sich Kipling an deren strenge Aufsicht noch in seiner Autobiographie. Der anschlieĂende Besuch einer MilitĂ€rschule fĂŒhrte bei ihm nicht zu einer spĂ€teren MilitĂ€r- oder Beamtenlaufbahn.[272]
Verwaiste Seiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es handelt sich dabei um Webseiten, die ihre Verbindung zu ihrer Domain verloren haben und sowohl interne als auch externe Links nicht auf diese Seite verweisen. Diese Seiten werden von den Suchmaschinen-Webcrawlern nicht erfasst.[273][274]
Waisen-Gen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Genome höherer Organismen enthalten rund 20.000 bis 40.000 Gene. Viele dieser Gene haben einen gemeinsamen evolutionĂ€ren Ursprung, der sich aus SequenzĂ€hnlichkeiten ablesen lĂ€sst. FĂŒr ca. ein Drittel der Gene ist das nicht möglich. Sie werden nur in einzelnen evolutionĂ€ren Linien gefunden. Da ihr genauer Ursprung unklar ist, werden sie meist als Waisen bezeichnet.[275]
Verwaistes Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein verwaistes Werk ist urheberrechtlich ein geschĂŒtztes Werk, bei dem nach einem angemessenen Aufwand und sorgfĂ€ltiger Recherche mindestens ein Nutzungsrechteinhaber nicht ausfindig gemacht werden kann. Im weiteren Sinne gelten Werke als verwaist, wenn zwar die Rechtsinhaber bekannt sind, aber nicht kontaktiert werden können.
Orphan Brigade
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Amerikanischen BĂŒrgerkrieg war der Spitzname der âErsten Kentucky-Brigadeâ Orphan Brigade. Die Brigade kĂ€mpfte auf Seiten der konföderierten Armee wĂ€hrend des BĂŒrgerkrieges. Der Name hat möglicherweise mit dem besonderen Status von Kentucky, wĂ€hrend des Amerikanischen BĂŒrgerkriegs zu tun. WĂ€hrend sich das offizielle Kentucky niemals von den Nordstaaten löste, gab es in der Bevölkerung groĂe Sympathien fĂŒr die Konföderierten. Da die SĂŒdstaaten wĂ€hrend des Krieges niemals die Kontrolle ĂŒber Kentucky errangen, konnten die Mitglieder der Brigade wĂ€hrend des Krieges ihre Familien nicht besuchen, da ihnen die Gefangenschaft drohte. Der Brigadenhistoriker Ed Porter Thompson vermerkte 1868 in seinen Aufzeichnungen zur Geschichte der Brigade, dass nach der Schlacht am Stones River John C. Breckinridge, General der Konföderierten, unter den ĂŒberlebenden AnhĂ€ngern wiederholt rief:
âMeine armen Waisen! Meine armen Waisen.â
Im Krieg war der Name wenig gebrÀuchlich und wurde erst nach Kriegsende bei den Veteranen populÀr.[276][277]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. 7. Auflage. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-608-94550-8.
- Erna Fuhrman: Ein Kind verwaist. Untersuchungen ĂŒber Elternverlust in der Kindheit. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1977, ISBN 3-12-902680-0.
- H. Graeber: Misshandelte Zukunft â ErschĂŒtternder Erlebnisbericht eines Heimkindes im Nachkriegsdeutschland. 2016, ISBN 978-3-937624-62-4.
- S. Hillmert: Halbwaisen mĂŒssen schneller auf eigenen FĂŒĂen stehen. In: Zeitschrift fĂŒr Familienforschung. Heft 1/2002, S. 44â69.
- S. Kaplan: Kinderchirurg Dr. Alfred Jahn und die Waisenkinder von Kigali. Eckstein Iatros Verlag, Nierstein 2004, ISBN 3-937439-38-2.
- M. Plotsidem: Waisen und Sozialwaisen in staatlichen FĂŒrsorgeeinrichtungen in der Ukraine: Rechtliche Lage und verschiedene Modelle. (er.ucu.edu.ua)
- M. RielĂ€nder: Sozialwaisen â Kleinkinder ohne Familie Auswirkungen von Hospitalismus. FĂŒr eine Zeitschrift der âGesellschaft fĂŒr Sozialwaisenâ e. V. (GeSo) MĂŒnster 1982. (psychologische-praxis.rielaender.de)
- H. Schulz, H. Radebold, J. Reulecke: Söhne ohne VÀter. Erfahrungen der Kriegsgeneration. Christoph Links Verlag, 2013, ISBN 978-3-86284-228-5.
- R. Spitz: Children with inferior histories: Their mental development in adoptive homes. In: Journal of General Psychology. 72, 1948, S. 283â294.
- B. Stambolis: Töchter ohne VÀter. Frauen der Kriegsgeneration und ihre lebenslange Sehnsucht. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-608-94724-3.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die vergessenen Kinder von StrĂŒth. Ein jĂŒdisches Waisenhaus in Franken (Video)
- Gerrendina Gerber-Visser, Monika Imboden: Waisen. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 2018.
- Halbwaisen mĂŒssen schneller auf eigenen FĂŒĂen stehen â Pressemitteilung Max-Planck-Institut fĂŒr Bildungsforschung
- Im Schatten des Gulag. Als Deutsche unter Stalin geboren. rbb 2011 (Video)
- Russland. Waisen als politische Waffe; ARD 10. Februar 2013 (Video)
- StraĂenkinder in St. Petersburg Spiegel TV (Video)
- Unsere Geschichte. Als der Krieg uns die Eltern nahm, NDR 19. November 2012 (Video) ( vom 5. Oktober 2013 im Internet Archive)
- Waisen sind MenschenhÀndlern ausgeliefert. Leichte Beute in Haiti. n-tv 29. Januar 2010
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Orphan. ( vom 30. Juli 2019 im Internet Archive) Department of Homeland Security (englisch).
- â Mykhaylo Plotsidem: Waisen und Sozialwaisen in staatlichen FĂŒrsorgeeinrichtungen in der Ukraine: Rechtliche Lage und verschiedene Modelle. S. 4 (uibk.ac.at [PDF; 226 kB; abgerufen am 27. Februar 2020]).
- â Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, WaisenfĂŒrsorge im Islam (kafĂąlat al-yatĂźm) 05. Juni 2015
- â Orphans, UNICEF
- â Waisenkinder.Kinder auĂen vor: Die Situation von Waisenkindern weltweit, SOS-Kinderdörfer Weltweit 31. Januar 2014
- â Statistik der Deutschen Rentenversicherung, Rente 2018, S. 163
- â Bestand an Witwen- und Waisenrenten von 1985 bis 2017
- â Waisenkinder. Die Situation der Waisenkinder weltweit, Humanium. Hilft den Kindern 8. August 2013
- â Es wird immer ein Problem sein, Frankfurter Allgemeine 19. August 2016
- â Gerrendina Gerber-Visser, Monika Imboden: Waisen. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 20. August 2018, abgerufen am 4. Juni 2019.
- â Grabner-Haider, Anton: Ethos der Weltkulturen: Religion und Ethik, Band 13, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006
- â Strenge, I.: Codex Hammurapi und die Rechtsstellung der Frau, Verlag Königshausen & Neumann GmbH, WĂŒrzburg 2006.
- 1 2 3 Nora MolnĂĄr-HĂdvĂ©gi: Witwen und Waisen im Alten Orient. In: Das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft. April 2010, abgerufen am 7. April 2020.
- â S. N. Kramer: Geschichte beginnt mit Sumer. MĂŒnchen 1959, S. 86 ff.
- â Jan Assmann: Tod und Jenseits im alten Ăgypten. Beck, MĂŒnchen 2001, S. 30; Susanne Bickel: La cosmogonie Ă©gyptienne. S. 169; Alexandra von Lieven: Grundriss des Laufes der Sterne. S. 192â194.
- â PJ1553.A1 1908 cop3. Die Altaegyptischen Pyramidentexte nach den Papierabdrucken und Photographien des Berliner Museums.
- â Ălteste hebrĂ€ische Inschrift entziffert. In: Neue ZĂŒrcher Zeitung. 8. Januar 2010, abgerufen am 7. April 2022.
- â NOMOI (De legibus). Die Gesetze. Nach der Ăbersetzung von Franz Susemihl, in: Platonâs Werke, vierte Gruppe, neuntes bis fĂŒnfzehntes BĂ€ndchen, Stuttgart 1862, 1963, bearbeitet.
- â Pupillen,. In: Piererâs Universal-Lexikon. Band 13. Altenburg 1861, S. 699 (Online [abgerufen am 7. April 2022]).
- â Jens-Uwe Krause: Witwen und Waisen im Römischen Reich, Habilitationsschrift, Steiner-Verlag, Stuttgart 1994/1995, 4. Band.
- â Meyers GroĂes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905â1909.
- â Cramer, F.: Geschichte der Erziehung und des Unterrichts im Alterthume, Band 1.
- â Peffer, M. E.: Einrichtungen der sozialen Sicherung in der griechischen und römischen Antike: Unter besonderer BerĂŒcksichtigung der Sicherung bei Krankheit, Duncker & Humblot Verlag, 1. Auflage 1969.
- â Hartwig Weber: Ausgegrenzte Kinder. Historische Streiflichter. In: Der StraĂenkinderreport, Zur Lage der Kinder in der Welt. November 2009, abgerufen am 7. April 2022.
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- â Almosen fĂŒr die Mitgift. Der Spiegel. Geschichte 28. Januar 2002
- â Beck, Reiner: MĂ€uselmacher oder die Imagination des Bösen, C.H. Beck Verlag 2011
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- â WaisenhĂ€user. eLexikon 25. Januar 2021
- â U. Hammer: KurfĂŒrstin Luise Henriette. Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas. Band 4. Waxmann 2001
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- â Gerrendina Gerber-Visser, Monika Imboden: Waisen. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 20. August 2013.
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- â Notker Hammerstein, Christa Berg: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. C. H. Beck, 2005, ISBN 3-406-32464-9, S. 430â431.
- â Merkantilismus. Wirtschaftskraft stĂ€rken,bpb
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- â Meike S. Baader, Florian EĂer, Wolfgang Schröer: Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, Campus Verlag, Frankfurt a. M. / New York 2014
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- â Alfried Schmitz: Amerikanischer BĂŒrgerkrieg. Planet Wissen, 9. April 2020.
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- â Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917â1991. MĂŒnchen 1998, S. 150 ff.
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- â Spanischer BĂŒrgerkrieg. Exodus der Kinder SPIEGEL ONLINE EINESTAGES
- â Wolfgang Martin Hamdorf: Francos Erbe. Spaniens geraubte Kinder In: Deutschlandfunk 06. April 2017.
- â Margot Litten: Eine Lange Nacht ĂŒber Spaniens geraubte Kinder in der Franco-Zeit. Mauern des Schweigens In: Deutschlandfunk Kultur 25. Februar 2017.
- â SPIEGEL Politik 2. August 2007
- â Im Schatten des GULAG. Als Deutsche unter Stalin geboren. Film von Loretta Walz und rbb 2011
- â A. Prior: Geben Sie diese Kinder nicht auf!. Kindertransport nach Belgien und die Schicksale der Bewohner des Israelitischen Waisenhauses Dinslaken 1938â1945. Klartext. Essen 2015
- â Die Kindertransporte 1938/1939. DHM-Blog
- â USHMM Holocaust Encyclopedia: Tehran Children
- â Yad Vashem-Online: The âTehran Childrenâ arrive in Eretz Israel, February 1943
- â Windischbauer, E.: Kindertransporte 1938/39 nach England, www.kindertransport.org
- â Behrendt, G.: Mit dem Kindertransport in die Freiheit. Vom jĂŒdischen FlĂŒchtling zum Corporal OâBrian. Frankfurt/Main, 2001
- â Göpfert, R.: Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jĂŒdischen Kindern nach England 1938/39. MĂŒnchen, 1994
- â Harris, M. J.; Oppenheimer, D.: Kindertransport in eine fremde Welt. MĂŒnchen, 2000
- â Turner, H.: Kindertransport. Eine beispiellose Rettungsaktion. Gerlingen, 1994
- â Nazi-Sklaven in Brasilien. SPIEGEL Geschichte 25. Juni 2009
- â Die Kinder der Herrenrasse â Organisation Lebensborn, ZDF info, 13. April 2013 (Video)
- â dradio.de, Kalenderblatt
- â Kopp, V: Dem FĂŒhrer ein Kind schenken. Die SS-Organisation Lebensborn e. V., Böhlau Verlag 2007
- â Schriftgutverwaltung â EHRI, 1. Januar 1942 bis 31. Dezember 1945
- â Kinderraub durch Nationalsozialisten. Blond, blauĂ€ugig, entfĂŒhrt. Deutschlandfunk 8. August 2016
- â Ein KZ fĂŒr Kinder und Jugendliche. Deutschlandfunk 1. Dezember 2017
- â âSippenhaftâ: Wie Hitler sich an Kindern rĂ€chte bei NDR 1 vom 18. Juli 2019
- â G-ttes vergessene Kinder?, haGalil.com 12. Juli 2009
- â JĂŒdische Organisation fordert Namen von Holocaust-Waisen. Neuer Streit um alte Fragen, DOMRADIO.DE 30. April 2009
- â Die verlorenen Holocaust-Kinder, AudiaturONLINE 27. Mai 2015
- â Neuer Blick auf altes Leid, SZ 02.08.15
- â Durch die Atombombe zur Waise geworden, Bericht des Zeitzeugen, Herrn Yamaoka, Hiroshima-Platz Potsdam e. V. Jul. 2006
- â Eine Zeit des groĂen Umbruchs, Dlf Kultur 22. April 2015
- â M. Amjahid: Kinder an der Macht. Wie im Budapest des Jahres 1945 ein paar Jungen und MĂ€dchen einen eigenen Staat grĂŒndeten. Zeit-Magazin, 7. Oktober 2016.
- â Die Geschichte des SOS-Kinderdorf e. V., SOS-Kinderdorf e. V. 2020
- â Barbara Rohr: â⊠mich selbst und alles, was ich war und hatte, hineinwerfen in den Jammer der Zeitâ. WĂŒrdigung von Lebenswerk und Persönlichkeit Eva von Tiele-Wincklers (1866â1930) vor dem Hintergrund unterschiedlicher Zeitströmungen. 2005, S. 12
- â Ein Tag mit Folgen: Die verratenen Waisen des Maurice Duplessis. Französische TV-Dokumentation von Marc Petitjean, Arte 2003
- â Mandela. Vom Staatsfeind zum PrĂ€sidenten, History. zdf info 6. Dezember 2013 (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2018. Suche im Internet Archive)
- â WeiĂes Blut. Aus den Ruinen in die Sonne. Eine Apartheids-Geschichte arte. 4. Juni 2013 ( vom 12. Dezember 2013 im Internet Archive)
- â Vatikan: Mother Teresa of Calcutta. Abgerufen am 1. Februar 2011.
- â Nonnenmacher, P.: Vom Empire verstoĂen. Waisentransport nach Australien Frankfurter Rundschau 16. November 2009
- â R. Steininger: Der vergessene Krieg. Korea 1950â1953. Olzog Verlag. 2. Auflage 2009
- â History of Adoption in Korea â KOREA ADOPTION SERVICES. Abgerufen am 13. April 2018 (koreanisch).
- â [Olympionikin sucht leibliche Eltern. Mama, erkennst du mich? SPIEGEL ONLINE, 08-2018]
- â Auch in der DDR: Nordkoreas vergessene Waisenkinder. euronews 25. Juni 2020
- â KIM IL SUNGâs Children 2020
- â F. Dikötter: Maos GroĂer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China. Klett-Cotta 2014
- â B. Leiber, M. Radke, M. MĂŒller: Das Baby-Lexikon. ABC des frĂŒhen Kindesalters. Deutscher Taschenbuch Verlag, MĂŒnchen 2001.
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- â Die Narben der Apokalypse. Zeit Online 26. April 1985.
- â Die Kinder der Operation Babylift. SPIEGEL ONLINE, 8. April 2005
- â Operation Babylift. ABC 2015 ( vom 11. September 2018 im Internet Archive)
- â Kambodscha. Zerrissenheit eines traumatisierten Landes. Deutschlandfunk 13. April 2015
- â Geraubte Kinder. planet wissen, 2. August 2016
- â Argento, A.: Paula, du bist Laura! Geraubte Kinder in Argentinien. Ch. Links Verlag 2010, ISBN 978-3-86153-593-5.
- â WaisenhĂ€user in SĂŒdkorea, Jahrzehntelang brutaler Kindesmissbrauch vertuscht. Nord West Zeitung, 22. April 2016
- â Hunderte mussten fĂŒr ein glĂ€nzendes Olympia sterben. Welt Geschichte 4. Mai 2016
- â The orphans of Angolaâs secret massacre seek the truth. BBC News 5. September 2020
- â In den WaisenhĂ€usern wartet der Tod. DIE WELT 12. Juni 1995
- â Der Kinder-Gulag von Harbin. SPIEGEL ONLINE 11. September 1995
- â China beendet Ein-Kind-Politik. Zeit Online 29. Oktober 2015.
- â Zeitzeugen erinnern sich an den Super-GAU. DW 26. April 2011
- â Nicht, Frank Lothar: Die âStasiâ als Erinnerungsort im vereinigten Deutschland 1990â2010. Tectum Verlag. Marburg 2012
- â Elternflucht. Die verlassenen Kinder der DDR. Spiegel Online, 11. Oktober 2010
- â Osloer Abkommen als ein Meilenstein im Nahost-Friedensprozess. bpb 12. September 2018
- â Wie am 11. September zehn Waisen zusammenrĂŒckten. Berner Zeitung, 11. September 2016.
- â 9/11-Waisen trösten Hinterbliebene in Paris. stern, 1. Dezember 2015.
- â Lielischkies, Udo: Russland: Waisen als politische Waffe, Weltspiegel, ARD Stand: 20. Juni 2013
- â AFP/AP/lk: Gerichtsbeschluss: Madonna darf Waisenkind Mercy doch adoptieren. In: welt.de. 12. Juni 2009, abgerufen am 16. Februar 2025.
- â Klaus-Helge Donath: Exerzieren fĂŒr die ferne Zukunft. In: taz.de. 30. Juli 2002, abgerufen am 16. Februar 2025.
- â The 3 Rooms of Melancholia. Variety, 27. September 2004.
- â Das schreckliche Leben der Jersey-Waisen. Welt, 28. Februar 2008.
- â Sexorgien mit Heimkindern. SĂŒddeutsche Zeitung, 19. Mai 2010.
- â Drogenkrieg in Mexiko. Erben der Gewalt. Zeit Online 6. August 2014.
- â Die Kinder des Drogenkrieges. Von kindlichen Opfern und TĂ€tern im mexikanischen Drogenkrieg. ila Das Lateinamerika-Magazin Juni 2013
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