Zahlschrift
Eine Zahlschrift ist ein Schriftsystem fĂŒr das Schreiben von Zahlen. Die Entwicklung der Zahlzeichen und der Zahlschrift ist ein wesentlicher Teil der Kulturgeschichte.[1] Das Medium der Schriftlichkeit (siehe auch: Glyphe und Graph) schlieĂt historisch auch Techniken des Ritzens, Kerbens, Stempelns und MeiĂelns ein. Die Zahlschrift grenzt sich einerseits gegen die Zahlwortsysteme (Numerale) der natĂŒrlichen Sprachen ab; andererseits grenzt sie sich gegen Systeme ab, bei denen Finger- und Körpergesten, Rechensteine, Knoten, Lichtsignale oder andere, weder sprachliche noch im engeren Sinn schriftliche Zeichen fĂŒr die ReprĂ€sentation von Zahlen eingesetzt werden. Als Ergebnis der Zahlschrift sind Zahlzeichen entstanden, die aus der geordneten Aneinanderreihung zugehöriger Ziffern gebildet werden.
Von einer Zahlschrift zu unterscheiden ist eine Ziffernschrift, die Zahlzeichen zur Codierung von Text verwendet.[2]
Struktur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Basis eines Zahlensystems
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am Anfang der Entwicklung der Zahlzeichen, schon in der Steinzeit, steht das UnĂ€rsystem, das sich bis heute als Strichliste erhalten hat. Das System ist allenfalls durch BĂŒndelung zu fĂŒnf Strichen strukturiert und nur fĂŒr recht kleine natĂŒrliche Zahlen geeignet.
Bereits in der römischen Zahlschrift ist Struktur enthalten, mit der sich Zahlen bis weit ĂŒber tausend ĂŒberschaubar darstellen lassen. Sie besteht in der Stufung der Ziffernwerte bei der Folge der Ziffern  I â X â C â M um den Faktor zehn von Ziffer zu Ziffer. Dieser ist die Basis, auf der dieses Zahlensystem aufbaut. (Die Werte der dazwischen liegenden Ziffern  V â L â D sind untereinander ebenfalls um den Faktor zehn gestuft.)
Das heutzutage gĂ€ngige Zahlensystem enthĂ€lt als Strukturelement die Stelle; das ist ein Platz in der geordneten Reihenfolge eines Zahlzeichens. Jede Ziffer belegt eine Stelle, und jede Stelle trĂ€gt einen Stellenwert, mit dem der Ziffernwert zu gewichten ist. Die Basis des Zahlensystems legt die Stellenwerte fest als Potenzen dieser Basis. Neben der im Dezimalsystem ĂŒblichen Basis zehn sind oder waren weitere Basen in Gebrauch.
Ălter als das römische ist das babylonische Zahlensystem mit der Basis sechzig und innerhalb dieser Basis mit der Hilfsbasis zehn. Dieses Zahlensystem strahlt bis heute aus auf die Angabe von Winkeln und Uhrzeiten.
Ordnung in den Zahlzeichen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein zahlschriftlich auf der Grundlage eines Zahlensystems gebildeter numerischer Ausdruck gibt fĂŒr eine natĂŒrliche Zahl meist zweierlei an:[3]
- welche Potenzen der Basis in der Zahl enthalten sind, angefangen bei der höchsten in ihr enthaltenen,
- wievielmal diese Potenzen in ihr enthalten sind.
Zuerst werden von der darzustellenden Zahl der Wert der höchsten enthaltenen Potenz und die Anzahl ihres Vorkommens festgestellt. Wird das Produkt daraus gebildet und von der Zahl abgezogen, so verbleibt meistens ein Rest. Aus diesem wird mit der nĂ€chstniedrigeren Potenz (sofern im Rest enthalten) und deren Anzahl entsprechend der nĂ€chste Rest gebildet,â und so fort, bis kein Rest mehr vorhanden ist. Bei einem Zahlensystem, das auch die Anzahl null enthĂ€lt, wird uneingeschrĂ€nkt verfahren bis zur niedrigsten Potenz, also zur Zahl eins.
Beispiele anhand der Zahl tausendvierhundertvierunddreiĂig:[3]
- Römisch (Typ kumulativ-additiv, Basis 10, Hilfsbasis 5):
- MCCCCXXXIV
- = 1000 + (100 + 100 + 100 + 100) + (10 + 10 + 10) + (5 â 1)
- Milesisch-griechisch (Typ beziffernd-additiv, Basis 10):
- âÎ±Ï Î»ÎŽ
- = 1000 + 400 + 30 + 4
- Chinesisch (Typ multiplikativ-additiv, Basis 10):
- äžć ćçŸ äžć ć
- = (1 Ă 1000) + (4 Ă 100) + (3 Ă 10) + 4
- Babylonisch (Typ kumulativ-positionell, kumulative Hilfsbasis 10, positionelle Basis 60):
- Maya (Typ beziffernd-positionell, Basis 20):
- Indisch-arabisch (Typ beziffernd-positionell, Basis 10):
- 1434
- = (1 Ă 1000) + (4 Ă 100) + (3 Ă 10) + (4 Ă 1)
Typologische Unterscheidung von Zahlschriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zahlschriften werden nach einem weitverbreiteten Einteilungsprinzip in âpositionelleâ und âadditiveâ unterschieden.
Positionelle Zahlschriften wie im indisch-arabischen Stellenwertsystem drĂŒcken die Potenz durch die Stellung einer Ziffer innerhalb des Zahlzeichens aus und die Anzahl durch den Wert der jeweiligen Ziffer. Sie benötigen deshalb bei einer Basis B auch nur Bâ1 (im Dezimalsystem: 10â1 = 9) Ziffern, um fĂŒr jede beliebige Potenz deren Anzahl bis zur Erreichung der nĂ€chsthöheren Potenz anzugeben. AuĂerdem benötigen sie zusĂ€tzlich eine Ziffer fĂŒr den Wert null, wenn innerhalb eines zusammengesetzten Ausdrucks eine bestimmte Potenz nicht vorkommt. Trotz der BeschrĂ€nkung auf einen derart begrenzten Zeichenvorrat sind diese Zahlschriften geeignet, Zahlen beliebiger, nur durch die verfĂŒgbare SchreibflĂ€che begrenzter GröĂe darzustellen.
Additive Zahlschriften in Additionssystemen kennzeichnen dagegen jede Potenz der Basis mit einer eigenen Ziffer. In der römischen Zahlschrift wird diese entsprechend der Anzahl ihres Auftretens wiederholt (Abweichungen sind möglich). In der chinesischen Zahlschrift wird eine Ziffer fĂŒr die Potenz multiplikativ mit einer Ziffer fĂŒr die Anzahl versehen. In der griechischen Zahlschrift erhĂ€lt nicht nur jede Potenz, sondern auch jedes Vielfache einer Potenz bis zum Erreichen der nĂ€chsthöheren Potenz eine eigene Ziffer.
Der mit additiven Zahlschriften darstellbare Zahlenraum ist prinzipiell durch den Umfang des verfĂŒgbaren Ziffernvorrats begrenzt, wenn dieser nicht durch EinfĂŒhrung neuer Ziffern fĂŒr höhere Potenzen weiter anwachsen soll, oder wenn nicht ein additives Prinzip mit dem positionellen verbunden wird. Letzteres ist bei der babylonischen Zahlschrift der Fall, indem sie die Zahlen 1 bis 59 durch Wiederholung der zwei Ziffern fĂŒr 1 und 10 schreibt; die derart gebildeten AusdrĂŒcke werden ihrerseits innerhalb eines ĂŒbergreifenden Stellenwertsystems zur Basis 60 wie Ziffern angeordnet. Dadurch können ebenfalls beliebig groĂe Zahlen mit dem vorhandenen Ziffernvorrat geschrieben werden.
Aktueller Stand
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die indisch-arabische Zahlschrift hat auf dem Weg ĂŒber das Abendland nahezu weltweite WertschĂ€tzung erfahren, weil ihr Zahlensystem besonders einfach ausbaufĂ€hig ist und schriftliches Rechnen besonders einfach unterstĂŒtzt. FĂŒr die Handhabung groĂer Zahlen und fĂŒr die Ausweitung auf andere als die natĂŒrlichen Zahlen sind im deutschsprachigen Raum weitere Regeln zur Schreibweise von Zahlen entstanden.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Stephen Chrisomalis: Numerical Notation. A Comparative History. Cambridge University Press, Cambridge [u. a.] 2010, ISBN 978-0-521-87818-0
- GeneviÚve Guitel: Histoire comparée des numérations écrites. Flammarion, Paris 1975
- Georges Ifrah: Histoire universelle des chiffres, Seghers, Paris 1981, Nachdruck Ăditions Robert Laffont, Paris 1994, ISBN 2-221-07838-1; deutsche Ăbersetzung: Universalgeschichte der Zahlen. Campus, Frankfurt / New York 1991, ISBN 3-88059-956-4
- Karl Menninger: Zahlwort und Ziffer. Eine Kulturgeschichte der Zahl. 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958, Nachdruck ebenda 1998, ISBN 3-525-40701-7 digi20
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Reinhold Remmert, Peter Ullrich: Elementare Zahlentheorie. Springer Basel, 1987, Seite 140.
- â Deutsches Wörterbuch. In: F. A. Brockhaus (Hrsg.): Brockhaus EnzyklopĂ€die. 19. Auflage. Band 28. Manheim 1995, ISBN 3-7653-1100-6, S. 4017.
- 1 2 Vgl. Chrisomalis (2010), S. 9ff., dem auch die Beispiele entnommen sind, und nach dessen Terminologie die typologischen Zuordnungen vorgenommen werden (bei Chrisomalis: "cumulative-additive", "multiplicative-additive", "ciphered-additive", "cumulative-positional", "ciphered-positional")